Olympia

Nach Urteil: Russland hat nur eine Leichtathletin in Rio

Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat die Einsprüche und Klagen von 68 Athleten zurückgewiesen. Nur eine darf starten.

Nach gegenwärtigem Stand ist Weitspringerin Daria Klischina einzige russische Leichtathletin in Rio. Sie trainiert in den USA - außerhalb des russischen Dopingsystems

Nach gegenwärtigem Stand ist Weitspringerin Daria Klischina einzige russische Leichtathletin in Rio. Sie trainiert in den USA - außerhalb des russischen Dopingsystems

Foto: Steffen Schmidt / dpa

Lausanne. Ein Olympia-Aus für alle Russen ist nach einer sporthistorischen Entscheidung ein Stück näher gerückt. Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat die Verbannung der russischen Leichtathleten durch den Weltverband IAAF für rechtmäßig erklärt und einen entsprechenden Einspruch von 68 Sportlern aus dem größten Land der Erde abgelehnt.

Nun sind das Internationale Olympische Komitee (IOC) und Präsident Thomas Bach am Zug. Das Urteil der obersten Sportrechtsinstanz öffnet dem IOC 15 Tage vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mehr denn je die Tür für die „härtesten Sanktionen gegen jede beteiligte Person oder Organisation“, die Bach bereits angekündigt hatte.

Am Donnerstag blieb das IOC, dessen mächtiges Exekutivkomitee am Sonntag wieder zusammenkommt, zurückhaltend und kommentierte das Urteil nicht inhaltlich. Eine Entscheidung soll spätestens Dienstag fallen.

Sportrechtler warnt vor "Feigheit vor dem Feind"

Der Cas-Entscheid erfuhr viel Zustimmung – nicht nur im Lager der Leichtathleten. Es sei „ein klares Signal an alle Beteiligten, dass hier die eindeutig definierten Grenzen inakzeptabel überschritten sind“, sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), nun herrsche „wertvolle Klarheit“, an der sich andere Verbände orientieren könnten. Für das IOC sei die Grundlage geschaffen, um die von Bach angekündigten „härtesten Sanktionen gegen dieses Betrugssystem auszusprechen“, sagte Hörmann.

Eine entscheidende Frage wird sein, ob das IOC ein eigenständiges Urteil gegen Russland fällt oder es den in Rio startenden Verbänden überlässt, in der Kürze der Zeit Ausnahmeregelungen zu treffen und Startberechtigungen zu erteilen. Im von der Welt-Antidopingagentur Wada initiierten McLaren-Report sind 22 olympische Sommersportarten erwähnt, bei denen es in Russland nachweislich Doping-Manipulationen gegeben hat, in 20 davon haben sich Russen qualifiziert.

Die Sportausschussvorsitzende des Bundestages, Dagmar Freitag (SPD), hat dazu eine unnachgiebige Meinung: „Das Urteil ist ein unmissverständlicher Fingerzeig für das IOC. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Das IOC kann nicht mehr länger auf andauernde Entscheidungsfindungen Dritter verweisen.“ Der renommierte Sportrechtler Michael Lehner sagte: „Wenn das IOC jetzt den internationalen Verbänden die Verantwortung für die Aussiebung von russischen Athleten gibt, wäre das Feigheit vor dem Feind.“

DOSB-Chef Hörmann sieht Teilausschluss als Lösung

Der Report bietet für Hörmann die Möglichkeit, einen Teilausschluss von Russland zu erwägen. „Ich würde die 20 Sportarten, in denen man Russland systematisches Doping nachgewiesen hat, ausschließen“, sagte der DOSB-Präsident. 28 gibt es.

Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), sprach von einem „historischen Tag“ und verwies darauf, dass es ein vergleichbares Urteil noch nie gegeben habe. Es sei ein „wichtiger Schritt zur Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit des Sports“.

Sogar Sprint-Superstar Usain Bolt lobte das Urteil. Es gebe Regeln, sagte der sechsmalige Olympiasieger aus Jamaika: „Wer betrügt, wird bestraft. Das ist die richtige Botschaft.“ Die vor dem Lausanner Schiedsgericht auf der ganzen Linie siegreiche IAAF betonte, mit der Entscheidung sei „Chancengleichheit geschaffen“ worden.

Empörung in Russland, Nachdenken über Spartakiade

Fassungslosigkeit herrschte bei den Russen. „Ich kann nichts anderes ausdrücken als Bedauern“, sagte der umstrittene Sportminister Witali Mutko, dem der McLaren-Report Mitwisserschaft am staatlich gestützten Dopingsystem unterstellt hatte: „Wir werden nun unsere nächsten Schritte beraten. Ich denke, die Entscheidung ist auch politisch motiviert und hat keine rechtliche Grundlage.“

Die Abschiedszeremonie der russischen Olympia-Athleten, die heute stattfinden sollte, ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden. In Moskau wurden schon Rufe nach einem alternativen Wettkampf laut. Der Chef der Kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, schlug eine Spartakiade vor – in Anlehnung an Wettkämpfe, die früher in kommunistischen Ländern Europas abgehalten wurden.

Stabhochsprung-Star Jelena Issinbajewa sprach von einer „Beerdigung der Leichtathletik“. Sie habe aber noch Hoffnung, dass das IOC dem Urteil nicht folgt: „Die maßgebliche Entscheidung wird von Thomas Bach kommen.“ Diese Hoffnung dürfte vage sein.

Start von Whistleblowerin Julia Stepanowa noch offen

Das IOC hat die Entscheidung der IAAF vor einem Monat grundsätzlich gestützt. Nach jetzigem Stand ist Weitspringerin Darja Klischina die einzige russische Leichtathletin, die in Rio starten darf. Sie hat zuletzt außerhalb des russischen Dopingsystems in den USA trainiert und erhielt deshalb eine Ausnahmegenehmigung.

Dieselbe IAAF-Genehmigung hat auch Kronzeugin Julja Stepanowa erhalten, doch ihr Rio-Start ist noch ungewiss, da das russische NOK die „Landesverräterin“ nicht für die Spiele nominiert hat. Die IOC-Exekutive hat den Fall an die hauseigene Ethikkommission weitergereicht. Im Raum steht ein Start unter IOC-Flagge.