Zum 70. Geburtstag

Bob Beamons flog einmal für die Ewigkeit

Beamon war 1968 die Sensation im Weitsprung. Auch in Rio hätte er mit 8,90 Metern gewonnen. Bis heute denkt er an den Berliner Gegner.

Oft wurde Bob Beamons Sprung analysiert. Aber eine verständliche Erklärung für diesen Leistungssprung gibt es bis heute nicht

Oft wurde Bob Beamons Sprung analysiert. Aber eine verständliche Erklärung für diesen Leistungssprung gibt es bis heute nicht

Foto: Douglas Miller / Getty Images

Wenn Bob Beamon über den 18. Oktober 1968 spricht, denkt er nicht nur an seinen unerwarteten Weltrekordsprung auf 8,90 Meter im ersten Versuch des Weitsprung-Finales von Mexiko City. Der Amerikaner erinnert sich auch an Klaus Beer.

Der Ost-Berliner vom SC Dynamo war damals im Olympiastadion immerhin der Beste vom Rest der Welt, gewann mit 8,19 Meter Silber für die DDR. Doch er stand letztlich genauso im Schatten von Beamons Bestmarke wie alle anderen Weitspringer auch. „Klaus war einer der großartigen Athleten, ein leistungsfähiger Weitspringer. Und wenn Sie seine 8,19 Meter von damals nehmen, damit hätte er heute noch gute Chancen”, sagt Beamon im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Beim olympischen Finale von Rio de Janeiro wäre er damit immerhin noch Fünfter geworden hinter Jeff Henderson (8,38 Meter), Luvo Manyonga (8,37 Meter), Greg Rutherford (8,29 Meter) und Jarrion Lawson (8,25 Meter).

Beamon hätte gar gewonnen. Am Montag wird er 70 Jahre alt und ist eine Legende. Usain Bolt brauchte 9,58 Sekunden, um mit dem Weltrekord über die 100 Meter bei der Weltmeisterschaft 2009 im Berliner Olympiastadion Leichtathletik-Geschichte zu schreiben. Beamon reichten vor knapp 48 Jahren zur Berühmtheit nur sechs Sekunden. So lange dauerte es von seinem Anlauf bis zur Landung. Er habe den Rekord nicht erwartet, so Beamon.

Aber er bedeute ihm immer noch sehr viel. Zwar wurden Beamons 8,90 Meter am 30. August 1991 bei der WM in Tokio von Landsmann Mike Powell um fünf Zentimeter überboten, dennoch sind sie bis heute der älteste olympische Rekord. „Ich bin froh, dass ich den Rekord bei den Olympischen Spielen gesprungen bin, denn meiner Meinung nach ist Olympia der beste Ort, seine Leistung zu zeigen“, sagt Beamon.

Nach Mexiko-City kam er nie weiter als 8,22 Meter

Er hat die Momente von Mexiko noch genau vor Augen. Beamon ist der Favorit, hat im Vorfeld alle großen Wettkämpfe gewonnen. Und deshalb gibt es für ihn nur ein Ziel: Gold. Der 22-Jährige will einen „anständigen ersten Sprung“ hinlegen und sich „im zweiten Versuch dann steigern“. Doch Letzteres ist unmöglich. Denn bereits zum Auftakt gelingt ihm ein sensationeller Satz. Beamon springt in eine neue Dimension, dorthin, wo selbst das elektronische Messgerät nicht mehr hinkommt. „Die mussten ein Maßband holen“, erinnert er sich. Und selbst als die Weite von 8,90 Metern angezeigt wird, ist Beamon immer noch nicht schlauer. Dem gebürtigen New Yorker ist das metrische System völlig fremd. So muss er einige weitere Momente warten, bis er 29 Fuß und zweieinhalb Inches liest. Beamon fällt auf die Knie, kann es nicht glauben. Noch heute holt er tief Luft, wenn er davon spricht.

Der Brite Peter O’Connor war 1901 mit 7,61 Meter der erste Weltrekordhalter der Weitsprung-Geschichte. Anschließend wurde die Marke bis 1967 insgesamt 13 Mal verbessert, jedoch immer nur um wenige Zentimeter. Der größte Sprung gelang Jesse Owens, der sie 1935 von 7,98 Meter auf 8,13 Meter steigerte. Dann kam Beamon. Sein historischer Sprung war 55 Zentimeter weiter als der aktuelle Weltrekord.

Kritiker nahmen die äußeren Umstände wie die dünne Höhenluft von Mexiko City (2248 Meter) sowie den maximal zulässigen Rückenwind von zwei Metern pro Sekunde immer wieder zum Anlass, Beamons Leistung anzuzweifeln. Zumal er anschließend nie mehr weiter als 8,22 Meter sprang. Beamon sieht dies bis heute gelassen: „Experten haben den Sprung unzählige Male untersucht, unter anderem biomechanische Studien gemacht. Ich habe kein Problem damit“, sagt er. Im Gegenteil. Es sei aufregend, dass Leute immer noch über einen Sprung diskutieren, der fast 50 Jahre zurückliege.

Erinnerungen an den Ost-Berliner Klaus Beer

Seinen Olympiasieg 1972 in München zu wiederholen, sei für ihn nie in Frage gekommen. Mit dem Erfolg von Mexiko-City sah sich Beamon am Zenit. Nach seiner Leichtathletik-Karriere war er in verschiedenen Rollen als Förderer von Nachwuchs-Leichtathletik-Programmen tätig und arbeitete unter anderem auch als Zeichner. Heute tritt er noch oft als Gastredner auf. Beamon wohnt – man möchte fast sagen, seinem Alter entsprechend – in Fort Meyers in Südflorida.

Er genießt dort die ganzjährigen warmen Temperaturen und hält sich mit ausgiebigen Strandspaziergängen fit. Südflorida, so sagt er, sei einfach „eine wunderschöne Gegend zum Leben“. Wann er Klaus Beer zuletzt gesehen hat, weiß Beamon nicht mehr. Aber als er im Fernsehen das olympische Weitsprungfinale von Rio verfolgte, musste er an seinen deutschen Kontrahenten denken.