Paralympics

Heinrich Popow: „Wir leben und fühlen Olympia“

Paralympics-Star Heinrich Popow kritisiert seine nichtbehinderten Kollegen und weist Techno-Doping von sich.

Prothesensportler Heinrich Popow sprang am 20. August in Burbach mit 6,77 Meter Weltrekord

Prothesensportler Heinrich Popow sprang am 20. August in Burbach mit 6,77 Meter Weltrekord

Foto: dpa Picture-Alliance / BEAUTIFUL SPORTS/Axel Kohring / picture alliance / Beautiful Spo

Berlin.  Er ist Paralympics-Sieger, Gold-Favorit in Rio und ein Mann klarer Worte: Heinrich Popow (33) lässt sich nicht verbiegen. Zum heutigen Start der Paralympics erklärt der Leichtathlet, wie ihn der öffentliche Druck in London fast erdrückte und warum Prothesensportler nicht mit Nichtbehinderten starten sollen.

Herr Popow, Sie haben 2012 Gold über 100 Meter gewonnen, sind seit August aber auch Weltrekordler im Weitsprung. In welcher Disziplin werden Sie eher gewinnen in Rio?

Heinrich Popow: Über 100 Meter bin ich der Gejagte, das steht mir nicht, das mag ich nicht. Im Weitsprung ist der Favorit eigentlich der Däne, aber mit meinem Weltrekord habe ich gezeigt, dass Potenzial da ist. Da wird es zur Sache gehen, und ich werde meine komplette Erfahrung reinschmeißen. Ich weiß, wie man Gold gewinnt.

Welche Medaille wäre Ihnen wichtiger?

Schwierige Frage. Ich gehe nie in den Startblock, um Zweiter oder Dritter zu werden. Dafür trainiere ich nicht, dafür habe ich keinen Bock, mir das anzutun. So leicht gebe ich Gold also nicht her. Andererseits: Eine Weitsprung-Medaille habe ich nun mal noch nicht.

Wie viel Druck machen Sie sich?

In London habe ich erlebt: Wenn man auf Gold fokussiert ist, fühlt sich das nachher nicht so schön an. Nach der Bronzemedaille von Athen 2004 habe ich wahrscheinlich glücklicher ausgesehen als nach Gold 2012.

Wieso war das so?

Vor London wurde eine riesige Marketingmaschinerie um mich herum aufgebaut. Das hat mir viel Kraft geraubt. Die Goldmedaille war geplant, organisiert, das Marketing hat funktioniert, und ich habe zum Glück auch funktioniert. Aber der Druck war unvorstellbar groß. Ich hatte mir vorgenommen: Wenn ich Gold gewinne, nehme ich London auseinander. Stattdessen habe ich in meinem Zimmer gefeiert. Ich war froh, meine Ruhe zu haben. Ich kam mit der Situation nicht klar.

Werden Sie sich über eine Medaille in Rio mehr freuen können?

Definitiv. Ich habe wenig Interviews gemacht, wenig PR. Auf Facebook habe ich wochenlang keinen Post abgesetzt, vor London gab’s jeden Tag einen. Ich will in Rio Spaß haben – natürlich mit der nötigen Professionalität, ich habe die höchsten Ziele. Aber ich werde im Gegensatz zu London meine eigene Person nicht aus den Augen verlieren.

„Ich habe es geschafft, mir ein Leben aufzubauen, das mich erfüllt“

Was hat sich 2012 durch Gold verändert?

Ich habe die Aufmerksamkeit genutzt für das, was ich gerne mache: junge, talentierte Amputierte zum Sport bringen. Ich habe das Projekt „Running Clinics“ gestartet, weltweit. In Rio werden bis zu zehn Athleten dabei sein, die darüber zum Sport gekommen sind. Ich habe es geschafft, mir ein Leben aufzubauen, das mich erfüllt, wenn der Sport irgendwann wegbricht.

In London hat Sie Team-Rivale Wojtek Czyz mit Techno-Doping-Vorwürfen attackiert. Wie stehen Sie heute dazu?

Das Thema hat mich damals eiskalt erwischt. Es war ja reine Schikane, ein Versuch, mich aus dem Konzept zu bringen. Wenn man nicht verlieren kann, muss man eben irgendeine Scheiße labern. Trotzdem: Das Thema Techno-Doping ist heiß, aber einseitig Amputierte betrifft es nicht.

Wieso nicht?

Es bringt mir nichts, eine Prothese schneller zu machen als das gesunde Bein. Wenn ich links schneller laufe als rechts, drehe ich mich im Kreis. Und wenn ich meine Prothese verlängere, komme ich mit dem gesunden Bein nicht auf den Boden.

Bei beidseitig Amputierten ist das anders.

Manche Athleten stoßen beim Sitzen mit dem Knie an die Nase, weil der Unterschenkel so lang ist. Das ist Affentheater, das hat nichts mit Leistungssport zu tun. Wir sehen Amerikaner oder Brasilianer, die zehn Kilo Übergewicht haben, aber extrem lange Prothesen. Da muss das Internationale Paralympische Komitee schnellstmöglich handeln.

Da es einseitig Amputierte nicht betrifft: Fänden Sie einen Olympia-Start für Prothesen-Sportler gerechtfertigt?

Ich merke ja, was die Feder am Absprung mit mir macht. Meine Konkurrenten haben kürzlich ihre Prothese verändert. Habe ich dann auch getan: Bumm, zack, Weltrekord. Meine Konkurrenten haben dieselben Produkte, und ich bin trotzdem der Beste von denen. Gegenüber Nichtbehinderten ist es aber nicht vergleichbar.

„Ich werde acht Stunden pro Tag im Zimmer schlafen, den Rest bin ich draußen“

In Rio bestreiten Sie Ihre vierten Spiele. Was macht die Paralympics aus?

Wenn ich höre, dass sich die US-Basketballer ein Luxus-Boot chartern, weil ihnen die Zimmer im Olympischen Dorf zu klein sind, bin ich froh, dass ich paralympischer Sportler bin. Ich werde acht Stunden pro Tag im Zimmer schlafen, den Rest bin ich draußen. Das ist der olympische Gedanke, aber den gibt es bei Olympia gar nicht mehr. Den gibt es bei den Paralympics.

Anders als die deutsche Olympia-Mannschaft bleibt das Paralympics-Team geschlossen von Anfang bis Ende.

Ja, wir reisen gemeinsam an und fliegen gemeinsam zurück, sind auch gemeinsam bei Eröffnungs- und Schlussfeier. Wir leben Olympia, wir fühlen Olympia. Diskussionen wie vor ein paar Wochen, ob es auf den Zimmern einen Fernseher gibt – das ist doch total bescheuert. Du arbeitest vier Jahre lang auf diesen sportlichen Höhepunkt hin, freust Dich drauf, andere Sportler kennenzulernen – und dann beschwerst Du Dich über einen fehlenden Fernseher? Das Gelaber drumherum hat Olympia für mich kaputt gemacht.

Sie haben sich für den Komplett-Ausschluss Russlands ausgesprochen, aber auch gesagt, dass es in anderen Ländern ‘genauso stinkt’. Haben Sie Hoffnung, dass manche Ihrer Silber- und Bronzemedaillen nachträglich aufgewertet werden?

Das ist mir scheißegal. Wenn sie jemanden finden, der positiv war, was juckt mich das? Ich bekomme die Medaille nach Hause geschickt, schaue kurz drauf, mein Wikipedia-Eintrag ändert sich, und die Medaille kommt in den Schrank. Aber der Moment, aufgerufen zu werden und die Hymne zu hören, der ist mir genommen worden.

Werden Rio Ihre letzten Paralympics?

Vom Gefühl her ja. Aber es ist definitiv nicht mein Karriereende. 2017 ist die WM in London, und ich würde gerne nochmal auf die Bahn zurückkehren, auf der ich 2012 Paralympics-Sieger wurde. Und die EM 2018 ist in Berlin. Irgendwie sagt mir mein Bauchgefühl: 2018 höre ich zu Hause auf. sid