Leichtathletik

Der Mann lag drei Stunden mit abgetrennten Beinen im Gebüsch

Der Sprinter David Behre ist der Star der deutschen behinderten Leichtathleten. Über seinen dramatischen Unfall schrieb er ein Buch.

David Behre startet an diesem Wochenende bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften der behinderten Leichtathleten in Berlin

David Behre startet an diesem Wochenende bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften der behinderten Leichtathleten in Berlin

Foto: dpa Picture-Alliance / Mika Volkmann / picture alliance / Mika

Berlin.  Die Internationalen Deutschen Meisterschaften der behinderten Leichtathleten (IDM) finden zwar an diesem Wochenende bereits zum fünften Mal hintereinander im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark (Cantianstraße 24, Prenzlauer Berg, Eintritt frei) statt – doch selten waren sie so wichtig wie dieses Jahr.

Denn die rund 650 Aktiven aus 56 Nationen kämpfen um die „definitiv letzte Chance“ auf ein Paralympics-Ticket für Rio (7. bis 18. September), wie Wettkampfleiter Ralf Otto betont.

Neben den üblichen Normen an Zeiten, Weiten und Höhen für jeden einzelnen Sportler gilt es auch für die einzelnen Verbände, die vorgegebene Menge an Startplätzen zu besetzen. Dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) stehen für Rio 34 Plätze zur Verfügung.

Ein Güterzug schleifte ihn 200 Meter mit

Seinen Platz sicher hat Sprinter David Behre. Der beidseitig unterschenkelamputierte Leverkusener ist nach den Ausfällen anderer DSB-Asse wie Markus Rehm, Vanessa Low, Felix Streng, Johannes Floors oder Ilke Wyludda der Star der Veranstaltung. Aber nicht nur das macht den 29-Jährigen so interessant: Er hat die Geschichte, wie es zu seiner Behinderung kam, in einem Buch verarbeitet.

Sie ist dramatisch: David Behre ist am 8. September 2007 beim Überqueren eines mehrgleisigen Bahnübergangs, dessen Schranken nicht heruntergelassen waren, auf seinem Fahrrad von einem Güterzug überrollt worden.

Weder Zugführer noch irgendwelche Passanten bemerkten den Unfall, niemand hörte Behres Schreien. Der wurde 200 Meter mitgeschleift, erst wurde ihm das rechte, dann das linke Bein abgetrennt, ehe er ins Gebüsch geschleudert wurde und dort liegen blieb.

Über Oscar Pistorius kam er zur Leichtathletik

Erst nach drei Stunden erwachte er, robbte zum Bahndamm. Eine herzkranke Rentnerin hörte ihn schließlich, leistete die Erstversorgung, holte Hilfe – rettete ihm das Leben. Die erste Auflage seines 2013 erschienenen Buches „Sprint zurück ins Leben“ sei mit 7000 Stück verkauft, erzählt er.

„Ich habe immer gesagt, wenn nur ein Leser nach der Lektüre sagt, das Buch hat mir geholfen, mein Leben besser zu meistern, dann hat es sich gelohnt, war es ein Erfolg. Wenn das Antrieb wäre, nochmal weitere Exemplare nachzudrucken, würde mich das glücklich machen. Aber es hängt wohl laut Verlag von meinen Auftritten in Rio ab“.

Dort hat Behre, der vor dem Zugunfall Motocross-Fahrer war, und dann nur wenige Tage nach der Operation durch eine TV-Reportage über Oscar Pistorius zum Neubeginn auf ganz neuem Feld inspiriert wurde, ein dickes Programm vor sich: 100, 200, 400 Meter, 4x100-Meter-Staffel. Gegen Pistorius ist Behre übrigens noch selbst gelaufen, wurde 2011 bei der WM in Christchurch (Neuseeland) über die Stadionrunde Zweiter.

2018 findet die EM in Berlin statt

2015 wurde Behre dann in Doha Weltmeister über 400 Meter. Mit der Staffel gewann er 2012 in London Bronze. Als Solist lief er auf Rang fünf Europarekord. Diesen Platz will er nun in Rio verbessern. „Die Form kommt“, sagt er. Als Weltmeister ist er Mitfavorit, „aber meine Bestzeit von 48,4 Sekunden werde ich auf jeden Fall verbessern müssen“, befürchtet er.

„Für Gold muss viel zusammenkommen, Geburtstag, Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Aber ich bin ein Meisterschaftsläufer, kann mich auf den Punkt steigern.“ Nach den Paralympics macht der Berufssportler weiter. Denn die EM 2018 wurde gerade an Berlin vergeben „Ich laufe gern in Berlin“, sagt Behre, „und das soll man auch bei den IDM merken“.