New YorK/Kiel

Kampf der Generationen

Am Ende einer langen Olympiasaison wirdbei den US Open in New York mit einigen Überraschungen gerechnet

New YorK/Kiel. Draußen in Flushing Meadow ist das Neue nicht zu übersehen. Über dem Arthur Ashe Stadion, der größten Tennisarena der Welt, entfaltet sich nun eine architektonisch kühne Dachkonstruktion – ein Regen-Schirm, der zumindest auf dem Centre Court der US Open vor den Tücken des spätsomerlichen Wetters schützen soll. Doch es gibt auch eine sportliche Konstellation beim letzten Grand-Slam-Turnier 2016, die auf Veränderung, vielleicht gar Umwälzung deutet – denn erstmals seit Jahren werden bei den Titelspekulationen vorm Start am Montag nicht nur die angestammten Kandidaten genannt. Sei es nun Novak Djokovic und der Rest der Großen Vier bei den Herren. Oder sei es Serena Williams bei den Frauen. „Es ist durchaus möglich, dass sich ein Zeitenwechsel im Welttennis anbahnt“, sagt John McEnroe, der Ex-Star and scharfsinnige TV-Experte, „auch wenn sich das in der Weltrangliste noch nicht niederschlägt.“

Kommende Stars wie Thiem, Zverev und Coric lauern schon

Die Großen Vier – mit diesem Begriff war für eine kleine Ewigkeit die Spitzengruppe mit Roger Federer, Rafael Nadal, später dann Novak Djokovic und Andy Murray umschrieben. Doch wie sieht das im Hier und Jetzt aus? Federer hat nach endlosen Verletzungsproblemen in diesem Seuchenjahr die offizielle Arbeit bereits eingestellt, Nadal kämpft sich nach langwieriger Malaise mühsam wieder nach vorn, Djokovic laboriert aktuell an einer Handgelenksverletzung herum, die ihn in Wimbledon und bei den Olympischen Spielen behinderte. Und Murray, der daheim, auf dem Rasen des All England Lawn Tennis Clubs und in Rio triumphierte, wirkt leicht überspielt und ausgelaugt.

Genau wie bei Djokovic, der sich im Frühling seinen letzten großen Traum mit dem French-Open-Sieg erfüllte, stellt sich auch bei Frontfrau Serena Williams eine dezente, zumindest aktuelle Motivationsfrage: Die Amerikanerin, zuletzt verletzt angeschlagen, stellte in Wimbledon den (lange angepeilten) Grand-Slam-Rekord von Steffi Graf ein, doch was kommt nun bei der Neujustierung von Zielen und Perspektiven?

Neue Köpfe und Typen müssen bei diesem schrillen Spektakel vor den Toren des Big Apple für Emotionen sorgen, denn der größte Stimmungsmacher dieser New Yorker Ära, der Maestro Federer, fehlt ja erstmals seit 1999. Den Schweizer hatten sie in der Welthauptstadt wie einen eigenen Sohn adoptiert, auch in Ermangelung eigener Heldengestalten – und einen wie Federer kann ihnen auch der zweite eidgenössische Grand-Slam-Champion dieser Tage, der Kraftmeier Stan Wawrinka, nicht ersetzen. „Viele in der Szene, auch viele Fans, werden sich etwas ganz Neues wünschen. Einen neuen Star, einen frischen Champion“, sagt Altmeister Jimmy Connors. Kurios genug, dass gerade er das sagt, schließlich schuf der charismatische Straßenkämpfer vor einem Vierteljahrhundert im zarten Alter von 39 eine Saga der Beharrungskraft und Leidenschaft – gestoppt wurde er damals erst im Halbfinale.

Der ehrgeizige Kroate Marin Cilic, der zuletzt das Masters-Turnier in Cincinnati gegen Murray gewann, gehört nun zum eher engeren Favoritenkreis – nicht zuletzt, weil er schon einmal den Titellauf in New York erfolgreich absolvierte, vor zwei Jahren war das. Doch man wird neben Cilic und dem Technokraten am Racket, dem Kanadier Miloas Raonic, auch auf die Revoluzzer der neu aufscheinenden Generation blicken – auf den Heim-Spieler Taylor Fritz, auf den Deutschen Alexander Zverev, auf den Österreicher Dominic Thiem, auf Cilics Landsmann Borna Coric. Und auch auf die australische Skandalnudel Nick Kyrgios, soeben prominent porträtiert von der „New York Times.“ Nicht auszuschließen sei, sagt Amerikas Davis-Cup-Kapitän Jim Courier, „dass in dieser besonderen Saison, mit dem Sonderfaktor Olympia, einer das Turnier gewinnt, der jetzt noch nicht mal was von seinem Glück ahnt.“ Würde das auch auf eine größere Kräfteverschiebung hindeuten? „Zu früh, um das zu behaupten“, sagt Courier, „da hat man sich schon oft getäuscht. Aber unmöglich? Nein.“

Angie Kerber kann Nummer eins werden, wirkt aber müde

Überraschender als das 2015er Endspiel mit den unterhaltsamen Italienerinnen Flavia Pennetta und Roberta Vinci kann es im Frauenwettbewerb eigentlich nicht mehr kommen. Die Überraschung ist eher, dass man vor diesem US-Open-Turnier nicht zwingend auf Serena Williams als erste Favoritin setzt – und auch nicht auf eine erfolgreiche Pokaljagd von Angelique Kerber. Beiden Topspielerinnen in der Rangliste merkte man in den vergangenen Wochen, wenn sie denn überhaupt auf dem Platz standen, die Strapazen der Serie 2016 an – Williams mehr noch als Kerber. Die Deutsche hätte fast die Ablösung der Wuchtbrumme in der Weltrangliste geschafft, doch auf den letzten Metern des Turniers in Cincinnati war ein körperlicher wie mentaler Einbruch zu beobachten. Doch statt der dringend nötigen, längeren Durchschnaufphase kommt nun auch für Kerber das Grand-Slam-Abenteuer in New York. So fällt der Blick auch hier auf andere Aspirantinnen, auf die schlagmächtige US-Kraft Madison Keys, auf French Open-Königin Garbine Muguruza, durchaus auch auf Außenseiterinnen wie die Schweizerin Timea Bacsinszky oder die Tschechin Karolina Pliskova. „Die US Open 2016 – ein Kampf der Generationen“, propehezeite aktuell das US-Tennismagazin. Und zwar ohne Fragezeichen.

Die Zukunft könnte also schon jetzt sein.