Olympische Spiele

Segler in Rio haben Angst vor dem Müll

Mit Rios Revier und der Gesundheitsgefahr haben sich die Segler arrangiert. Aber der Dreck kann auch das Ergebnis verzerren.

Die Segelwettbewerbe finden vor einer traumhaften Kulisse statt, allerdings lässt die Wasserqualität  in Rio sehr zu wünschen übrig

Die Segelwettbewerbe finden vor einer traumhaften Kulisse statt, allerdings lässt die Wasserqualität in Rio sehr zu wünschen übrig

Foto: Olivier Hoslet / dpa

Rio de Janeiro.  Zum Schluss des Gesprächs wird ihre Stimme leiser, die Gedanken nachdenklicher. Und das ist ja auch gut so. Man fordert immer mündige, reflektierte Athleten, hier hat man sie. Annika Bochmann zum Beispiel, die Berliner Olympia-Seglerin in der 470er-Klasse, sie sagt: „Letztlich ist es einfach nur schade, was hier mit dem Müll passiert.“

Jahrelang haben die Wassersportler auf die Missstände am olympischen Revier hingewiesen. Sie debattierten über die Chancen einer Verlegung. Irgendwann setzte sich auch bei Bochmann die Erkenntnis durch: „Es gibt so schon mehr als genug Probleme, alles über die Bühne zu kriegen“. Die Spiele haben jetzt begonnen, und die Segler wollen sich auch nicht zu wichtig nehmen. Sie wissen ja, wo sie sind: in einem Land, wo ihre Sorgen vergleichsweise Luxussorgen sind.

Und so segeln sie jetzt also doch wieder vor der Marina da Glória. Eine Brise weht vom Meer herüber. Sie beißt in der Nase, manchmal spürt man sie sogar im Magen. Wer dieser Tage die Olympiastadt besucht, wird an keinem Fluss und keinem Bach vorbeikommen, der nicht diesen Kloakengestank verbreitet. Man kann sich das in Europa sicher nicht vorstellen.

Kloakengestank aus jeder Wasserrinne

Aber jede Wasserrinne riecht so. Auch die Lagunen. Oft sogar das Meer. Dort fließt alles rein, der Dreck von Millionen Menschen aus den Hüttensiedlungen, die ohne Kanalisation leben müssen. Von Fabriken und Müllhalden. Die Flüsse sind Deponien, einige sind bereits für biologisch tot erklärt worden. Über 50 von ihnen enden in der Guanabara-Bucht. Dort, wo gestern die olympischen Segelwettbewerbe begannen.

Die Athleten können unzählige Anekdoten erzählen, was sie schon alles so für Begegnungen machten. Einen alten Röhrenfernseher bietet Bochmann, inen Stiefel ihr Teamkollege Erik Heil. Andere umkurvten gar Tierkadaver. 72 Tage war 49er-Steuermann Heil in der Stadt, der Berliner hat Fischer in der Bucht angeln und Einheimische darin baden sehen. „Wir sind hier nur drei Wochen und nehmen danach zehn Tage Antibiotika“, sagt Heil. „Die Einwohner von Rio müssen ihr Leben mit dem dreckigen Wasser klarkommen.“

Die Perspektive spricht auch insofern für ihn, als Heil im August 2015 tatsächlich Antibiotikum nehmen musste. Von einer Trainingssession in Rio kehrte er mit einer so schweren Infektion zurück, dass der Entzündungsherd sogar herausgeschabt werden musste. Die Fotos gingen um die Welt.

Desinfektionsmittel gegen die Bakterien

Zur linken der Marina da Glória erhebt sich die Skyline des Zentrums. Rechts der Zuckerhut. Dazu die zahlreichen Inseln im Meer – die Segler blicken auf eine von Rios umwerfenden Postkartenidyllen. „Krasse Kulisse, Hammer, unglaublich“, sagt Heil. Olympia steht an, da braucht es kein Heer von Mentaltrainern, um zu wissen, dass eher der positive Ansatz gefragt ist.

Und so feiert Heil auch die sportliche Qualität der Bahnen, vier in der Bucht, drei draußen. Strömung, Wellen, Winde: „Das herausforderndste Revier, das wir je gesegelt sind.“ Auch wirkt das Wasser wieder klarer. Der Berliner Trainer Max Groy spricht von einem Meter Sichtweite im Hafen: „Das haben wir hier noch nie erlebt.“

Dennoch muss man, vor allem auf den Innenbahnen, weiter die Faktoren Bakterien und Müll einpreisen. Das mit den Krankheiten ist noch relativ leicht zu handeln, „wir achten darauf, dass wie unsere Sachen jeden Tag richtig mit Desinfektionsmittel auswaschen und unsere Hände direkt desinfizieren, wenn wir mal Essen in die Hand nehmen“, sagt Bochmann.

Ein Stiefel kann zur Havarie führen

Komplizierter sind die Gegenstände. Selbst eine Plastiktüte bremst so stark, dass die Vorschoter sich während der Fahrt aus dem Boot hängen müssen, um sie zu beseitigen. Robustere Objekte können zu Schäden, im Extremfall zur Havarie führen. Der Stiefel etwa, der sich bei Heils Boot im Vorjahr am Schwert verfing. „Da überschlägt man sich fast, wenn man mit 50 km/h drauf fährt.“

Die Verbesserungen durch Müllsperrungsteppiche und Flussabsperrungen sind Mittwoch vielleicht passé, da Niederschläge vorhergesagt sind. Da spült es das Wasser schneller in die Bucht, mit noch mehr Müll.

Ob die Schutzböller und Umweltboote da noch saubere Wettkämpfe garantieren können? Es bleibt ein Horrorszenario: Olympisches Segelfinale, Höhepunkt jeder Karriere, letzte Wettfahrt, ein Kopf-an-Kopf-Rennen – und am Ende entscheidet eine Plastiktüte.