Radsport

Tour de France: „Hose runterziehen fast schon Normalität“

Zwischen Terrorangst und Übergriffen der Fans bleibt bei der Tour wenig Raum für die Radprofis. Freitag erwägte man eine Absage.

Tom Dumoulin siegt für das deutsche Team Giant-Alpecin

Tom Dumoulin siegt für das deutsche Team Giant-Alpecin

Foto: JUAN MEDINA / REUTERS

Vallon-Pont-d’Arc.  An einem Tag der Trauer legte sich ungewohnte Stille über die Tour de France. Die Radprofis um Christopher Froome hielten bei einer Schweigeminute inne, sogar die sonst alles übertönende Werbekarawane verstummte – doch dem Terror beugte sich niemand. Am Tag nach dem verheerenden Attentat von Nizza mit 84 Toten ist die 103. Frankreich-Rundfahrt unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen fortgesetzt worden.

Behörden und Tour-Organisation entschieden sich am Freitag gegen eine Absage des 37,5 Kilometer langen Einzelzeitfahrens, das der Niederländer Tom Dumoulin (Giant Alpecin) gewann vor dem Gesamtführenden Christopher Froome aus Großbritannien, während der Deutsche Tony Martin als Neunter enttäuschte. Froome liegt im Gesamtklassement 1:47 Minuten vor Bauke Mollema (Niederlande) und 2:45 vor Landsmann Adam Yates.

„Wir haben darüber diskutiert, ob wir fahren können. Doch wir glauben, dass wir uns nicht dem Druck derer beugen dürfen, die unsere Art zu leben verändern wollen. Die Tour wird in Würde fortgesetzt“, sagte Direktor Christian Prudhomme nach Meetings mit der Polizei und der Spezialeinheit GIGN. An der Strecke sorgten 600 Kräfte für Sicherheit, alle Zufahrtswege zum Kurs wurden abgesperrt.

Degenkolb will seine Familie von Paris-Reise abhalten

Die deutschen Fahrer zeigten Verständnis für die Entscheidung. „Das ist eine Tragödie“, sagte Sprinter Marcel Kittel, der jedoch nicht um seine Sicherheit besorgt ist: „Ich bleibe mir treu, ich lasse mir von irgendwelchen Geisteskranken und Terroristen nichts vorschreiben und lebe mein Leben weiter.“

Klassiker-Spezialist John Degenkolb will seine Familie aber eventuell von der geplanten Reise zum Tour-Finale nach Paris abhalten: „Das müssen wir noch überlegen“, sagte Degenkolb: „Da merkt man, wie nah das echte Leben ist.“

Aus Respekt vor den Opfern verzichtete die Werbekarawane auf Musik und das übliche Einstimmen der Fans an der Strecke. Bei der Siegerehrung gab es eine weitere Schweigeminute.

Schmaler Grat zwischen Begeisterung und Fahrlässigkeit

Verdängt hatte der Terror auch den Skandal vom Vortag, an dem die Topfahrer durch undisziplinierte Fans gestoppt worden waren. Während sich der betroffene Spitzenreiter Froome zurückhielt, sparten andere Fahrer nicht mit Kritik. „Es ist außer Kontrolle geraten, am Berg war es schlicht verrückt“, sagte der Australier Richie Porte, der auf ein abrupt bremsendes Begleitmotorrad aufgefahren war und damit auch Froome zu Fall brachte.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Begeisterung und Fahrlässigkeit. Doch immer mehr Fans übertreten dabei die Grenze. Kaum bekleidete Männer im Alkoholrausch und Selfie-Wahn, die vor Begleitfahrzeuge springen oder den Fahrern brüllend hinterherrennen, werden für die Radprofis zu einem größer werdenden und unkalkulierbaren Risiko.

„Hose runterziehen ist fast schon Normalität. Es gibt immer wieder Idioten, die halbnackt mit einer Alkoholfahne hinter uns hersprinten“, sagte Tony Martin. Ex-Profi Jens Voigt brachte die Idee eines mehrsprachigen Benimm-Videos für die Zuschauer ins Spiel.

„Mit Dingen, die sie tun können und Dingen, die sie nicht tun sollten. Wir machen Straßen-Rennsport, also bitte nicht auf die Straße treten“, sagte Voigt bei Sky: „Kein Mensch würde bei einem Formel-1-Rennen auf die Idee kommen, auf die Straße zu treten, warum beim Radsport?“