Berlin

Kollektives Aufatmen

Mäßig gespielt, viele Chancen vergeben, Nachsitzen in der Verlängerung:Doch bei Hertha überwiegt die Erleichterung, endlich einmal gewonnen zu haben

Berlin. Die Sicht von außen unterscheidet sich häufig von der Wahrnehmung innen. Viele Skeptiker haben mit vielen Kritikpunkten recht, die sie beim glücklichen Weiterkommen im DFB-Pokal von Hertha BSC bei Jahn Regensburg, 6:4 nach Elfmeterschießen, ausgemacht haben. Wie ein Bundesligist gegen einen Drittligisten überhaupt in die Verlängerung muss? Wieso sich der Klassenunterschied nicht nach 90, spätestens aber nach 120 Minute in Toren ausgedrückt habe (da stand es 1:1)? Wieso bei Hertha, vor allem bei Genki Haraguchi und Valentin Stocker, häufig der letzte Pass nicht ankommt? Und wohin die Torgefahr, vor allem bei Salomon Kalou, verschwunden ist?

Alles berechtigt. Trotzdem fällt die Innensicht anders aus. Linksverteidiger Marvin Plattenhardt sagte: „Wir haben nie aufgegeben und sind zurückgekommen.“ Trainer Pal Dardai sagte: „Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft.“

Im blau-weißen Tross war der entscheidende Punkt, dass das Team aus Regensburg mit einem Erfolgserlebnis zurückkehrt. Die Stimmung rund um den Hauptstadt-Klub ist angespannt. Das hat mit den erfolglosen Ende der Vorsaison zu tun (zwei Punkte aus acht Spielen). Das hat zu tun mit dem vorzeitigen Aus auf dem Weg in die Europa League gegen Außenseiter Bröndby. Dann gab es das Kapitänsbeben in der Vorwoche, Fabian Lustenberger wurde abgesetzt. In Regensburg amtierte erstmals Vedad Ibisevic. „Es war schwer. Unser Spiel war nicht schön. Aber das Weiterkommen war sehr, sehr wichtig. Das gibt uns einen Schub.“

Ibisevic tadelt Brooks und Langkamp: Unnötig und blöd

Dieser Aspekt ist von außen kaum wahrzunehmen, aber essenziell für das Gelingen einer Saison: Vertrauen unter­einander. Da bedeutet ein 6:4 n.E. ein Sieg. Ein Erfolgserlebnis, das den Zusammenhalt untereinander ebenso stärkt wie das Vertrauen in die Arbeit zwischen Trainer und Team. „Wir waren für dieses Pokalspiel drei Tage unterwegs“, sagte Trainer Dardai, „da ist es wichtig, dass man mit einem positiven Gefühl nach Hause fährt.“

Beispielhaft, wie schmal der Grat ist, auf dem sich Hertha bewegt, ist die Personalie Mitchell Weiser. Der war nach dem Aus vor 16 Tagen in Kopenhagen für eine Woche zum individuellen Einzeltraining verdonnert worden: Nacharbeiten an der Fitness.

Gemein, schrieben aus der Außenperspektive Kritiker bei „Immerhertha.de“, dem Blog der Morgenpost: Da wird ein wertvoller Spieler von Hertha vom Trainer kaputt gemacht. Aus der Innensicht gab es da ein paar andere Hintergründe. Trainer Dardai hofft, dass mit den aktuellen Ereignissen, dieses Thema ad acta gelegt ist. „Mitch hat vergangene Woche gut mit der Mannschaft trainiert. Wir haben gleich am Anfang gesprochen.“ Demnach wusste Weiser, dass er in Regensburg nicht in der Startelf stehen, aber beizeiten eingewechselt werden würde.

Weiser kam, nachdem Hertha 0:1 in Rückstand geraten war, köpfte den 1:1-Ausgleich (84.). Beim Elfmeterschießen traf Weiser mit einem frechen, aber sicher verwandelten Lupfer in die Mitte. „Mitch hat gut geantwortet“, sagt der Trainer. „er hat gut trainiert, seine Körpersprache ist gut.“ Weiser sagte: „Mein Ausgleich war ein wichtiges Tor, aber wir hätten das Spiel schon vorher entscheiden müssen.“

Bei Weiser darf man, ähnlich wie bei John Brooks, gespannt sein auf die weitere Entwicklung. Beide haben Qualitäten, über die Hertha sonst nicht verfügt. Weiser mit seiner guten Technik sowie kreativen Momenten im Eins-gegen-Eins-Duellen. Brooks mit seiner Physis und seinem exzellenten Aufbauspiel. Aber beide sind mit ihren 22 (Weiser) und 23 (Brooks) Jahren noch in der Entwicklung und müssen dazulernen. Wieviel sind sie bereit, anzunehmen von ihrer Umgebung? Oder, im schlechteren Fall: Wie sehr wähnen sie sich bereits hinaus über das Niveau von Hertha BSC?

Neu-Kapitän Ibisevic legt den Finger schon mal in die Wunde und sagt mit Blick auf eine Situation an der Mittellinie, wo ein Foul gegen Hertha auf grund der sich anschließenden Rudelbildung damit endet, dass mit Brooks und Sebastian Langkamp beide Innenverteidiger eine Gelbe Karte kassieren: „Das war eine unnötige Szene und blöd. Da waren wir auch selbst schuld.“ Im Anschluss hatte Dardai Brooks in der Pause ausgewechselt. Der Schiedsrichter hatte dem Trainer bedeutet, dass Herthas Nr. 25 kurz vor dem Platzverweis stünde.

Auch Weiser spürt die Gesamtlage, in der sich Hertha gerade befindet: „Fürs Selbstvertrauen ist der Sieg wichtig. In der Art zu gewinnen, das schweißt das Team zusammen.“

Und keine Bange, ganz betriebsblind sind sie intern nicht. „Wir müssen an unserer Effektivität arbeiten“, sagt Trainer Dardai mit Blick auf die zahlreichen ausgelassenen Chancen. Die nächste Möglichkeit, es besser zu machen, besteht am Sonntag beim Bundesliga-Start gegen den SC ­Freiburg (Olympiastadion, 15.3o Uhr).