Rio de Janeiro

Abtauchen zum Neubeginn

Den deutschen Schwimmern droht ein Debakel wie 2012 in London. Nun müssen drastische Veränderungen her

Rio de Janeiro.  Bereits drei Tage vor dem Ende der Schwimm-Wettbewerbe herrschte Untergangsstimmung im deutschen Team. Am besten abzulesen in den Katakomben des Aquatics Stadium, wo die Sportler ihre ersten Eindrücke den Reportern der Welt schildern. Während der Kasache Dimitri Balandin nach seinem Triumph über 200 Meter Brust in 2:07,46 Minuten am liebsten jeden umarmen wollte, wirkte Marco Koch wie ein begossener Pudel. Seine Körpersprache sagte alles aus: Hängende Schultern, schleppender Gang: So sehen Verlierer aus.

Bundestrainer Lambertz gibt Fehler zu und will bleiben

Der Weltmeister von 2015 war als heißer Goldtipp nach Brasilien gekommen. Nachdem schon zuvor die drei Medaillen-Trümpfe des Deutschen Schwimm-Verbandes - Paul Biedermann über 200 Meter Freistil, Franziska Hentke über 200 Meter Schmetterling und die 4x200-Meter-Freistil-Staffel der Männer - nicht gestochen hatten, schaffte es auch Koch nicht, auf dem Punkt topfit zu sein und landete so mit 2:08,00 Minuten nur auf einem enttäuschenden siebten Platz. „Ich habe alles gegeben. Das einzige, was mich traurig macht, ist, dass ich dieses Jahr schon besser war. Es ärgert mich, dass ich hier nicht mein Bestes zeigen konnte”, sagte Koch. Dreimal war er in diesem Jahr schon schneller, es hätte so zu Bronze gereicht. Und eine Hundertstelsekunde besser als bei seinem deutschen Rekord - er wäre nun Olympiasieger. Aufgeben will der 26-Jährige nicht: „In vier Jahren ist Tokio. Ich fange jetzt morgen mit dem Training an. So ungefähr.“

Nach dem geplatzten Goldtraum des Marco Koch droht den deutschen Schwimmern die Wiederholung des Debakels von London: 2012 war das Team erstmals seit 1932 von Olympia ohne Medaille nach Hause zurückgekehrt. 2012 machte sich das schwache Abschneiden finanziell bemerkbar. Da das Fördersystem durch das Bundesinnenministerium leistungsorientiert ist, bekommt der Verband mehr Geld, wenn er erfolgreich ist und umgekehrt. „So kann es nicht weitergehen. Das macht keinen Sinn“, sagte Bundestrainer Henning Lambertz und forderte stattdessen mehr Geld: „Wenn wir jetzt nicht richtig investieren, können wir es sofort sein lassen. Sollten die Mittel gekürzt werden, dann können wir den Sack zumachen. Das war’s dann mit dem Schwimmen.“

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) kündigte umgehend Konsequenzen an; wie diese aussehen werden, ist jedoch noch unklar. „Die bisherigen Ergebnisse im Schwimmen sind enttäuschend. Wir werden sie nach den Olympischen Spielen gemeinsam mit dem Deutschen Schwimm-Verband gründlich analysieren“, sagte DOSB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig. Der Vertrag von Lambertz (45) endet im November. Er gab Fehler zu. Dass er den Medaillenkandidaten Koch, Biedermann und Hentke im sogenannten „Eliteteam“ alle Freiheiten ließ, „war im Nachhinein falsch“, sagte er: „Ich hätte an vielen Stellen eher eingreifen können, sollen, müssen.“ Koch habe falsch trainiert. „Man hätte mehr im Umfang machen können“, so Lambertz, „da ist was verpasst worden. Am meisten tun mir die Fans leid, die nachts um drei aufstehen, um sich so was anzuschauen. Das kann es ja nicht sein.”

Zu diesen Fernsehzuschauern zählte auch Mark Warnecke. Der Olympiadritte von 1996 über 100 Meter Brust und 2005 mit 35 Jahren ältester Weltmeister der Schwimm-Geschichte, hält Lambertz für den richtigen Mann, um das Schiff wieder auf den richtigen Kurs zu bekommen. „Henning ist nicht das Problem. Die Strukturen müssen verändert werden. Er braucht Profis an seiner Seite”, sagte Warnecke der Morgenpost. „Es ist ein Problem des gesamten deutschen Sports. Es fehlt die Anerkennung für den Sportler und eine entsprechende finanzielle Unterstützung. Wir haben einen Riesennachwuchs. Wie der Essener Damian Wierling. Der hat Weltklasse-Gene. Der hat nach seinem Aus im Halbfinale über 100 Meter Freistil gesagt, er wolle jetzt ganz nach oben. Das kommt bei ihm tief aus dem Bauch heraus. Das hat ihm kein Psychologe geflüstert. Solche Typen brauchen wir.” Im Vorfeld von Rio hatten sich die deutschen Schwimmer drei Wochen lang in Brasilien vorbereitet, hatten sich mit eigenem Koch, Tageslichtlampen und abgeklebten Fenstern an die ungewöhnlich späten Finalzeiten (22 Uhr) anpassen wollen. „Ich will das nicht kritisieren”, sagte Warnecke. „Mich hätte das früher gestört. Ich hätte mich nicht aus meinem gewohnten Rhythmus bringen lassen. Bei Sportlern ist alles ritualisiert. Ich wäre etwas später aufgestanden.”

Lambertz würde gerne Bundestrainer bleiben. „Ich denke nicht darüber nach, das sinkende Schiff zu verlassen“, erklärte er. „Aber ich muss erst mal abwarten, ob man mit mir noch vier Jahre weiterarbeiten will. Unterschrieben ist noch nichts.“ Die DSV-Präsidentin Christa Thiel hatte ihm aber bereits vor Rio eine Jobgarantie ausgestellt: „Er wird seine Vertragsverlängerung bekommen.“ Ob Thiel dazu dann überhaupt berechtigt sein wird, bleibt abzuwarten, denn im deutschen Schwimmverband tobt ein Machtkampf. Im November will sich die frühere Turniertänzerin Thiel von den Schwimmern beim Verbandstag zum fünften Mal wiederwählen lassen. Doch zuletzt stimmten nur noch 57,1 Prozent für sie. Gabi Dörries, bisher Vorsitzende des DSV-Fachausschusses Schwimmen, hat ihre Kandidatur angekündigt.

Neue Strukturen, vielleicht eine neue Führung und eventuell sogar ein neuer Bundestrainer: Das deutsche Schwimmen steht vor einem Umbruch. Es ist viel zu tun, aber viel schlechter als in Rio kann es nicht kommen.