Motorradsport

Valentino Rossi: „Ich habe bei Djokovic und Becker gelernt“

Valentino Rossi setzt jetzt auch auf die Hilfe eines früheren Champions - und hofft auf den Sieg auf dem Sachsenring.

Valentino Rossi schied zuletzt in Assen zum dritten Mal aus. Seit 1998 (Mick Doohan) ist kein Fahrer mit drei Ausfällen mehr Weltmeister geworden

Valentino Rossi schied zuletzt in Assen zum dritten Mal aus. Seit 1998 (Mick Doohan) ist kein Fahrer mit drei Ausfällen mehr Weltmeister geworden

Foto: Bas Czerwinski / dpa

Hohenstein-ErnstthaL.  Valen­tino Rossi fuhr bereits 338 WM-Rennen auf dem Motorrad, 215 endeten auf dem Siegertreppchen, 114 sogar auf der höchsten Stufe. Das reichte bislang für neun WM-Titel. Der Lohn: Yamaha lässt sich 2016 die Dienste des 37-jährigen Italieners rund 20 Millionen Euro kosten.

Vor dem Großen Preis von Deutschland am Sonntag auf dem Sachsenring (ab 11 Uhr bei Eurosport) sprach der Yamaha-Pilot über den Titelkampf, in dem er nach drei Ausfällen hinter den den Spaniern Marc Márquez (Honda/145 Punkte) und Jorge Lorenzo (Yamaha/121) auf Rang drei (103) liegt.

Der WM-Ausrichter Dorna hat Ihnen das offizielle Videospiel 2016 gewidmet. The Game ist in großen Teilen personalisiert. Viel mehr Wertschätzung werden Sie kaum bekommen können, Herr Rossi.

Valentini Rossi: Natürlich bin ich stolz, auch weil ich ein bisschen am Spiel mitgestalten konnte. Es ist ein Weg, unseren Sport noch populärer zu machen. Aber das funktioniert nur, weil es noch einen Haufen anderer Weltklasse-Fahrer gibt.

Um diesen auch in Ihrer 21. WM-Saison noch gewachsen zu sein, haben Sie sich unkonventionelle Hilfe gesucht. In Person Ihres Landsmanns Luca Cadalora (53), der einst selbst dreifacher Weltmeister war.

Als ich 1996 in Malaysia meinen ersten Grand Prix gefahren bin, hat Luca die 500er-Klasse gewonnen. So lange kennen wir uns, hatten aber nie richtig was miteinander zu tun. Man sagt Hallo im Fahrerlager und fertig. Dann hat er irgendwann aufgehört, und wir haben uns aus den Augen verloren. Was ich aber immer wusste war, dass Luca den perfekten Blick auf scheinbare Kleinigkeiten hat. Vor allem als Beobachter am Streckenrand. Und so habe ich ihn im Februar gefragt, ob er bei den Australien-Tests mein Boris Becker sein wolle.

„Nur einer wie Becker sieht Fehler bei einem wie Djokovic“

Ihr Boris Becker?

Ja. Schauen Sie doch, wie er den momentan besten Tennisspieler Novak Djokovic noch besser gemacht hat. Er sieht von außen alle kleinen Fehler und stellt sie ab. Nur einer wie Becker sieht Fehler bei einem wie Djokovic. Von Djokovics Beispiel habe ich also gelernt. Es hat mich überzeugt, denn ich bin nicht perfekt.

Und wie coacht Sie Luca Cadalora?

Er fährt mit dem Motorroller am Anfang eines Rennwochenendes die Strecke ab, achtet auf jedes Detail. Dann sucht er sich verschiedene Schlüsselstellen und schaut mir und den anderen Jungs im Training zu. Luca sieht bei mir jeden Zentimeter, wenn ich eine Kurve unterschiedlich fahre. Das ist phänomenal. Und das macht er auch bei der Linienwahl der anderen. In der Box sieht er die gefahrenen Zeiten, und wir ziehen unsere Rückschlüsse. Danach versuche ich so zu fahren, wie Luca es empfiehlt.

Und das hilft offenbar, Sie haben trotz dreier Ausfälle noch WM-Chancen.

In der MotoGP zählt jeder Zentimeter, jede Hundertstelsekunde. Wenn ich in einer Kurve dank Luca ein Zehntel finde, sind das am Ende manchmal zwei oder sogar drei Sekunden. Ohne ihn blieben die liegen. Das kann und will ich mir nicht leisten.

Dafür leisten Sie sich ein eigenes WM-Team in der kleinsten Klasse Moto3, in der Nähe Ihrer Heimatstadt Tavullia eine eigene Rennstrecke und eine Firma, die für Sie und ein Dutzend Fahrer Fan-Artikel herstellt und vermarktet. Zusätzlich fördern Sie elf junge Italiener und haben zuletzt fünf Nachwuchs-Piloten aus Japan, Malaysia, Indonesien und Thailand eine Woche auf Ihrer Ranch gedrillt.

Nach dem Rennen ist die Arbeit mit den jungen Leuten für mich das Beste, was es gibt. Es macht Spaß, und ich bin selbst immer gefordert, bleibe fit und aktiv. Ich profitiere also davon, und es ist auch gut, wenn man mal zuhört, wie diese Jungs so außerhalb der Strecke die Welt sehen. Außerdem werden aus Südostasien in Zukunft viel mehr Talente kommen. Dort sind auch die Motorradmärkte der Zukunft.

„Pilates hilft sehr bei der Entspannung, hilft die Müdigkeit aus dem Körper zu kriegen“

Neben dem Fahren, der Technik und verschiedenen Konditionsübungen gehört auch Pilates zum Rossi-Ranch-Programm. Was bringt das?

Nach einem Tag Training sind alle Muskeln müde. Pilates hilft sehr bei der Entspannung, hilft die Müdigkeit aus dem Körper zu kriegen. Das unterschätzen sie oft und wundern sich, wenn die Anforderungen an einem Rennwochenende sie ganz schlapp werden lassen.

Sie haben aber auch gelegentlich aktuelle WM-Konkurrenten und Kollegen zu Gast.

Ja, aber davon profitiere ich auch. Du lernst von jedem etwas. Aber meistens haben wir auch viel Spaß.

Spanien, Italien und mit Abstrichen England sind die Top-Nationen im Motorrad-Rennsport. Haben Sie eine Vermutung, warum sich Deutschland so schwer tut? Ein Stefan Bradl, den Sie für einen richtig guten Piloten halten, muss um seinen Platz in der MotoGP bangen, könnte aber zu den Superbikes wechseln. Dann gibt es mit Jonas Folger, Sandro Cortese, Marcel Schrötter und Philipp Oettl noch vier weitere WM-Fixstarter, momentan aber ohne jede echte WM-Chance. Vom Nachwuchs zwischen 14 und 18 Jahren gibt es gar keine Erfolgsmeldungen.

Ich kenne mich mit den Nachwuchsprogrammen in Deutschland nicht aus. Es liegt vielleicht daran, dass das Interesse an Motorradrennen in Deutschland nicht so groß ist, obwohl in keinem Land in Europa so viele Motorräder verkauft werden. Im Autorennsport sind die deutschen Fahrer ja eigentlich in jeder Kategorie weltspitze. Motorrad-Talente gibt es. Bradl und Cortese waren ja Weltmeister. Die jungen Fahrer brauchen viele Rennen und Zeit, sich entwickeln zu können. Dafür braucht man Rennstrecken und viel Geld. Dass Stefan Bradl vielleicht zu den Superbikes in ein Werksteam wechselt, muss kein Nachteil sein. Kein anderes Motorrad ist technisch so nahe an einer MotoGP wie ein Superbike. Und wenn er dort Erfolg hat, kann er ja zurückkehren.

Sie sind 37 Jahre alt, haben Ihren Vertrag mit Yamaha bis 2018 verlängert. Dann wäre Ihr nächster Geburtstag der 40. Welche Ziele möchten Sie noch verwirklichen, und was macht Valentino Rossi dann mit 80 Jahren mal?

Mein Ziel ist der zehnte WM-Titel. Das wird sicher schwer, aber wenn ich nicht daran glauben würde, müsste ich sofort aufhören. Wenn ich 80 werde, werde ich den ganzen Tag mit meinen dann auch 80-jährigen Kumpels in Tavullia auf dem Marktplatz sitzen, nur Unsinn erzählen und den schönen Mädchen hinterherschauen.