Rio de Janeiro

Die schwimmende Fledermaus

Michael Phelps gewinnt gleich im ersten Rennen sein insgesamt 19. Olympia-Gold. Mit 31 Jahren wirkt der US-Star fit wie nie, fünf weitere Siege könnten so folgen

Rio de Janeiro. Auch am zweiten Wettkampftag der Schwimmer hatte es wieder drei Weltrekorde im Olympic Aquatics Stadium gegeben (siehe Olympia-Zahlen auf Seite 24), auch die Buhrufe gegen Russlands Dopingsünderin Julia Jefimowa ließen aufhorchen. Am Ende des Abends redeten alle aber nur über einen: Michael Phelps (31). Denn der US-Amerikaner kann von Goldmedaillen einfach nicht genug bekommen.

Im Kreise seiner Staffelkollegen küsste der nun 19-malige Olympiasieger überglücklich den Beweis seiner Rekordsammlung. Wäre Phelps eine Nation, würde er im ewigen Medaillenspiegel der Sommerspiele mit 19 Gold-, zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen auf Platz 35 stehen. Vor Österreich, Argentinien und auch Jamaika. Entsprechend stolz applaudierte auf der Tribüne die zu Tränen gerührte Verlobte Nicole, das drei Monate alte Baby Boomer schlummerte dabei im Tragegurt (mit Phelps Initialen). Daneben jubelte Mama Debbie mit einem USA-Fähnchen in der Hand.

„Es war verrückt. Ich stand auf dem Startblock und dachte, mir würde das Herz in der Brust explodieren“, erzählte Phelps später. Mit einem riskanten Wechsel (nur acht Hundertstelsekunden lagen zwischen Anschlag des ersten Schwimmers und dem Verlassen des Startblock) kraulte Phelps den entscheidenden Vorsprung auf die favorisierten Franzosen heraus – seine Zeit von 47,12 Sekunden zeugen von seiner Topform „So schnell war ich noch nie“, staunte der Schwimmer selbst.

Schon vor dem ersten Start hatten die Veranstalter Phelps’ Stellenwert hervorgehoben. Erstmals wurden Bilder aus dem Einschwimmenbecken live in der Wettkampfhalle auf der Videoleinwand gezeigt, alle freuten sich auf die Rückkehr des Jahrhundertsportlers. Und vier Jahre nach seinem emotionalen Abschied in London war Phelps wieder auf der größten Sportbühne der Welt zurück. Der Superstar, dessen Einkommen inklusive Werbeverträge auf über 100 Millionen Dollar geschätzt wird, war sichtlich gerührt. Und fit wie nie. Kaum Körperfett trägt der 1,95-Mann mit sich, so definiert hatte man den inzwischen 31-Jährigen noch nie gesehen. Der extreme Latissimus-Muskel lässt ihn wie eine Fledermaus aussehen, die ihre Flügel über das Wasser ausbreitet. „Phelps liegt wie ein Surfbrett im Wasser“, hatte Schwimmikone Michael Gross mal gesagt. Auch in Rio sieht man das nun wieder.

Phelps ist zurück – und er genießt diese Spiele offenbar ganz besonders, nicht nur weil ihm die Ehre des Fahnenträgers bei der Eröffnungsfeier zuteil wurde. Die Geburt seines Sohnes hat den einst unnahbaren Superstar verändert und zugänglicher für Gefühle gemacht. „Die Geburt von Boomer hat meinem Leben einen neuen Sinn gegeben“, sagte er selbst. Bei der Siegerehrung nach der Staffel brachten die Kollegen Caeleb Dressel (19) und Ryan Held (20) den Seriensieger dann sogar zum Weinen. „Die Jungs haben geheult, da habe ich auch angefangen“, erklärte Phelps danach.

Und lässt so die harten Jahre hinter sich, in denen er nach seinem vermeintlichen Karriereende 2012 nichts Sinnvolles mit seiner Zeit anzufangen wusste. Die Alkohol- und Spielsucht endete in einer Fahrt mit 1,4 Promille bei überhöhter Geschwindigkeit. Die Festnahme, eine Verurteilung zur zweiten Bewährungsstrafe nach 2004 und eine Suchttherapie mit 45 Tagen in einer Entzugsklinik waren die Folge. Die Familie hat Phelps wieder den Halt gegeben, der im Partyleben mit Kumpels und vielen Golfrunden zwischendurch verloren gegangen war.

2000 in Sydney hatte der US-Amerikaner mit 15 als Fünfter erstmals Olympia-Luft geschnuppert. Und die machte ihn so süchtig, dass er nicht aufhören kann. „Es wäre fantastisch, als erster Schwimmer über 30 Gold in einem Einzelwettkampf zu gewinnen“, sagte er kürzlich. Die erste Chance dazu hat er über 200 Meter Schmetterling – und dort steht heute das Finale an. Dazu kommen bis zum Wochenende noch weitere Einzeltstarts über 100 Meter Schmetterling und 200 Meter Lagen, auch in den zwei Staffeln könnte sich die Goldsammlung vergrößern. Dass Phelps Rekorde im Sinne hat, war auch an den braunen, kreisrunden Flecken auf seinem Körper im ersten Staffelfinale zu sehen. Es waren Spuren des Schröpfens. Die Haut wird dabei mit kleinen Bechern per Pumpe eingesogen. Das regt die Durchblutung an und soll vor Muskelermüdung schützen. Vielleicht ist der auffällige Hinweis aber auch nur Selbstschutz, denn natürlich muss auch Phelps immer mit Betrugsverdacht leben. „Doping ist scheiße“, hatte Phelps in Rio gesagt. „Und das sage ich, weil ich nicht weiß, wie man sich fühlt, wenn man vor einem Rennen auf den Startblock steigt und denkt: In diesem Wettbewerb sind alle sauber.“