Olympisches Segelrevier

Wasserqualität in Rio wird immer schlechter

Drei Wochen vor dem Olympia-Start trainiert die Berliner Seglerin Victoria Jurczok bereits vor Rio – und hat Ekelhaftes zu berichten.

Für die Fernsehkameras bietet das Segelrevier von Rio de Janeiro eine tolle Kulisse, für die Sportler ist die extreme Wasserverschmutzung aber auch eine Gefahr für die Gesundheit

Für die Fernsehkameras bietet das Segelrevier von Rio de Janeiro eine tolle Kulisse, für die Sportler ist die extreme Wasserverschmutzung aber auch eine Gefahr für die Gesundheit

Foto: Getty Images / Getty Images Sport/Getty Images

Rio/Hamburg.  Die olympische Kulisse in Rio ist prächtig, die Bühne aber nicht: So empfinden es viele Olympiasegler, wenn sie dieser Tage ihre finalen Trainingseinheiten vor Zuckerhut und Christo-Statue in der Guanabara-Bucht absolvieren. Auch die deutschen Segler mussten dabei feststellen, dass es für die Gewässer bis zum Start der olympischen Regatta am 8. August kein Happy End geben wird. „Die Wasserqualität wird immer schlechter“, berichtete 49erFX-Steuerfrau Victoria Jurczok aus Berlin.

Mit ihrer Vorschoterin Anika Lorenz sowie den Sparringpartnerinnen Jule und Lotta Görge machte die WM-Dritte Ekel-Erfahrungen in Serie, auch weil plötzlich eine Ölpest ausbrach. „Es war so viel Schweröl in der Bucht, dass man den Wind kaum sehen konnte“, berichtet Jurczok. Durch die Kräuselung auf der Wasseroberfläche werden sonst Windfelder sichtbar, doch bei dem viel schwereren Öl obenauf war das nicht mehr möglich.

Am Abend dauerte die Reinigungsprozedur der fast neuen, am Morgen noch schneeweißen Bootsrümpfe drei ganze Stunden. „Es ging nur mit Aceton und anschließendem Neupolieren“, ärgerte sich Jurczok. Zwar war das Öl am Folgetag aus der Bucht verschwunden. Doch im nächsten Training mussten die deutschen Frauen-Crews ihre kippeligen Skiffs an einem großen im Wasser treibenden toten Hund vorbeimanövrieren – das war zuvor auch schon Australien Olympiasieger Nathan Outerridge einmal passiert.

Kritik an IOC-Chef Bach

470er-Steuermann Ferdinand Gerz, der vor seinem zweiten Olympiastart steht, bestätigt: „Die Wasserqualität ist unverändert schlecht. Aktuell treibt wieder viel großes Treibgut in der Bucht. Wir hoffen alle, damit nicht zu kollidieren.“

Die Problemliste des Reviers wird lang und länger. Paralympics-Steuermann Heiko Kröger hatte im Juni nach der wiederholten Feststellung von Super-Bakterien in Rios olympischem Segelrevier bei Facebook geschrieben: „Lieber Thomas Bach. Wie geht es Ihnen? Wenn ich IOC-Präsident wäre, könnte ich nicht mehr schlafen.“ Sogar einen Boykott hatte der Paralympics-Sieger von 2000 aus Jersbek ins Spiel gebracht.

So weit gehen die Athleten vor Ort jetzt nicht mehr, da sie ihrem Leistungssport viele Jahre gewidmet haben und sich den Olympiatraum nicht vom Versagen der Verantwortlichen nehmen lassen wollen. Auch die Verbände, die mit ihren Partnern Millionen, Manpower und Mühe in die Vorbereitung gesteckt haben, sind nicht für einen Boykott zu haben. Dafür ist es einfach zu spät.

Organisatoren halten Versprechen nicht ein

Die Organisatoren haben ihr Versprechen, das mit Müll, Dreck und Krankheitserregern aus Krankenhausabwässern belastete Revier bis zu den Spielen in einen deutlich besseren Zustand zu versetzen, aber nicht eingehalten. Das haben sie öffentlich eingeräumt. Konsequenzen ergeben sich daraus nicht für sie, sondern die Sportler und Betreuer.

Die 13 Müllsammel-Schiffe, die in der Bucht eingesetzt sein sollen, sind kaum einmal zu sehen. Ihre Effektivität darf nach den letzten Berichten bezweifelt werden. Besser dran ist, wer weiter draußen segelt: Von den sieben Olympiakursen liegen drei so weit im Südatlantik, dass die Bedingungen dort besser sind. Andy Hunt, seit einem halben Jahr Generalsekretär des Weltseglerverbandes, sagt: „Es sind keine Spiele ohne Herausforderungen.“

Zur Wasserqualität äußerte sich Hunt gegenüber der Berliner Morgenpost „vorsichtig optimistisch“: „Die jüngsten Testergebnisse weisen in die richtige Richtung. Auf dem Spielfeld selbst (also die Kurse in der Bucht, d.Red.) haben sich die Werte unterhalb der von der Weltgesundheitsbehörde gesetzten Grenzen bewegt.“ Was nicht für den Olympiahafen Marina da Gloria und damit das Ab- und Anlegezentrum der Segler gilt, durch das sie alle durchmüssen.

Rat der Experten findet kein Gehör

Bei der Entscheidung für das Rio-Revier sind die Beteiligten vor sieben Jahren der verführerisch schönen Kulisse erlegen, dem Gedanken, den oftmals weitab vom Olympia-Zentrum stattfindenden Segelsport in Rios schönstes Rampenlicht rücken zu können. Das von Experten von Beginn an empfohlene Altnativ-Revier in der zweieinhalb Autostunden entfernt liegenden Segler-Hochburg Buzios hätte diesen großen Auftritt nicht ermöglicht.

Jetzt müssen die Sportler Glück haben, wenn sie nicht – wie Erik Heil vor einem Jahr in Folge der olympischen Testregatta – erkranken wollen. Der Berliner 49er-Steuermann musste mit schweren Infektionen und von Bakterien verursachten tiefen Löchern in den Beinen in der Berliner Charité behandelt werden. Inzwischen ist er aber wieder fit.

Auch ist nicht auszuschließen, dass Treibgut die Medaillenentscheidungen beeinflussen wird. Davor graust es den Athleten. Thomas Piesker, Berliner Bundestrainer von Laser-Vizeweltmeister Philipp Buhl, sagte in Rio: „Ich empfinde die Wasserqualität als schlechter denn je. So viel Dreck in Form von Plastik, allen nur denkbaren Hygieneartikeln und jeglicher Form von Hausmüll hatte ich so noch nie wahrgenommen.“