Oslo/Berlin

Junge Männer braucht das Land

Bis zur WM 2018 will Bundestrainer Joachim Löw Talente integrieren. Die Auswahl an Spielern ist groß

Oslo/Berlin.  Joachim Löw war sauer. Irgendwo auf der Anreise nach Oslo, wo am Sonntagabend die erste WM-Qualifikationspartie der deutschen Nationalelf gegen Norwegen gespielt werden sollte (nach Redaktionsschluss beendet), las der Bundestrainer, dass Testspiele niemandem etwas bringen würden. Am Mittwoch hatte es ein solches gegen Finnland gegeben (2:0), und Löw brachte es viel. Eine seiner Hauptaufgaben bis zur WM 2018 in Russland sei es, „junge Spieler heranzuführen“, so der 56-Jährige. „Das ist für mich ein großes Ziel.“ Die Tür zur Nationalelf stehe offen – in Test- und Pflichtspielen gleichermaßen. Junge Männer braucht das Land. Wen Löw meint? Wir stellen Kandidaten vor.

Julian Brandt (Leverkusen): Der 20-Jährige stand im Mai bereits im vorläufigen EM-Aufgebot der Nationalelf, bis ihn Löw streichen musste und später im Turnier merkte, dass ihm genau der Spielertyp fehlte. Brandt ist der Eins-gegen-eins-Spieler, von denen Löw zu wenige im Kader hatte. Über die Flügel geht der schnelle Leverkusener oft ins Dribbling und sucht den Torabschluss. Mit sechs Treffern und drei Vorlagen war Brandt maßgeblich am starken Saisonendspurt von Bayer im März und April beteiligt. „Er hat eine sehr hohe Effizienz vor dem Tor“, sagt Leverkusens Trainer Roger Schmidt. Und genau die ging Löws Elf zuletzt ja ab. Beim olympischen Fußballturnier in Rio gewann Brandt im August mit Deutschland Silber, gegen Finnland stand er zum ersten Mal in der Startelf der A-Nationalelf. „Wir brauchen mehr torgeile Spieler“, forderte Verteidiger Mats Hummels nun in der „FAS“. Brandt ist so einer.

Leon Goretzka (Schalke): „Ich bin ein Riesen-Fan von Leon Goretzka.“ Löw hat das kürzlich gesagt und steht damit nicht allein. Der 21-Jährige ist ein Spielertyp wie Michael Ballack es früher war. Schon mit 17 wurde er beim Zweitligisten Bochum Stammspieler und wechselte bald zu Schalke 04. Mit 19 debütierte der zentrale Mittelfeldspieler im Testspiel gegen Polen vor der WM 2014 für die Nationalelf, wurde danach aber des Öfteren durch Verletzungen zurückgeworfen. In Rio sollte Goretzka das deutsche Team eigentlich als Kapitän anführen, musste aber wegen Schulterproblemen abreisen. Wie Brandt auf dem Flügel muss sich Goretzka im Mittelfeldzentrum gegen starke Konkurrenz durchsetzen. Eine Chance wird er aber bekommen.

Max Meyer (Schalke): Wie Goretzka debütierte auch Meyer schon vor zwei Jahren in der Nationalelf. Danach wechselten sich im Verein aber Licht- und Schattenmomente beim Spielmacher ab. In Rio vertrat er Goretzka als Kapitän und war einer der auffälligsten Akteure des Turniers. Gegen Finnland ließ ihn Löw in der A-Elf vorspielen, und Meyer traf zum 1:0. Der kleine Techniker muss sich auf Schalke konstanter durchsetzen, um hinter Mesut Özil im ohnehin schon üppig ausgestatteten offensiven Mittelfeld bei Löw seinen Platz zu finden.

Niklas Süle (Hoffenheim): Michael Reschke, Kaderplaner des FC Bayern, hat vor geraumer Zeit erkannt, dass es in der Bundesliga nur drei junge, in Deutschland geborene Innenverteidiger gäbe, die perspektivisch interessant für die Münchner sein könnten: Jonathan Tah von Bayer Leverkusen, John Anthony Brooks von Hertha BSC, der allerdings für das Land seines Vaters spielt (USA), und Niklas Süle. Auch der Hoffenheimer gab mit 17 sein Bundesligadebüt und hat mit nunmehr 21 Jahren bereits die Erfahrung von 76 Bundesligaspielen gesammelt. Mit der Statur eines Kleiderschranks überrascht Süle durch ein feines Aufbau- und gutes Stellungsspiel. Durch starke Olympia-Auftritte bewarb er sich auch bei Löw und durfte gegen Finnland sein erstes Länderspiel machen. Neben Tah (20) gilt Süle als größtes, deutsches Innenverteidiger-Talent.

Die Liste der Perspektivspieler, denen Löw bis zur WM 2018 die Tür aufhält, ist freilich länger. Da gibt es den Sechser Mahmoud Dahoud (20) von Borussia Mönchengladbach, der in der vergangenen Saison überragende Auftritte hatte. Den Neu-Bremer Flügelspieler Serge Gnabry (21), der die Bühne in Rio für sich zu nutzen wusste, aber auch den Wolfsburger Allrounder Yannick Gerhardt (22) und den Leipziger Außenverteidiger Lukas Klostermann (20). Der Weg in die Nationalelf ist für sie noch etwas länger. Gleiches gilt für Mitchell Weiser von Hertha BSC (22). Er bringt die Technik und Geschwindigkeit mit, um sich als Rechtsverteidiger bei Löw anzubieten. Dort aber hat sich zunächst Joshua Kimmich vom FC Bayern platziert.