Essen

„Ich bin nicht die Rettung“

Marcel Reif wird ebenso wie Armin Veh Experte beim „Doppelpass“ von Sport1. Im Interview spricht das TV-Urgestein über dominante Bayern und den FC Schalke

Essen.  Marcel Reif (66) verstärkt in der neuen Bundesliga-Saison das Experten-Team in der Sport1-Talk-Sendung „Doppelpass“ am Sonntagmorgen. Wie der Bundesliga-Trainer Armin Veh (55) wird der ehemalige Sky-Kommentator zehn Mal im Jahr bei Moderator Thomas Helmer aktuelle Fußballthemen bewerten. Reif ist für spitze Kommentare bekannt, wie er im ­Morgenpost-Interview erneut beweist.

Lieber Herr Reif, warum gehen Sie zum Doppelpass?

Marcel Reif: Weil Sport1 gefragt hat und weil ich Lust habe. Mit Kommentieren bin ich durch. Aber über Fußball quatschen: Ja, dazu habe ich Lust.

Mein erster Gedanke war: Ist die Bühne am Sonntagmorgen nicht zu klein?

Diese Hybris habe ich mir nie erlaubt. Das Gute am Doppelpass ist die ­Mischung aus Stammtisch und Fach­gespräch. Damit erreichst du das ­gesamte Publikum.

Aber Marcel Reif war doch nie jemand für den Stammtisch.

Nein. Aber wenn ich gesagt hätte, für die vom Stammtisch kommentiere ich gar nicht, hätte ich in meiner Karriere einen Fehler gemacht. Davor habe ich mich immer gehütet. Das ist nicht fair den Leuten gegenüber. Ich habe den Doppelpass selbst immer geguckt. Manchmal ging er mir auf den Keks, manchmal fand ich’s gut. Wie im richtigen Leben. Wie beim Fußball. Darauf habe ich Lust. Bin auch gespannt, wie das ankommt.

Gibt es neue Aspekte, die man einbringen kann?

Schwierig zu sagen. Ich bin nicht die Rettung für alles, was möglicherweise beim Doppelpass noch fehlt. So viel Verantwortung mag ich gar nicht übernehmen. Ich habe die beim Doppelpass gefragt: Ihr wisst schon, wie ich bin? Da haben sie geantwortet: Klar, sonst hätten wir dich nicht gefragt. Darum ist es andersherum: Kann ich bleiben, wie ich bin, dann tut das beiden Seiten gut.

Hat man denn genug zum Bereden, wenn die Bayern wieder die Eintönigkeit in die Liga bringen?

Wenn man von der Nummer 1 spricht, ist das noch nicht einmal mehr eintönig. Die Meisterschaft von Bayern ist verfestigt. Eintönigkeit klingt ja so, als ob es morgen besser wird. Wird es aber nicht.

Was werden dann die drei spannendsten Themen in der neuen Saison?

Ich sage seit geraumer Zeit, weil ich das Geheule über die Bayern nicht mehr hören kann: Die werden Meister, wenn sie wollen - und wohl auch, wenn sie nicht wollen. Das werden nächstes Jahr die besten Bayern aller Zeiten. Als Gegner in der Bundesliga musst du dir deine eigene Meisterschaft suchen. Es gibt ein paar. Zum Beispiel Platz zwei bis vier. Das ist existenziell wichtig. Wer Meister wird, das ist nur wichtig für die Fans und fürs Briefpapier. Entscheidend ist, dass du in die Champions League kommst. Die nächste Meisterschaft ist die Europa-League-Qualifikation. Dann kommt viel heiße Luft in der Liga; aber da gibt es viele, die froh sind, wenn sie die erreichen. Und dann Abstiegskampf. Das ist doch spannend. Also, Themen haben wir genug.

Schafft Schalke die Wende zum Guten?

Das beantworte ich erst im März ... Schalke macht doch immer diesen ­Spagat zwischen dem sentimentalen Herz-Schmerz-Genre und Profifußball. Beides müssen sie auf Schalke einmal auf einen Nenner bringen. Das durften schon viele versuchen. Als Andre ­Breitenreiter kam, hieß es: Er ist die ideale Lösung. Und dann ging wieder etwas schief. Wenn sie eine Struktur reinkriegen - von ganz oben bis zum Zeugwart -, würde das helfen. Danach sieht es im Moment aus. Aber auch nicht mehr.

Schalke ist schon ein kurioser Verein.

Das habe ich so noch nirgendwo erlebt. Jedesmal, wenn ich dorthin fahre, ­denke ich: Die anderen sind ja auch ­bekloppt. Aber Schalke? So wie hier - im positiven Sinne wie im Sinne von Sich-das-Leben-selbst-schwermachen - ist das einzigartig. Da sind alle mit so viel Herz dabei, dass das Denken nicht immer so leicht fällt.

Was kann Christian Heidel da machen?

Du musst Schalke abkühlen. Entschleunigen. Ohne dass du samstags, wenn die Spieler einlaufen, den Wahnsinn bremst. Das ist die Kunst. Das machen die Münchner kühler und erfolgreicher. Auch in Dortmund haben sie es hingekriegt. Schalke sucht diesen Schlüssel noch. Jedes Jahr faszinierend, was da passiert.

Borussia Dortmund erlebt den größten Umbruch seit dem Verkauf von Spielern für 120 ­Millionen Euro.

Die mussten sie verkaufen; die waren nicht zu halten. Aber das ist, was Hans-Joachim Watzke gut macht: Er sagt nicht, wir halten Mkhitaryan und Hummels, koste es, was es wolle. Sondern: Für das Geld dürfen sie gehen. Ökonomisch ganz kühl mit klarem Verstand. Die nehmen die Fans mit - und das funktioniert.

War es richtig, Schürrle zu holen?

Trainer Tuchel muss in ihm etwas ­sehen, was wir alle noch nicht in ihm gesehen haben. Wenn er da auch noch recht hat, wird er ein ganz Großer.