Olympia-Starter

Sprinter Jakubczyk und der Spagat im Startblock

Der Berliner hat es trotz widriger Umstände nach Rio geschafft. Er musste wegen vieler Verletzungen oft abwägen, wie er trainieren kann.

Lucas Jakubczyk bei der EM in Amsterdam

Lucas Jakubczyk bei der EM in Amsterdam

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berlin.  Der Mensch wächst mit seinen Herausforderungen. Wenn das wirklich stimmt, dann hat Lucas Jakubczyk in den vergangenen zwölf Monaten einen ziemlichen Schuss gemacht. Immer wieder war der Sprinter des SCC Berlin verletzt gewesen; zunächst mit einem Knochenödem am Sprunggelenk, dann mit einem Muskelfaserriss, zuletzt mit einem Faszienriss im rechten Oberschenkel. Hinzu kam vor allem im Winter die unbefriedigende Trainingssituation nach der Sperrung der Rudolf-Harbig-Halle, in der Flüchtlinge unterge-bracht wurden.

„Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht davon ausgehen, dass ich acht Monate später bei Olympia auf der Bahn stehen werde“, sagt Jakubczyk. Doch der 31-Jährige hat es geschafft: Er hat sich für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifiziert, im Einzel und mit der Staffel. „Wenn Hindernisse im Weg stehen, muss man sie bewältigen“, sagt er. „Man kann daran verzweifeln, oder man kann versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.“

Gutes Fingerspitzengefühl

Bei Sprintern kommt es ja normalerweise darauf an, was sie in den Beinen haben, doch Lucas Jakubczyk brauchte auf seinem Weg nach Rio vor allem eines: Fingerspitzengefühl. Es galt in kurzer Zeit die Form auszuprägen, ohne es jedoch zu sehr zu überreizen und damit womöglich eine erneute Verletzung zu riskieren. „Das war immer ein Spagat“, erzählt er. Anstatt stur Trainingspläne abzuarbeiten, ließ er deshalb seinen Körper entscheiden, was machbar ist.

Einiges ließ er ganz weg, etwa die Sprünge, die der Berliner sonst gern in sein Trainingsprogramm einbaut. „Ich habe gelernt, mit meinem Körper umzugehen und dass manche Prozesse einfach Zeit brauchen“, sagt der Charlottenburger. „Diese Zeit habe ich mir genommen.“

Am Ende war Jakubczyk zum richtigen Zeitpunkt wieder in Form. Im Halbfinale der EM in Amsterdam erfüllte er quasi auf den letzten Drücker die Olympianorm von 10,16 Sekunden. „Das war eine Genugtuung“, sagt er, auch wenn die Zeit nicht für den Finaleinzug reichte. Die Enttäuschung darüber hielt sich in Grenzen, denn nur drei Tage später holte der frühere Weitspringer mit der Staffel Bronze über 4x100 Meter.

Hoffnung auf die Staffel

Auch in Rio de Janeiro will das deutsche Quartett nun eine Medaille gewinnen, die vor vier Jahren in London noch deutlich verpasst wurde. Nicht nur deshalb kam bei Jakubczyk damals kaum Olympiastimmung auf: „Wir sind erst ein paar Tage vorher angereist, so dass wir vom besonderen Flair Olympischer Spiele nicht viel mitbekommen haben“, erinnert er sich.

Dass es kein Wettkampf wie jeder andere wird, dafür sorgt schon allein die internationale Konkurrenz. In Brasilien wird Jakubczyk gegen die Stars der Szene antreten: Olympiasieger Usain Bolt (Jamaika), den Weltjahresbesten Justin Gatlin (USA) und Europarekordler Jimmy Vicaut (Frankreich). „Das wird die größte Herausforderung meiner Karriere, aber ich werde versuchen, cool zu bleiben“, sagt der SCC-Sprinter. Ziel sei das Halbfinale. Gelingt ihm das, dann wäre er gefühlt wieder ein Stück größer geworden.