Enttäuschte EM-Gastgeber

Für Frankreich gibt’s nur Trost vom Staatspräsidenten

Gastgeber Frankreich leidet sehr nach dem verlorenen EM-Finale, in dem vor allem die Stars Pogba und Griezmann einiges schuldig blieben

Frankreichs Staatschef Francois Hollande (vorne, 3.v.l.) empfängt die französische Fußball-Nationalmannschaft um Antoine Griezmann (l.)

Frankreichs Staatschef Francois Hollande (vorne, 3.v.l.) empfängt die französische Fußball-Nationalmannschaft um Antoine Griezmann (l.)

Foto: Jeremy Lempin / dpa

Paris.  Auch am Tag danach stand Frankreichs Spielern die Enttäuschung noch ins Gesicht geschrieben, 250.000 Euro Prämie für jeden für die Finalteilnahme trösteten jedenfalls niemanden. Staatspräsident Francois Hollande hatte das EM-Team am Montag zum Mittagessen in den Élysée-Palast geladen. Antoine Griezmann und Co. kamen in feinen Anzügen, doch auf dem gemeinsamen Foto vor Hollandes Residenz fiel allen das Lächeln schwer.

Eigentlich brauchte es wie am Vorabend im Stadionkeller nur ein Wort: „Merde“. Nicht anderes sei es, „zwei Finals in einem Monat zu verlieren“, sagte Griezmann. Ende Mai mit Atlético Madrid die Champions League im Elfmeterschießen. Nun mit ­Frankreich das EM-Finale in der ­Verlängerung. Jeweils mit genug Anlass zum Hätte, Wäre, Könnte.

Nur Griezmann gewinnt einen Titel

In Mailand gegen Real hatte er einen Strafstoß an die Latte ­gesetzt. Im Stade de France scheiterte er mit einem wunderbaren Kopfball an Portugals Torwart Rui Patricio und setzte in der zweiten Hälfte einen Kopfball knapp über die Latte. Drei Tage nach seiner Gala gegen Deutschland fehlten ihm Kraft und Konzentration für eine letzte Heldentat.

Gleichwohl – und nicht nur wegen seiner sechs Tore verdient – wurde Griezmann von der Uefa zum „Spieler des Turniers“ ernannt. Die Bestätigung ­seines Ausnahmetalents auch in der ­Nationalelf ist wohl die positivste ­Hinterlassenschaft einer vielversprechenden, teamintern harmonischen, aber letztlich fatal beendeten EM im eigenen Land.

Erstmals seit 18 Partien verlor Frankreich vor eigenem Publikum ein Turnierspiel. Die Wiederauflage der mythischen Siegesparty 1998 entfiel. „Einfach nicht ihr Tag“, titelte „Libération“ angesichts der Glanzparaden von Rui Patricio und des Pfostenschusses von André-Pierre Gignac in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit.

Auch Frankreich hat ein Stürmerproblem

Die Personalie Gignac („Es ist schrecklich, es ist ein Albtraum“) weist allerdings auf die kleinen Fehler hin, die es gibt, wo Niederlagen sind. Ein 30-jähriger Grobmotoriker aus der mexikanischen Liga war Deschamps einzige EM-Variante für den auch nicht gerade filigranen Olivier Giroud.

Dass er Premier-League-Star Anthony Martial nicht mehr Minuten gab, wird Gründe gehabt haben. Dass er Karim Benzema wegen möglicher Verwicklung in die Erpressung von Kollege Mathieu Valbuena verlor, war nicht seine Schuld. Die Liebe der Franzosen für ihre Elf wäre bei einer so kontroversen Berufung nicht möglich gewesen.

Warum Deschamps aber auf den diese Saison 29 mal treffsicheren Kevin Gameiro von Europa-League-Champion Sevilla verzichtete, ist nicht zu verstehen. Gegen Portugal fehlten scharfe Waffen, um die Schluss­offensive erfolgreich zu gestalten.

Deschamps steht schon vor der nächsten Herausforderung

Deschamps zeigte sich nach dem Spiel als trauriger, aber würdevoller Verlierer. „Es ist grausam, so zu verlieren, aber Glückwunsch an Portugal“, sagte er. „Unser Turnier einzuordnen und positive Worte zu finden, fiel vor der Mannschaft sehr schwer, die Enttäuschung ist zu groß.“ Vielleicht hätten Klarheit und nach dem Halbfinale gegen Deutschland auch Frische gefehlt.

Doch das war es nicht allein. Deschamps steht bis zur WM 2018 vor der Herausforderung, die „Bleus“ mit einer belastbaren Spielidee auszurüsten. Sonderlich subtil war Frankreichs Fußball bei diesem Turnier nie. Der Mann, der das mit seiner Power kompensieren sollte, blieb im Finale blass. Die Sportzeitung „L’Équipe“ erinnerte gestern mit ihrem Titelfoto an ihn. An Paul Pogba, der seinen Kopf unter dem Trikot verbarg, fassungslos und deprimiert.