Rio de Janeiro

Wunder an der Tischtennisplatte in fünf Akten

Deutsche Frauen besiegen Japan und haben Teamsilber sicher

Rio de Janeiro.  Treffender hätte das Drama nicht enden können. Beim Stand von 10:9 im entscheidenden Satz des entscheidenden Spiels segelte ein abgewehrter Ball der deutschen Nummer eins Han Ying über das Netz und landete auf der gegnerischen Seite an der Tischkante. Die machtlose Japanerin Ai Fukuhara blickte entgeistert. Han warf ihren Schläger weg, das Team bildete eine Jubeltraube und vergoss Freudentränen. 11:9, das 3:2 für die Deutsche setzte den Schlusspunkt unter einen vier Stunden dauernden Tischtennis-Thriller, der nach vier Einzeln und einem Doppel auch 3:2 für die Europameisterinnen endete. Mit dem Finaleinzug gegen China am Mittwoch (0.30 Uhr) ist Silber sicher. Nie zuvor haben deutsche Tischtennisspielerinnen eine Olympia-Medaille gewonnen. Und das gegen den WM-Zweiten Japan mit drei Frauen aus den Top Ten.

Die ersten Nachrichten, die von den ausgepowerten Siegerinnen übermittelt wurden, hörten sich gar nicht gut an. „Mein Nacken ist ganz verspannt“, sagte Bundestrainerin Jie Schöpp. „Ich habe Magenschmerzen“, klagte Shan Xiaona. „Ich habe in diesem letzten Spiel zehn Jahre meines Lebens verloren“, erklärte Han Ying, die im fünften Satz 7:3 geführt, dann aber 7:9 hinten gelegen hatte. Petrissa Solja war „völlig mit den Nerven am Ende“. So spannend war es.

Sie hatte den Anfang gemacht mit ihrem Fünfsatzsieg gegen Mima Ito. Dabei drehte sie gegen das 15-jährige japanische Wunderkind im fünften Durchgang einen 3:9-Rückstand noch zum Sieg. Es war wie ein Signal. Danach verlor zwar Han gegen Kasumi Ishikawa trotz 2:0-Satzführung. Deutschland führte jedoch wieder, nachdem Shan und Solja das Doppel gegen Ito und Fukuhara 3:2 gewonnen hatten. Ohne Siegmöglichkeit war nur Shan beim 0:3 gegen Ishikawa. Dann kam noch einmal Han an die Platte und trieb Fukuhara mit ihrem Verteidigungsspiel zur Verzweiflung. Obwohl sie zugab, kurz selbst fast am Verzweifeln gewesen zu sein. „In der ersten Sekunde habe ich gedacht: Scheiße, verloren. Aber gleich im nächsten Moment: Nein, die Chance ist noch da.“

Ein Sieg des Teamgeistes. „Dass Han und Shan aus China stammen, spielt keine Rolle“, sagte Solja, die wie Shan beim Champions-League-Sieger TTC Eastside Berlin unter Vertrag steht, „wir trainieren seit Jahren zusammen, wir haben zusammen auf Turnieren gespielt, um uns diesen Olympiaplatz zu erkämpfen.“ Sie holten auch 2015 den EM-Titel. Nur bei Weltmeisterschaften sind wegen der strengeren Verbandsregeln die beiden gebürtigen Chinesinnen nicht startberechtigt. Bei EM und Olympia schon.

Männerteam um Boll verpasst das Finale

Nicht ganz so erfolgreich wie die Frauen waren Deutschlands Tischtennis-Männer: Die Mannschaft um Fahnenträger Timo Boll hat das Finale im olympischen Teamwettbewerb verpasst. Das Team verlor am Montag im Halbfinale mit 1:3 gegen Japan und hat nun damit nur noch die Chance auf die Bronze-Medaille. Gegen den Vize-Weltmeister waren Boll, Dimitrij Ovtcharov und Bastian Steger nach der Führung durch Ovtcharov chancenlos. Am Mittwoch spielt die deutsche Auswahl gegen Südkorea oder Olympiasieger China um die Bronze-Medaille. Damit konnten es die Männer den deutschen Frauen zwar nicht nachmachen, haben aber nach Silber 2008 und Bronze 2012 nun immerhin weiter eine Chance auf ihre dritte Medaille.