Nach Doping-Bericht

IOC vertagt Entscheidung über Olympia-Ausschluss Russlands

Das Internationale Olympische Komitee sperrt Russland vorerst nicht für Rio. Stattdessen wartet es auf ein Urteil des Sportgerichtshofs

IOC-Chef Thomas Bach (l.) mit Russlands Staatschef Vladimir Putin

IOC-Chef Thomas Bach (l.) mit Russlands Staatschef Vladimir Putin

Foto: Mikhail Klimentiev/Ria Novosti / dpa

Lausanne.  So heiß wie am Dienstag hatten die Drähte beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wohl noch nie geglüht. Mehrere Stunden beriet das 15-köpfige Exekutivkomitee unter Leitung des deutschen Präsidenten Thomas Bach über den Umgang mit dem am Montag veröffentlichten McLaren-Report, in dem eine flächendeckende und staatlich gelenkte Dopingpraxis in Russland enthüllt worden war.

Bach hatte „härtest mögliche Sanktionen“ in Aussicht gestellt, doch am Dienstag blieb eine Entscheidung zunächst aus. Kein direkter Olympia-Ausschluss Russlands – zumindest noch nicht –, stattdessen will das IOC ein Urteil über die mögliche Verbannung von den Sommerspielen in Rio (5. bis 21. August) frühestens am Donnerstag fällen. Das IOC spielt auf Zeit.

Richtungsweisender Cas-Entscheid am Donnerstag

Hintergrund ist die anstehende Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshof Cas über 68 russische Leichtathleten, die nach der Sperre durch den Weltverband (IAAF) ihre Teilnahme in Rio vor der letzten Instanz der Sportgerichtsbarkeit erzwingen wollen. Eine Entscheidung, der das IOC nicht vorgreifen möchte.

Es werde „die Cas-Entscheidung am Donnerstag ebenso in Betracht ziehen wie den Welt-Anti-Doping-Code und die Olympische Charta“, hieß es in einer Stellungnahme. Laut IAAF dürfen nur jene russischen Leichtathleten in Rio starten, die nicht dem staatlichen Doping-Kontrollsystem unterstanden.

Nur abwarten wollte das IOC aber nicht. Am Dienstag setzte das Gremium eine fünfköpfige Disziplinar-Kommission unter Leitung des Franzosen Guy Canivet (stellvertretender Vorsitzender der IOC-Ethikkommission) ein, die sich ab sofort mit den russischen Verfehlungen befasst.

Keine Akkreditierungen für russisches Sportministerium

Zusätzlich verabschiedete das IOC diverse Sofortmaßnahmen. Unter anderem werden vorerst keine IOC-Sportveranstaltungen in Russland mehr organisiert. Die Planungen möglicher Europaspiele 2019 wurden beispielsweise auf Eis gelegt. Zudem wird kein Mitglied des russischen Sportministeriums eine Olympia-Akkreditierung erhalten. Und: Alle russische Dopingproben der Winterspiele in Sotschi werden einem Nachtest unterzogen.

In der Frage des Komplett-Ausschlusses von Russland will sich das IOC hingegen Zeit nehmen. Nach „sorgfältiger Bewertung des Wada-Berichts“ wolle man die „rechtlichen Möglichkeiten auf ein kollektives Verbot aller russischen Athleten gegenüber dem Recht auf individuelle Gerechtigkeit abwägen“. Ein Vorgehen, das der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, ausdrücklich lobte.

„Ich denke, es ist eine kluge Entscheidung, abzuwarten, wie die Dinge vor dem Cas dargestellt werden“, sagte Hörmann. „Es geht nicht um eine schnelle Entscheidung, sondern eine bestmögliche. Es geht nicht nur um Rio, sondern um einen Meilenstein im Anti-Doping-Kampf.“ Die Athletenkommission des DOSB sprach sich derweil gegen einen vollständigen Ausschluss der russischen Athleten aus. Sie forderte, dass „nachweislich sauberen Sportlern“ ein Startrecht eingeräumt wird.

Russland suspendiert vier Funktionäre

Der öffentliche Druck auf das IOC, er bleibt enorm groß. Neben der Wada hatten sich etliche nationale Anti-Doping-Agenturen, Politiker und Ethiker für die Verbannung Russlands ausgesprochen. Russlands Staatspräsident Wladimir Putin kam derweil seiner Ankündigung nach, beteiligte Funktionäre aus dem Verkehr zu ziehen.

Bereits am späten Montagabend wurde Vizesportminister Juri Nagornich suspendiert, am Dienstag folgten vier weitere Funktionäre. Sportminister Witali Mutko bleibt hingegen im Amt. „Witali Mutko wird im Bericht der Wada nicht als Ausführender erwähnt“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Laut McLaren-Report sei Mutko ein Mitwisser.

Der Sportminister selbst ging am Dienstag in die Offensive: „Es verwundert, dass die Wada solche Schlussfolgerungen über ein Land nach nur 57 Tagen Untersuchung zieht“, sagte Mutkom der den Vorwürfen von staatlich gelenktem Doping in Russland erneut widersprach. Der Ressortchef schob die Schuld auf den in die USA geflüchteten früheren Antidoping-Laborchef Grigori Rodschenkow.

Sportminister Mutko bleibt, gerät aber ins Visier der Fifa

„Er mischte und vertauschte irgendwelche Cocktails und schob später alles dem Staat in die Schuhe. Das muss juristisch aufgearbeitet werden“, sagte Mutko. Der am Montag in Toronto vorgelegte Wada-Bericht basiert zu großem Teil auf den Aussagen Rodschenkows.

Weil Mutko auch Präsident des russischen Fußball-Verbandes RFS ist, gerät er nun allerdings ins Visier des Weltverbandes. Die Fifa-Ethikkommission werde den McLaren-Report auf Verfehlungen gegen die Fifa-Ethikregeln prüfen, hieß es. Im kommenden Jahr findet in Russland der Confed Cup statt, 2018 die WM-Endrunde, deren Organisationschef Mutko ist.

Die erschütterte Sportwelt wartet vorerst weiter – auf die Entscheidung des Cas – und die des IOC. Der Wunsch nach einer Zeitenwende ist nach wie vor groß. „Der McLaren-Report kann der Beginn für umfassende Reformen im Sport sein“, betonte Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leitathletik-Verbandes (DLV). Wie das IOC diese Gelegenheit nutzen will, zeigt sich ab Donnerstag.