Rio de Janeiro

Neymar und die Schmach von Brasilia

Brasiliens Fußballern droht trotz ihres Superstars schon das Aus beim olympischen Turnier

Rio de Janeiro.  Das Tribunal begann in Brasilia, dem Spielort, wo es Pfiffe gab und kübelweise Spott: „Olé“ riefen die 70.000 Zuschauer in der Schlussphase zu den Kombinationsversuchen ihrer Mannschaft. „Irak, Irak“ feuerten sie den Gegner an. „Marta“ feierten sie Brasiliens beste Fußballerin. Es spielten allerdings die Männer, und die kamen wie schon zum Auftakt gegen Südafrika nur zu einem 0:0. Woraufhin auch die Fernsehlaufbänder mit SMS-Nachrichten der Fans ein akkurates Stimmungsbild zeichneten. „Wie tief kann man noch sinken?“, fragte einer, „diese Nation ist am Ende“.

Die Botschaften hätten alle auch zur politischen Situation des Landes gepasst, aber zu der gehört der Fußball hier ja eh. Einst transportierte er wie nichts anderes den Mythos des fröhlichen, künstlerischen, multikulturellen Brasiliens. Jetzt spielt er nur noch 0:0, wenn er nicht gerade 1:7 verliert wie im letzten WM-Halbfinale, oder nach der Vorrunde aus einem Turnier ausscheidet wie im Juni bei der Copa America. Dasselbe droht nun auch bei Olympia, wenn nicht am letzten Spieltag in Salvador gegen den stärksten Gruppengegner Dänemark ein Sieg gelingt. „Vexame“, „Schmach“, war am Montag das präsenteste Wort an der Kioskauslage.

Nach dem „Ausrutscher von skandalösen Proportionen“ („O Globo“) hat sich das seit Jahren angespannte Verhältnis zwischen Mannschaft und Fußball-Volk weiter verkorkst. Schon vor dem Irak-Spiel hatte Trainer Rogério Micale mögliche Pfiffe antizipiert und Momente heraufbeschworen, „in denen wir uns vorstellen müssen, dass wir auswärts spielen“. Nun klagte er über „Beklemmung“ während der konfusen Angriffsbemühungen der zweiten Halbzeit, in der es Gefahr nur noch in der Nachspielzeit durch eine vergebene Großchance des Ex-Leverkuseners Renato Augusto gab. Hoffnung? Micale nannte die Arithmetik („Ein einfacher Sieg reicht“) und den Anhang in Salvador („Wir brauchen ihn“). Normalerweise gelten die Fans dort als besonders wohlgesonnen. Aber was ist schon noch normal, wenn es um die Selecao geht.

Wieder ist der panikartige Zustand erreicht, der bei der WM zu Heulorgien und letztlich dem schutzlosen 1:7 gegen Deutschland führte. Die pathosgeladenen Gottesverneigungen, zu denen sich etliche Profis vor dem Anpfiff auf den Rasen knien, helfen da offenbar nicht. Psychologen auch nicht. „Ruft Marta“, empfiehlt das Blatt „Extra“. Die und die ihren haben sich vom Druck des Heimturniers schon freigespielt, sie schlugen China mit 3:0, Schweden mit 5:1, und vor allem verzauberten sie dabei ihre Zuschauer. „As meninas“, die Mädchen, als Exempel? Demütigender geht es in der Machokultur kaum.

Die Männer um Superstar Neymar brachten nur phasenweise in der ersten Halbzeit so etwas wie eleganten Angriffsfußball zustande. Ansonsten rannten sie mehr als sie kombinierten. Wie bei der A-Mannschaft fehlt auch beim Nachwuchs just in Brasilien seit Jahren die Grundlage für jeden guten Fußball – ballsichere und kreative Mittelfeldspieler. Und so weiß man gar nicht so recht, was schlimmer ist, die Ergebnis- oder die Identitätskrise.

Immer noch soll das historische erste Fußball-Gold her, doch vorerst gibt es den schlechtersten Olympia-Einstieg seit 1972. Damals folgte das Aus am dritten Gruppenspieltag. Eine Wiederholung würde nun keinen überraschen.

Auch Deutschlands U23-Auswahl ist durch das 3:3 gegen Südkorea am Sonntag nur mit zwei Remis gestartet. Aber im Weltmeisterland ist das aufgrund des Abstinenz der Stars keine nationale Schande.