Kanu-Rennsport

Marcus Groß: „Christoph Harting war in aller Munde“

Der Kanute Marcus Groß ist Berlins einziger Doppel-Olympiasieger. Er zeigt Verständnis für das umstrittene Verhalten des Diskus-Siegers.

Mit Max Rendschmidt, Tom Liebscher und Max Hoff gewann Marcus Groß im Vierer sein zweites Gold in Rio

Mit Max Rendschmidt, Tom Liebscher und Max Hoff gewann Marcus Groß im Vierer sein zweites Gold in Rio

Foto: Ryan Pierse / Getty Images

Rio de Janeiro.  Zweimal Weltmeister, siebenmal Europameister und jetzt auch zweimal Olympiasieger: Marcus Groß ist neben Sebastian Brendel (Potsdam) und Max Rendschmidt (Essen) mit Doppelgold der erfolgreichste deutsche Athlet bei den Spielen in Rio de Janeiro und damit der erfolgreichste Berliner. Alle drei sind Kanuten. Der 26-Jährige, der an diesem Dienstag heimkommt, erklärt den Erfolg der Flotte, verteidigt die Brüder Christoph und Robert Harting und findet, dass Geld im Sport nicht das Wichtigste sein sollte.

Herr Groß, einen Fußballprofi würde man nicht fragen bei solchen Summen. Aber was machen Sie mit dem vielen Geld, das Sie hier innerhalb einer Woche verdient haben?

Marcus Groß: Ich weiß nicht einmal, wie viel es ist. Ich paddele nicht wegen des Geldes.

Sie wissen wirklich nicht, wie viel es für eine Goldmedaille gibt?

Von der Deutschen Sporthilfe 20.000 Euro. Aber auch für die zweite? Ich weiß nicht, ob die ausgezahlt wird. Das kann ich mir nicht vorstellen. Versteuern muss ich die Summe ja auch noch. Ich denke, das fließt in das Eigenheim, das meine Frau und ich uns zulegen wollen. Wir müssen uns allmählich etwas vergrößern. Anfang des Jahres ist Fritz geboren, wir wollen noch ein zweites Kind. Jetzt leben wir zur Miete in zwei Zimmern mit 58 Quadratmetern. Wir wünschen uns eigene vier Wände mit etwas Garten für die Kinder zum Toben.

Sollte man nicht erwarten, dass ein zweimaliger Olympiasieger so bezahlt wird, dass er sich das leisten kann?

Ich brauche mich nicht zu beschweren. Ich finde, ich habe ein gutes Einkommen. Durch die Bundespolizei bin ich außerdem langfristig abgesichert. Sportler sollten nicht so extrem verdienen. Keine Millionen, das passt nicht zum Sport, jedenfalls nicht zum olympischen. Auf der anderen Seite: Jemand, der Überdurchschnittliches leistet, sollte überdurchschnittlich entlohnt werden. Das ist nicht nur im Sport so.

Wenn Sie einen anderen Sport betreiben würden, hätten Sie es vielleicht einfacher. Wenn Sie noch mal wählen dürften, welchen Sport ...

... wieder Kanute. Sonst höchstens etwas, das nicht so trainingsintensiv ist.

Wie viel trainieren Sie?

Eigentlich immer (lacht). Vier Einheiten am Tag, sechsmal die Woche, in der letzten Zeit im Trainingslager sogar siebenmal.

Ihr Verbandspräsident Thomas Konietzko hat vor Rio den Gewinn von sechs Medaillen angekündigt. Sie haben sieben geholt. Was macht die Kanuten so stark?

Das hat viele Gründe. Wir bauen auf einem richtig guten System auf. In Berlin zum Beispiel mit der Sportschule, dem Internat, der guten Vernetzung funktioniert das sehr gut, da greift ein Rädchen ins andere. Dazu die große Erfahrung im Trainerteam, bei den Ärzten, bei den Physios – so schaffen es die Trainer, uns auf den Punkt genau fit zu kriegen. Das gelingt nicht immer, aber dieses Mal hat es perfekt geklappt. Sehr wichtig ist die Förderung durch Bundeswehr und Bundespolizei, die den Sportlern sehr viel Freiheit geben. Wir trainieren mehr als die anderen, die nicht solche Möglichkeiten haben. Dazu passt bei uns gerade sehr vieles. Und manchmal ist auch ein Stück Glück dabei.

Warum ist Kanusport trotz der Erfolge nicht populärer? Was ist zu tun? Bei der Siegerehrung auffallen wie Christoph Harting?

Wenn man das Ergebnis sieht, war es nicht so verkehrt, was er gemacht hat. Man muss sich nicht unbedingt wegdrehen bei einer Siegerehrung, aber er war in aller Munde. Hätte er sich ganz normal verhalten, hätte er trotz seines Olympiasieges weiter im Schatten seines Bruders Robert gestanden. Das will er nicht, jetzt wirft er seinen eigenen Schatten. Ich finde ihn sympathisch. Der Junge ist Olympiasieger geworden, hatte noch nie eine internationale Medaille gewonnen. Da gehen die Gedanken mit einem durch. Ich konnte mich auf meiner Siegerehrung auch kaum halten, wollte aber ich nicht rumzappeln.

Robert Harting hat kürzlich den IOC-Präsidenten heftig attackiert, hat gesagt, Thomas Bach sei für ihn Teil des Doping-Systems. Darf ein Athlet so etwas sagen?

Gerade Robert hat großen Einfluss im Sport, auch im Bereich Sportpolitik. Wer so wie er in der Öffentlichkeit steht, muss sich äußern zu wichtigen Themen. Er hat sogar eine gewisse Verantwortung, Probleme anzusprechen, die viele Sportler ebenso sehen, die aber nicht gehört werden, weil sie nicht bekannt genug sind. Er spricht es dann aus. Vielleicht manchmal ein bisschen forsch. Dass er es macht, ist richtig.

Hat er Recht mit seinem Vorwurf?

Puh, da habe ich zu wenig Ahnung. Ich sehe eher ein anderes Problem bei dieser Thematik. Bei uns Kanuten hat sich ja alles überschlagen. Erst waren die Weißrussen betroffen, dann die Ungarn. Aber es wird ganz einseitig nur Russland an den Pranger gestellt, nicht nur im Sport, sondern überall. Das finde ich falsch. Man soll Probleme ansprechen, völlig richtig, jedoch nicht mit dem Finger nur auf einen zeigen. Klar ist: Wer des Dopings überführt ist, hat im Sport nichts mehr zu suchen.

Warum fühlt es sich so an, als gäbe es nicht weniger, sondern immer mehr Doping?

Ich sehe einen Grund darin, dass immer mehr Geld in den Sport fließt. Es gibt Länder, in denen können Menschen mit einem Olympiasieg vom armen zum reichen Menschen aufsteigen. Ich kann das irgendwo sogar verstehen, dass es gemacht wird, weil dort die Konsequenzen nicht schlimm genug sind, wenn sie erwischt würden. Ich finde es aber richtig, wie in Deutschland gegen Doping gekämpft wird. Es muss eine hohe Abschreckung geben. Angenommen, ich würde überführt, dann müsste ich meine Sportförderung zurückzahlen, hätte hohe Schulden, ich wäre meinen Job los, wäre wahrscheinlich ruiniert für mein ganzes Leben. So blöd ist in Deutschland niemand, das Risiko einzugehen.

Welche Rolle sollte der Sport spielen?

Ich finde sauberen Sport extrem wichtig für die Gesellschaft, sie braucht Idole, denen andere nacheifern. Kinder sollten außerdem in Sportvereine gehen, weil Bewegung wichtig ist. Ich möchte, dass es normal ist in einer Gesellschaft, Sport zu treiben. Ich will, dass Fritz in jedem Fall Sport macht, auch wenn es nicht Leistungssport werden muss. Er soll nicht einer werden, der sich lieber vor einen Computer setzt als mit Freunden rauszugehen und sich zu bewegen. Das muss einer Gesellschaft beigebracht, auch vorgelebt werden.

Jetzt haben Sie sich erst mal genug bewegt. Wann erholen Sie sich?

Ich habe eine Woche Sonderurlaub bekommen. Ich freue mich so darauf, ich habe eine richtige Gänsehaut gekriegt, als ich es erfuhr. Wir werden in unser Auto steigen und ans Wasser fahren. Ein Boot ist sicher auch dabei. Fritz soll ja auch das Wasser kennenlernen.