Rio de Janeiro

Goldener Doppelschlag

Die Männer und Frauen in den Doppelvierern sorgen für doppelte Freude bei den deutschen Ruderern

Rio de Janeiro. Im Ziel des Lagoa Stadiums nahe der Copacabana in Rio de Janeiro unterbrachen Philipp Wende (Leipzig), Lauritz Schoof (Rendsburg), Karl Schulze und Hans Gruhne (beide Berlin) für ein paar Sekunden ihre Feier-Prozedur. Die Männer des deutschen Doppelvierers wollten unbedingt miterleben, wie ihre Kolleginnen es ihnen nachmachten, ebenfalls die Goldmedaille zu erobern. Und es gelang tatsächlich. Auf den letzten 200 Metern zogen Annekatrin Thiele (Leipzig), Carina Bär (Heilbronn), Julia Lier (Halle) und Schlagfrau Lisa Schmidla (Krefeld) an den lange führenden Polinnen vorbei und sicherten den zweiten Olympiasieg für die deutsche Ruder-Flotte innerhalb von nicht einmal dreißig Minuten. Zuvor hatten die Männer einen überraschenden Start-Ziel-Sieg gefeiert.

„Wir können es noch gar nicht glauben, was gerade passiert ist“, sagte der in Berlin lebende, aber für Potsdam startende Gruhne, „wir sind ein unglaubliches Rennen gefahren. Wir wollten eine Medaille, jetzt ist es Gold.“ Das Quartett legte einen famosen Start hin, übernahm sofort die Führung und ließ sich auf den gesamten 2000 Metern nicht einholen. Obwohl die spurtstarken Australier noch einmal aufkamen. Richtig mitbekommen haben die vier Deutschen das kaum, so sehr waren sie auf ihr eigenes Rennen fixiert. „Am Ende“, sagte Gruhne, „hatten wir nur noch Schmerzen und haben das Ziel herbeigesehnt.“

Ganz anders verlief die Fahrt der Frauen. Das Boot Polens trat vom Start weg die Flucht nach vorn an, hatte fast zwei Sekunden Vorsprung herausgearbeitet. Dann folgten Deutschland, Weltmeister von 2014, und die Niederlande. „Es war klar, dass auf den letzten 500 Metern die Post abgeht“, sagte Thiele, deren Team die größten Reserven hatte und den Spurt gewann. Für die Leipzigerin eine besondere Genugtuung. Die 31-Jährige hatte in Peking im Zweier und in London im Vierer schon zweimal Silber gewonnen und wollte unbedingt mehr. „Gold glänzt schöner“, sagte sie. Nach dem Rennen war sie zunächst noch im Boot zu ihren drei Kolleginnen geklettert und hatte jede einzelne gedrückt. Zurück schwamm sie. Keine Angst vor dem gefürchteten Wasser der Lagoa Rodrigo de Freitas? „Ach, was“, antwortete sie, „ich bekomme vorn sowieso das ganze Spritzwasser ab. Darum mache ich mir keinen Kopf.“

Doppelerfolg im Doppelvierer und dazu eine weitere Parallele: Beide Boote wurden nicht lange vor den Spielen noch einmal umbesetzt. Bei den Männern verpasste Hans Gruhne die ersten Wochen des Jahres. Ein merkwürdiger Virus hatte ihn geschwächt, er verpasste die wichtigen Leistungstests, und der Dresdner Tim Grohmann rückte für ihn ins Boot. So blieb es, als Gruhne wieder gesund war. „Ich habe einfach weitergearbeitet und an meine Chance geglaubt“, sagte er nun. Die Chance kam, als der Vierer bei der EM in Brandenburg nur Vierter wurde und auch beim Weltcup in Luzern enttäuschte. Mit ihm nahm das Boot, das 2012 in London Olympiasieger war und dazu amtierender Weltmeister ist, wieder Fahrt auf.

Der Druck war riesig, wie Schulze sagte. „In London waren wir jung und unerfahren“, schilderte er, „da haben wir das einfach so durchgewuppt.“ Vier Jahre später gab es sehr große Erwartungen. Das drückte um so mehr die Stimmung, als die Leistungen anfangs nicht passten, es viele Höhen und Tiefen gab. „Aber wir wollten ja auch erst hier topfit sein“, so der Berliner, „deshalb sind wir jetzt dem Bundestrainer und unserem Bootstrainer Alexander Schmidt sehr dankbar, dass sie uns immer vertraut haben.“ „Es ist unbeschreiblich, wir sind überglücklich“, sagte auch Julia Lier. Die 24-Jährige ganz besonders, denn sie schien wie Gruhne vor Wochen noch aus dem Rennen im Vierer zu sein, saß mit Mareike Adams im Zweier.

Im Vorjahr stimmten ihre Einzel-Leistungen nicht, und so rückte Marie Arnold an ihrer Stelle ins Boot. Doch als in Luzern der Frauen-Vierer hinter Polen auf Rang zwei landete, wurde reagiert. Bär, Thiele und Schmidla wollten Lier zurück ins Boot holen, alles war schnell wieder eingespielt. Nur eines hatte die Crew vor dem Rennen gestört: dass es wegen des Windes um einen Tag verlegt wurde. „Das hat genervt“, sagte Lier, „wir waren wie Rennpferde im Stall und wollten unsere Power loswerden.“ Die aufgestaute Kraft führte nun zu Gold.

Der dritte Olympiasieg ist nun für Sonnabend eingeplant, wenn die acht Hünen des Deutschland-Achters in die Riemen greifen. Das würde die Bilanz des Deutschen Ruderverbandes ziemlich aufhübschen. Nur drei von zehn deutschen Booten hatten die Finalläufe erreicht, so wenig wie nie, aber das mit maximalem Erfolg. Karl Schulze beschäftigte das weniger als seine Abendplanung. „Da gehen wir uns Deutsche Haus und trinken erst mal ein bis sieben Bier“, kündigte er an, „danach sehen wir weiter.“ Die deutschen Ruderer sind dafür bekannt, nicht nur auf dem Wasser Höchstleistungen zu bringen.