#Rio2016

Zeit für die nächste Gänsehaut

Berlins Wasserspringer Patrick Hausding hofft mit Sascha Klein auf eine Medaille im Synchronspringen vom 10-Meter-Turm

Sascha Klein und Patrick Hausding (l.) wurden in diesem Jahr bereits Europameister

Sascha Klein und Patrick Hausding (l.) wurden in diesem Jahr bereits Europameister

Foto: imago/Insidefoto

Rio de Janeiro.  Patrick Hausding verdreht leicht die Augen bei der Frage, wie die Vorbereitung auf den wichtigsten Wettkampf seines Lebens gelaufen ist. Die Schulter des Wasserspringers aus Berlin schmerzt seit Monaten. Das Knie bereitet auch Probleme. Seinen Partner Sascha Klein aus Aachen, mit dem er am Montagabend (21 Uhr) synchron vom zehn Meter hohen Turm ins Becken des Barra Aquatics Centre springen wird, hat kurz vor der Rio-Generalprobe Mitte Juli in Bozen eine Sehnenscheidenentzündung im Handgelenk außer Gefecht gesetzt.

Sie könnten verunsichert sein, nervös angesichts der schlechten Voraussetzungen. Dass sie es nicht sind, hat zwei Gründe. Patrick Hausding (27) und Sascha Klein (30) sprangen 2006 erstmals zusammen und haben übereinander gelernt, dass der andere im entscheidenden Moment alle Schmerzen verdrängen kann. Die Olympischen Spiele sind ein solcher Moment. „Wir springen“, sagt Hausding, „egal wie. Wir springen.“ Hinzu kommt, dass sie oft gerade dann besonders auftrumpften, wenn die Vorzeichen alles andere als günstig waren.

London war eine Enttäuschung

So wie vor jenem großen Finale 2013, das sie zum Schrecken der Chinesen werden ließ. Bei der Weltmeisterschaft in Barcelona brachen die beiden die unbrechbar erscheinende Dominanz der Asiaten und gewannen die Goldmedaille. Ein Jahr zuvor hatten sie bei den Olympischen Spielen in London mit Platz sieben noch die größte Enttäuschung ihrer Karriere erlebt und waren danach an einem Tiefpunkt, auch körperlich. „Es ist schwer zu erklären: Das ganze Jahr über war ich verletzt“, erinnert sich Klein. „Mal war es der Ellenbogen, dann der Rücken. Erst im Mai 2013 bin ich das erste Mal ins Wasser gesprungen, dann aber gleich perfekt. Drei Wochen später wurden wir Europameister, danach gewannen wir den Weltcup. Ende Juli waren wir Weltmeister.“

Obwohl da noch ein Muskel am Oberarm so weh tat, dass Klein erst am Tag vor dem Wettkampf wieder normal eintauchen konnte. Timing für Nervenstarke. Ähnlich war es vor ihren ersten Olympischen Spielen 2008 in Peking. Klein war vorher krank, Hausding musste wegen einer Handverletzung sechs Wochen aussetzen. Im Wettkampf war davon wenig zu sehen, außer beim Rückwärtssalto gehechtet, den haben sie vermasselt. Trotzdem blieben sie in der Spitzengruppe, waren Vierter, ihr letzter Sprung gelang gut. Beim anschließenden Duschen sahen sie ihrer Konkurrenz zu. Ein Duo patzte. „Du Sascha, wir haben ne olympische Medaille sicher“, jubelte der Berliner. Als auch das nächste Duo einen Fehler machte, jauchzte er: „Sascha, wir haben Silber!“ Noch heute, sagt er, „bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich die Geschichte erzähle“.

Neunmal in Folge Europameister

Sie haben sich gefunden, ohne sich wirklich gesucht zu haben. Äußerlich sind sie nicht das perfekte Duo, Hausding (1,81 Meter) ist acht Zentimeter größer als Klein. Das wirkt beim Sprung aus zehn Metern auf den ersten Blick nicht elegant, doch es gelingt ihnen, in den eineinhalb Sekunden Flugzeit sehr synchron zu bleiben. Eher zufällig starteten sie 2006 zum ersten Mal gemeinsam, weil Kleins Partner Heiko Meyer ausfiel. Als der seine Karriere 2007 beendete, begann die erstaunliche Erfolgsserie des neuen Duetts. Neunmal in Folge wurden Klein/Hausding Europameister, zuletzt 2016 in London, 2011 außerdem WM-Zweite in Shanghai. Spätestens seitdem sind sie im Wasserspringer-Land China bekannter als in Deutschland. Der WM-Titel 2013 hat das noch getoppt.

Wie intensiv in Asien gerade für die Synchronität geübt wird, kann sich jeder lebhaft vorstellen. Die beiden Deutschen müssen schon darüber lachen, wenn sie erzählen, wie wenig solche Arbeit an der Harmonie auf sie zutrifft. „Bei uns kommt es mehr auf die Perfektion der Einzelsprünge an. Die müssen stimmen. Obwohl wir so wenig gemeinsam trainieren: Die Synchronität war von Anfang an ziemlich stabil“, sagt Klein, „da gab es nie große Schwierigkeiten.“ Nur kurz vor wichtigen Wettkämpfen trainieren sie zusammen ihre Sprünge. Es geht gar nicht anders. Klein zog 2010 mit seiner Freundin von Aachen nach Dresden, um die räumliche Distanz zum Berliner Hausding zu verringern. Nicht für lange, die Freundin zog drei Jahre später wegen ihres Jobs zurück, Klein pendelte die 660 Kilometer hin und her. Und seitdem Sohn Oskar Leopold da ist, wurde alles noch komplizierter.

Für Klein sind es die letzten Spiele

Schon deshalb ist klar, dass die Spiele in Rio ihr letzter großer gemeinsamer Auftritt sind. Klein rechnet sich auch eine kleine Chance im Einzel vom Turm aus. Hausding bildet mit dem Leipziger Stephan Feck ein starkes Duett vom Drei-Meter-Brett, und der Berliner kann an einem besonderen Tag aus dieser Höhe auch im Einzel um die Medaillen mitspringen. „Aber die zehn Meter synchron sind unsere erste Option“, sagen beide, die in den vielen Jahren gute Freunde geworden sind. „Für mich werden es die letzten Spiele“, sagt Klein, „natürlich will man da noch mal das Bestmögliche rausholen.“ Mit einer Medaille jeder Couleur wären sie glücklich. Aber warum nicht vom perfekten Abschluss träumen? Die Vorzeichen sind jedenfalls schon mal genau so wie vor ihren größten Erfolgen.