Europameister Portugal

Ronaldo: „Ich habe es verdient“

Party statt Schwermut: Superstar Cristiano Ronaldo und die Portugiesen feiern in Lissabon überschwänglich den ersten EM-Titel

Cristiano Ronaldo (Mitte) und seine Teamkollegen lassen sich in Lissabon von Zehntausenden Portugiesen feiern

Cristiano Ronaldo (Mitte) und seine Teamkollegen lassen sich in Lissabon von Zehntausenden Portugiesen feiern

Foto: Antonio Cotrim / dpa

Paris.  Es gab diesen einen Moment im Flugzeug, als Cristiano Ronaldo auf dem Heimflug von Paris nach Lissabon etwas Ruhe fand. Er saß alleine in der vordersten Reihe. Dunkelblauer Anzug mit Weste, weißes Hemd, Brillantknopf am Ohr. Auf dem Schoß: der Pokal des Europameisters, geschmückt mit roten Bändern. Ronaldo schmiegte seine Wange an das Silber, als liebkose er seinen Sohn. Natürlich wusste Ronaldo: Ein Fotograf hält die Szene fest. Soll er doch!

Seit Portugal mit dem 1:0 gegen EM-Gastgeber Frankreich erstmals Europameister wurde, sprudeln Stolz und Genugtuung aus jeder Körperzelle. Große Spieler hat das kleine Portugal hervorgebracht. Eusebio. ­Paulo Sousa. Luis Figo. Aber er, ­Cristiano Ronaldo, bringt als Kapitän diesen Pokal mit nach Hause.

„Ich habe immer davon geträumt, mit Portugal zu gewinnen“, sagte der 31-jährige Star von Real Madrid. „Ich verdiene es, Portugal verdient es, die Fans verdienen es.“ In exakt dieser Reihenfolge. 2004 war er im eigenen Land an Griechenland gescheitert. 2016 ist das Trauma – anders als beim Dauerrvialen Lionel Messi – endlich ­besiegt. Ronaldo: „Das ist einer der glücklichsten ­Momente meiner Karriere.“

Der Superstar zeigt ein neues Gesicht

Das sagt einer, der überall Erfolg hatte. Dreimal Sieg in der Champions League. Dreimal Weltfußballer des Jahres. Englischer Meister. Spanischer Meister. Pokalsiege, Supercup, praktisch alles. Nur kein Turniersieg mit dem Nationalteam. Die EM in Frankreich war sein siebter Versuch. „Es waren viele Jahre voller Opfer“, so Ronaldo, „niemand hat an uns geglaubt.“

Er schon. Jetzt sitzt er im Flieger, umringt von Fußballstars und Talenten, die für ihn durchs Feuer gehen. In Frankreich haben die Portugiesen einen anderen Ronaldo erlebt. Nicht nur den, der jeden Ballverlust als persönliche Beleidigung empfindet. Sondern einen, der Abwehrarbeit verrichtet, in die Zweikämpfe geht, Gegenspielern nachläuft. Fürs Team Verletzungen riskiert. Sogar seine Auswechslung nach der Knieverletzung, die ihm der Franzose Dimitri Payet zu Spielbeginn zugefügt hat, trägt zur Legendenbildung bei.

„Als er sagte, er kann nicht mehr, habe ich meinen Teamkollegen gesagt: Wir müssen das jetzt für ihn gewinnen und für ihn kämpfen“, erzählte Verteidiger Pepe vom Drama in der 25. Minute, als Ronaldo mit Innenbanddehnung im Knie vom Platz getragen wurde.

Eine Story für Hollywood

Tatsächlich wehrten die Portugiesen jede Angriffswelle ab, wie schon im gesamten Turnier. Mit drei Unentschieden waren sie von der Vorrunde in die K.o.-Phase gestolpert und erzwangen jede neue Runde mit knochenharter Abwehrarbeit. Mit dem EM-Titel ­stehen sie auf einer Stufe mit Italien, die dasselbe Kunststück beim WM-Sieg 1982 schafften.

„Das könnte ein Hollywood-Film sein“, stammelte José Fonte, der sich mit Pepe gegen den EM-Torschützenkönig Antoine Griezmann (sechs Treffer) gestemmt hatte. „Vor wenigen Jahren habe ich noch in der dritten englischen Liga gespielt – jetzt bin ich Europameister.“

Als Ronaldo ausgewechselt war und die Mannschaft merkte, dass Frankreich keine Lösung gegen ihr Abwehrbollwerk fand, brachte Trainer Fernando Santos sogar eine frische ­Offensivkraft: den späteren Siegtorschützen Éder.

Um eine zweite Chance gebetet

In der Schlussphase stand Ronaldo so wild gestikulierend, dass nicht mehr zu erkennen war, wer das Sagen hatte – er oder Santos. Die missbilligenden Blicke des Trainer nahm Ronaldo nicht wahr. Das hier war sein Ding. Als er später als Kapitän bei der Siegerehrung den EM-Pokal hochriss, weinte Ronaldo vor Glück.

„Ich habe seit 2004 darum gebetet, dass ich noch eine Chance bekomme“, sagte er. Damals war er 19 Jahre jung, die Entdeckung der EM in Portugal, als er Figo im Mittelfeld diente. Seine Muskelberge wurden wie eine Weltneuheit gefeiert. Titel gewann er mit Portugal nicht. Bis Éder den Ball aus 22 Metern ins linke Ecke feuerte und auch Ronaldo ­erlöste (109.).

„So ist Fußball“, sagte Renato Saches, der als frisch gebackener Europameister in drei Wochen seinen Dienst beim FC Bayern antritt (wie auch Raphael Guerrero bei Borussia Dortmund). Schöner formulierte es Trainer Santos, der über Éder sagte: „Das hässliche Entlein ist reingekommen und hat getroffen. Jetzt ist er ein wunderschöner Schwan.“ Fast so schön wie Cristiano Ronaldo. Daheim feierten sie jedenfalls die EM-Helden dann bei der Triumphfahrt durch Lissabon, als hätte es „saudade“, die berühmte portugiesische Schwermut, nie gegeben.