75. Istaf

Harting ohne Chance gegen „Lucky Luke“

Robert Harting verpasst den Sieg beim Istaf, dafür glänzen andere deutsche Leichtathleten vor 44.500 Zuschauern im Olympiastadion.

Robert Harting muss sich beim 75. Istaf mit Rang drei begnügen

Robert Harting muss sich beim 75. Istaf mit Rang drei begnügen

Foto: Gregor Fischer / dpa

Berlin.  Dass es ein Feuerwerk geben würde, das hatten die Organisatoren des Istaf vorher angekündigt. Dass es allerdings nicht erst nur am Ende der Veranstaltung, sondern bereits während des Speerwurfwettbewerbs der Männer gezündet wurde, war dann doch eine Überraschung. Im Minutentakt knallte es, wenn wieder einmal einer der Werfer die 80-Meter-Marke übertroffen hatte.

Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Deutschland momentan weltweit die Speerwurf-Nation Nummer eins, dann wurde er am Sonnabend beim Istaf erbracht: Am Ende lagen gleich vier Deutsche vorne, allesamt mit Weltklasseweiten, angeführt von Johannes Vetter, der mit persönlicher Bestleistung von 89,57 Metern auch Olympiasieger Thomas Röhler (82,55) in die Schranken weisen konnte.

Die 44.500 Zuschauer beim Istaf hatten also bereits großen Sport gesehen, noch bevor der vermeintliche Höhepunkt des Abends überhaupt begonnen hatte. Die Sonne ging bereits unter über dem Olympiastadion, als die Diskuswerfer um Lokalmatador Robert Harting in den Ring traten. Extra für den 31-Jährigen war dieser zur 75. Auflage des Stadionfests erstmals in den Rasen eingelassen worden, mitten in den Fünfmeterraum. Anstatt wie sonst aus der Ecke ließen die Diskuswerfer ihre Scheiben direkt vor der Ostkurve fliegen, den Wind von vorne und die Anfeuerungen des Publikums im Rücken. Gegenwind lässt die Disken weiter fliegen, „das kann schon zwei Meter ausmachen“, hatte Harting Erwartungen geweckt.

Die Europameisterschaften in Berlin 2018 fest im Blick

Die ganz großen Weiten blieben dann aber aus. Der Österreicher Lukas Weißhaidinger, Olympiasechster der Spiele in Rio de Janeiro und von seinen Fans „Lucky Luke“ genannt, war mit 66,00 Metern noch der Beste, gefolgt von Europameister Piotr Malachowski (Polen) mit 65,39 Metern. Harting wurde Dritter. Seine beste Weite: 63,23 Meter – fast fünf Meter unter seiner Saisonbestleistung. Dem Publikum schenkte er noch einen kurzen Gruß, für seine eigene Leistung hatte er bloß Kopfschütteln übrig. Später, als die Zuschauer längst gegangen waren, stand Harting immer noch im Innenraum und stand für Fotos bereit. Er, der sonst so gerne im Rampenlicht steht, wirkte in diesem Moment ziemlich fehl am Platz.

Es wurde also nichts mit der erhofften Wiedergutmachung für Rio, wo der Mann vom SCC bereits in der Qualifikation gescheitert war. Ein Hexenschuss hatte ihm Olympia verdorben. Statt der erhofften Goldmedaille hatte er Zweifel mit nach Hause gebracht und kurzzeitig sogar ein Karriereende erwogen. „Ich habe alles durchdacht“, sagte er. „Ich habe das verarbeiten müssen. Ich habe drei, vier Tage wach gelegen und überlegt.“

Mittlerweile ist ein Karriereende aber vom Tisch. Bis zu den nächsten Europameisterschaften, die 2018 in Berlin stattfinden, will Harting schon noch weitermachen. Die Fans dürfen sich auch in Zukunft auf das Bruderduell im Diskuswerfen freuen, das beim diesjährigen Istaf noch ausgefallen war: Olympiasieger Christoph Harting, fünf Jahre jünger als Robert, hatte seinen Start wegen eines Infekts noch kurzfristig absagen müssen. Er war jedoch im Stadion, um Autogramme zu geben.

Der Olympiaeffekt ist allerdings ausgeblieben

Erstmals seit 1970 hatte das Istaf wieder an einem Sonnabend stattgefunden. Was Robert Harting nicht gelang, das schafften neben Johannes Vetter auch Hürdenläuferin Cindy Roleder, Sprinterin Gina Lückenkemper über 200 Meter und Vetters Trainingskollegin Christina Obergföll im Speerwurf: Heimsiege für deutsche Athleten. Als Zweite konnten auch Gesa Felicitas Krause über 3000 Meter Hindernis und Dreisprung-Europameister Max Heß überzeugen und damit den schwachen Eindruck, den die deutschen Leichtathleten zum Teil bei den Olympischen Spielen abgaben, zumindest etwas korrigieren.

Die geringe Medaillenzahl in Rio war wohl auch der Grund, weshalb in diesem Jahr trotz des Jubiläums etwas weniger Zuschauer als in den Vorjahren ins Stadion gekommen waren. „Der erhoffte Olympiaeffekt ist diesmal leider ausgeblieben“, bilanzierte Meetingdirektor Martin Seeber.

Trotzdem war das Istaf auch in diesem Jahr wieder das besucherstärkste Leichtathletik-Meeting der Welt. Für einige der Teilnehmer war es zudem das letzte: Mit Obergföll, Disziplinkollegin Linda Stahl, Stabhochspringer Björn Otto, dem Berliner Dreispringer Raúl Spank und der früheren Hammerwurf-Weltmeisterin Betty Heidler aus Marzahn wurden zahlreiche Athleten in Berlin verabschiedet.