Berlin

„Wenn der Vulkan kommt“

Hertha-Trainer Pal Dardai über seinen Jubellauf zu Julian Schieber und den Wert der ersten Saison-Erfolge

Berlin. Pal Dardai ist jemand, der einfache Bilder liebt. Wenn er erklären will, warum er sich in seinem zweiten Jahr als Cheftrainer von Hertha besondere Gedanken darum macht, wie er seine Spieler erreicht, erinnert er sich an einen alten Trainer in seiner Heimat Ungarn. Der habe ihm gesagt: Im ersten Jahr ist Motivation kein Probleme, da hören dir alle zu. Aber im zweiten Jahr kennen die Spieler deine Sprüche. Dann musst du dir besondere Mühe geben. „Also habe ich in der Vorbereitung einiges anders gemacht“, erzählt Dardai. Das Zusammenleben mit einer Mannschaft sei nicht viel anders als mit der Familie. „Wenn ich nach Hause komme und meine Socken einfach in die Ecke schmeiße, bekomme ich Ärger mit Moni. Dann merke ich: O.k., das geht so nicht.“ Monika ist Dardais ­Ehefrau und Mutter der drei Söhne.

Ähnlich hat es Dardai mit Julian Schieber gehalten. Der Stürmer hatte nach einer schweren Knieverletzung, die ihn ein Jahr außer Gefecht gesetzt hat, seit sechs Monaten immer nur Schwung geholt, um ins Team zu kommen. „In den ersten Wochen der Vorbereitung war ich traurig, wenn ich ­Julian im Training gesehen habe“, sagte Dardai. Zu wenig Dampf, zu wenig Power. Das waren eigentlich Qualitäten des Stürmers.

Schieber: Gewicht verloren, Spritzigkeit gewonnen

In Absprache mit Herthas Fitness­trainern „sind wir ins Feintuning gegangen“, sagte Julian Schieber. Er hat etwas Gewicht verloren, dafür etwas Spritzigkeit gewonnen. Und der ­Trainer hat seinen Angreifer die gesamte Woche vor dem Bundesliga-Start gegen den SC Freiburg geneckt und aufgezogen – Motivation rauskitzeln. Deshalb habe er sich sehr gefreut, dass es Schieber war, der das 2:1-Siegtor in der fünften Minute der Nachspielzeit gegen SC Freiburg erzielt hat.

Manager Michael Preetz sagte, er habe versucht seinen Trainer zu halten. Das sei ihm aber nicht gelungen, weil Dardai „ein paar mehr Gramm hat als früher“. Darauf angesprochen antwortete Dardai: „Wenn der Vulkan kommt, dann kommt er.“ Er wollte direkt zu Schieber laufen, um ihm zu gratulieren. Auf halbem Weg drehte der Trainer ­jedoch um, weil noch weitere zwei ­Minuten zu spielen waren.

Der Wert des Tores zur rechten Zeit kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hertha ist ein verunsicherter Verein. Das hat mit den sportlich erfolglosen letzten Monaten der vergangenen Saison zu tun. Das Aus auf dem Weg in die Europa League schmerzt (1:0/1:3 gegen Bröndby). Dazu hakt es zwischen Verein und ­vielen Fans, die sich in der neuen Marken­ausrichtung nicht recht wiederfinden.

Doch nun hat der Hauptstadt-Klub in den ersten beiden nationalen Pflichtspielen zweimal Endspurt-Qualitäten bewiesen. Im DFB-Pokal setzte sich Hertha mit dem letzten Schuss, einem von Salomon Kalou verwandelten Elfmeter, durch (6:4 n.E. bei Jahn Regensburg). Herthas Bundesliga-­Auftakt gegen Freiburg war dank der Energieleistung von Schieber in der Nachspielzeit ein erfolgreicher. Ein weiterer ­erwünschter Effekt: Ein Spieler, der von der Bank kommt und trifft – das beflügelt den Konkurrenzkampf mit den etablierten Angreifern wie Vedad Ibisevic und Kalou. Der Ivorer war etwas enttäuscht, dass er diesmal nicht eingesetzt wurde. Dardai versuchte Kalou, der zwei Trauerfälle in der Familie hat, aufzurichten. „Ich habe Salomon gesagt: Fliege nach Hause und kümmere Dich um Deine Familie. Wenn Du zurückkommst, greifst Du wieder an.“

Der Trainer macht keinen Hehl daraus, dass er die Leistungen von Hertha oft besser findet, als die Wahrnehmung des Klubs im Umfeld. „In Berlin wird immer alles so schnell kaputtgeredet“, sagte Dardai. „Deshalb freuen mich die Siege, weil sie nur durch den Teamgeist möglich waren.“ Natürlich sei der Freiburger Ausgleich ärgerlich gewesen (Nicolas Höfler/90.+3). Hertha war gerade in Unterzahl, Per Skjelbred wurde an der Seite behandelt. „Da haben wir nicht schnell genug geschaltet“, sagte Dardai. „Da hätte einer die Verantwortung übernehmen und die Zuordnung ändern müssen.“ Weil das Gegentor just von der Position ­geköpft wurde, wo Skjelbred hätte ­stehen sollen.

Schwamm drüber, die Mannschaft von Neukapitän Vedad Ibisevic geht mit dem Selbstbewusstsein von zwei Siegen in die Länderspielpause. Den Kritikern, die monieren, ein 2:1 gegen einen Aufsteiger sei echt mager, entgegnet Dardai: „Schaut man sich unsere Siege in der erfolgreichen vergangenen Saison an, haben wir viele Spiele mit nur einem Tor Unterschied gewonnen.“ Und die nächste Bundesliga-Partie, am 10. September auswärts beim FC Ingolstadt, „wird ähnlich schwer werden wie die gegen ­Freiburg.“