Russland

Doping hat Olympia fest im Griff

Vor der Entscheidung über einen Ausschluss aller russischen Athleten in Rio vermeldet das IOC 45 weitere positive Proben bei Nachtests.

Hier feiert Anna Tschitscherowa noch mit ihrer Tochter Nika den WM-Titel 2013 in Moskau. Doch offenbar hat die russische Hochspringerin gedopt

Hier feiert Anna Tschitscherowa noch mit ihrer Tochter Nika den WM-Titel 2013 in Moskau. Doch offenbar hat die russische Hochspringerin gedopt

Foto: Bernd Thissen / picture alliance / dpa

Lausanne.  Noch vor der brisanten IOC-Entscheidung zu Russlands Rio-Teilnahme erschüttert das nächste Doping-Nachbeben die olympische Sportwelt. Bei einer zweiten Welle von Nachtests sind weitere 45 Teilnehmer der Spiele 2008 in Peking und 2012 in London positiv getestet worden. Das teilte das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Freitag mit.

Damit erhöht sich die Gesamtzahl auffälliger oder sogar bereits überführter Athleten auf insgesamt 98. „Die neuen Nachtests zeigen ein weiteres Mal das Engagement des IOC im Kampf gegen Doping“, sagte IOC-Präsident Thomas Bach in der Mitteilung. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) teilte mit, dass er vom IOC keine Nachricht erhalten habe.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann wertete die positiven Nachtests als Ermutigung im Anti-Doping-Kampf. „Für alle Athletinnen und Athleten, die sich konsequent und vorbildlich an die Regeln halten, ist das eine gute und ermutigende Nachricht“, kommentierte er.

23 Medaillengewinner von Peking positiv getestet

Nach IOC-Angaben wurden wie schon bei der ersten Welle 30 Teilnehmer der Peking-Spiele in der A-Probe positiv getestet, unter ihnen sind 23 Medaillengewinner. Die auffälligen unter den 386 Proben entfallen auf Athleten aus acht Nationen und vier Sportarten. Im Mai hatte das IOC die Ergebnisse der ersten 454 Proben bekanntgegeben, damals waren sechs Sportarten und Sportler aus zwölf Ländern von den positiven Proben betroffen.

Bei den nun analysierten 138 Nachtests der London-Spiele wurden 15 Sportler aus neun Nationen und zwei Sportarten sowohl in der A- als auch in der B-Probe positiv getestet. In einer ersten Welle hatte es 23 positive Fälle bei den 265 Proben gegeben. Alle betroffenen Sportler und Nationalen Olympischen Komitees sind bereits informiert.

Insgesamt wurden in den ersten beiden Wellen bislang 1243 Proben ein weiteres Mal mit verfeinerten Methoden analysiert. Auch während der Spiele in Rio, die am 5. August beginnen, ist mit weiteren Fällen von den vergangenen beiden Olympia-Auflagen zu rechnen. Das IOC kündigte eine dritte und vierte Welle von Nachtests während und nach den Wettbewerben in Brasilien an.

Putins Anti-Doping-Bekenntnis

Offen ist weiterhin, ob nach dem durch den Internationalen Sportgerichtshof Cas am Donnerstag bestätigten Ausschluss russischer Leichtathleten die komplette russische Mannschaft von den Rio-Spielen verbannt wird. Laut dem NOK des Landes waren 14 Sportler der Peking-Spiele - unter ihnen offenbar zehn Medaillengewinner wie Hochspringerin Anna Tschitscherowa - und acht der London-Spiele von den positiven Tests betroffen. Namen von Sportlern gab das IOC erneut nicht bekannt, einige weitere neben Tschitscherowa sind jedoch schon öffentlich.

Vor der wegweisenden Entscheidung des IOC über einen Ausschluss aller russischen Sportler von den Olympischen Spielen in Rio hat Staatspräsident Wladimir Putin zum wiederholten Mal ein klares Anti-Doping-Bekenntnis abgegeben.

„Die offizielle Position der russischen Regierung, des Präsidenten und uns allen ist, dass es im Sport keinen Platz für Doping gibt und geben kann“, sagte Putin, der seinen Ministern auftrug, eine Anti-Doping-Kommission zu installieren. Einzelheiten nannte er dazu aber nicht.

Entscheidung über Ausschluss Russlands spätestens am Dienstag

Es ist wohl sein letzter Versuch, den Extremfall für Russlands Sport noch zu verhindern. Am Sonntag berät die 15-köpfige IOC-Exekutive darüber, ob erstmals in der Geschichte Olympischer Spiele ein Land wegen Staatsdopings verbannt wird. Bis spätestens Dienstag will IOC-Chef Thomas Bach eine Entscheidung verkünden.

Der Druck von allen Seiten auf das IOC ist gewaltig. Selbst aus den Reihen der Doping-Jäger werden mittlerweile beide Forderungen an Bach herangetragen. Während die Welt-Antidopingagentur Wada eine Sperre ohne Wenn und Aber will, verlangen 14 nationale Agenturen, darunter die deutsche Nada, in einem Brief an den IOC-Boss einen kompletten Bann mit Ausnahmegenehmigungen. „Aber die Hürden müssen hoch sein“, sagte Nada-Vorstand Lars Mortsiefer. Im Fall von zugelassenen Russen fordern sie zudem einen Start unter neutraler Flagge.