Beachvolleyball

Das Geheimnis hinter Ludwig/Walkenhorst heißt Jürgen Wagner

Der Beachvolleyball-Trainer hat beim deutschen Duo Ludwig/Walkenhorst alles auf den Kopf gestellt. Nun hat es Gold-Chancen in Rio.

Kira Walkenhorst (l.) und Laura Ludwig  jubeln nach dem Viertelfinalsieg gegen die Kanadierinnen Pavan/Bansley

Kira Walkenhorst (l.) und Laura Ludwig jubeln nach dem Viertelfinalsieg gegen die Kanadierinnen Pavan/Bansley

Foto: dpa Picture-Alliance / nph / Kurth / picture alliance / nordphoto

Rio de Janeiro.  Ziemlich genau vier Jahre ist es her, da saß Jürgen Wagner in seinem Garten und fragte sich: „Was mache ich denn jetzt?“ Der Beachvolleyball-Trainer hatte gerade mit Julius Brink und Jonas Reckermann Gold bei den Olympischen Spielen in London gewonnen. Mehr kann man im Profi-Sport eigentlich nicht erreichen.

Er hätte sich fortan auf sein Unternehmen in Moers konzentrieren oder endlich mal Urlaub machen können, doch seine Frau ahnte schon, was geschehen würde: „Du wirst jetzt Frauen trainieren, sagte sie zu mir. Ich habe gelacht und behauptet, sie spinnt“, verrät Wagner (60).

Am Sonntagnachmittag saß Wagner im Beachvolleyball-Stadion an der Copacabana und sah dabei zu, wie die gebürtige Berlinerin Laura Ludwig und die aus Essen stammende Kira Walkenhorst ins Halbfinale der Olympischen Spiele einzogen. 21:14, 21:14 besiegten sie die Kanadierinnen Sarah Pavan und Heather Bansley. „Kira hat sehr, sehr gut gespielt, und bei Laura war es das beste Spiel, das ich je von ihr gesehen habe“, sagt Wagner.

Nun geht es gegen die topgesetzen Brasilianerinnen

Für die 1,84 Meter große Blockerin Walkenhorst (25) sind es die ersten Spiele, Abwehrspezialistin Ludwig (30) nimmt zum dritten Mal teil. Jetzt sind Ludwig/Walkenhorst das erste deutsche Frauenteam, das in einem olympischen Halbfinale steht. An diesem Dienstag geht es gegen die topgesetzten Larissa Franca und Talita Antunes (21 Uhr).

Die Brasilianerinnen setzten sich am Sonntagabend (Ortszeit) gegen die Schweizerinnen Nadine Zumkehr und Joana Heidrich durch. Dass Ludwig/Walkenhorst nun sogar Medaillenchancen haben, dafür ist ihr Trainer ein maßgeblicher Faktor.

Jürgen Wagners Ehefrau hat Recht behalten: Seit dreieinhalb Jahren arbeitet der in der Beachvolleyball-Szene als Goldschmied bezeichnete Coach mit den deutschen Nationalspielerinnen zusammen. Mit seiner Erfahrung von über 30 Jahren als Volleyballtrainer in Halle sowie Sand und mit der Hilfe von Trainerkoryphäe Hans Voigt hat er alles auf den Kopf gestellt, was die beiden Athletinnen bis dahin gelernt hatten.

Das Mentale ist Wagners Lieblingsthema

„Am Anfang hat es sich angefühlt, als würde ich einen komplett neuen Sport erlernen. Ich war total überfordert“, berichtet Walkenhorst. Sprungkraft, Anlauf, Schlagtechnik, an allen Elementen nahm Wagner Änderungen vor, um die Handlungshöhe und die Schlaghärte der Sportlerinnen zu verbessern. Gemeinsam mit Balltrainerin Helke Classen brachte er ihnen einen neuen Aufschlag bei. Im Olympischen Viertelfinale gegen Pavan/Bansley gelangen Ludwig und Walkenhorst sieben Asse.

Doch Athletik und Technik sind nicht alles. Mit Mentaltrainerin Anett Szigeti arbeitet das Team an dem Thema „Selbststeuerung“, Wagners Lieblingsthema, wie er selbst sagt. „In den ersten zwei Jahren hatten wir das Problem, dass wir, wenn wir in einem Spiel einmal neben der Spur waren, nicht mehr rausgekommen sind“, erklärt er. Bestes Beispiel dafür war die Weltmeisterschaft 2015 bei der Ludwig/Walkenhorst nach einem desolaten Spiel in der ersten K.o.-Runde ausschieden.

„Danach hatten wir eine krasse Krisenzeit“, sagt Ludwig. Zuvor war Walkenhorst zunächst ein halbes Jahr wegen Pfeifferschem Drüsenfieber ausgefallen, dann musste sie zum Saisonbeginn 2015 am Knie operiert werden. „Bei der WM waren wir eigentlich gesund, wir wussten einfach nicht, woran es jetzt noch scheitert“, sagt Ludwig. „Wir mussten nachdenken und ob wir überhaupt den Weg weiter so gehen wollen.“

Nach der Aussprache starteten sie durch: In der laufenden Saison holte das Hamburger Duo fünf Mal Gold bei internationalen Turnieren und führte vor dem Start der Olympischen Spiele die Weltrangliste an.

Schon Brink/Reckermann führte er in London 2012 zu Gold

Wagner hat sich dabei neben einem perfektionistischen Analytiker zu einem väterlichen Ratgeber entwickelt: „Wenn ich Angst habe oder mit einem Gedanken nicht weiterkomme, rede ich mit ihm darüber, und die Angst ist weg“, erklärt Ludwig.

Zwischen den Athletinnen und dem Trainer ist eine Nähe entstanden, die Wagner zunächst gar nicht wollte, auch aus dem gemeinsamen arbeiten mit Brink/Reckermann nicht kannte. „Wie im wahren Leben sind Männer und Frauen aber total anders. Das Verhältnis ist viel enger, viel emotionaler, viel sensibler“, sagt er.

Seine Schützlinge haben inzwischen eine Favoritenrolle eingenommen bei Olympia. „Ich liebe es Favorit zu sein“, sagt Wagner. „Als Favorit habe ich es selber in der Hand.“ Zu diesem Kreis gehören auch die Brasilianerinnen Larissa Franca/Talita Antunes, auf die Ludwig/Walkenhorst nun treffen. Das deutsche Duo hat sie in dieser Saison schon besieht. „Diese Siege können hier noch viel wert sein“, prognostiziert Wagner. „Es gibt nur ganz wenige Teams, die in einem entscheidenden Spiel eines so großen Turniers gegen einen guten Gegner gewinnen, gegen den sie noch nie zuvor gewonnen haben“, sagt er.

Der Kopf ist dabei, laut Wagner, die wichtigste Komponente. „Ich glaube nicht, dass in Rio Spiele durch mangelnde Qualität entschieden werden, oder ein Team überragender spielen wird. Die Spiele werden im Kopf entschieden.“ Die Leistung seiner Schützlinge bis hierhin stimmt ihn aber unabhängig von dem Ergebnis froh.