DRAMA UM DEN SUPERSTAR

Die Tränen des Ronaldo

Portugals Kapitän muss nach einer rüden Attacke von Payet das Finale früh verletzt beenden. Die Geister der Vergangenheit besiegte er dennoch

Paris. Cristiano Ronaldo polarisiert wie kein anderer Fußball-Profi. Man liebt ihn, für seine Schnelligkeit, für sein außergewöhnliches Kopfballspiel, für seine genialen Momente, mit denen er eine durchschnittliche Mannschaft zu einer überdurchschnittlichen macht und mit denen er ein Spiel allein entscheiden kann. Man hasst ihn, für seine narzisstischen Posen, seine teils schauspielenden Momente, in denen er den Schiedsrichter fast mit Tränen in den Augen anblickt und sich ungerecht behandelt fühlt.

Die Tränen, die der portugiesische Superstar im Finale gegen Frankreich vergoss, waren alles andere als Schauspielerei. Weil ihm im wichtigsten Spiel seiner Karriere die Chance genommen wurde, etwas zu vollenden, was vor zwölf Jahren seinen Anfang nahm: Seine Jagd auf den einen großen Titel mit der Nationalmannschaft. Das Drama, das um den 19-jährigen Ronaldo 2004 mit der EM-Finalniederlage gegen Griechenland (0:1) im eigenen Land begann, sollte am Sonntagabend im Stade de France endlich zu einem guten Ende geführt werden. Stattdessen wurde es um ein fast tragischeres Kapitel erweitert.

Es lief die achte Minute, als das Schicksal seinen Lauf nahm. Nach einer üblen Attacke des Franzosen Dimitri Payet blieb Ronaldo mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden liegen. Wie schmutzig die Attacke des Franzosen gewesen ist, dazu bedurfte es nicht erst irgendwelcher Zeitlupen. Beim Versuch, dem portugiesischen Kapitän den Ball abzuluchsen, nahm Payet beim Check gegen Ronaldo einen Schlag gegen dessen linkes Knie billigend in Kauf. Der englische Schiedsrichter Marc Clattenburg entschied nicht einmal auf Foulspiel, geschweige denn zeigte er Payet die Gelbe Karte. Warum auch, spielte Ronaldo doch nach kurzer Behandlung auch weiter.

Aber bereits die ersten Schritte danach offenbarten das ganze Unglück. CR7 war seiner größten Stärke beraubt: Statt seine Schnelligkeit auszuspielen, achtete Ronaldo bei jedem Schritt auf sein Knie. Portugals Spiel stotterte gewaltig, weil es massive Probleme mit dem Antrieb gab. In der 17. Minute war es dann Gewissheit. Eben hatte er noch seinen Mitspieler Joao Mario auf dem Spielfeld beruhigt. Ja, es geht weiter, macht euch keine Sorgen. Wenige unrunde Schritte später sackte der Modellathlet auf dem Rasen zusammen. Für einen Moment allein in seinem Schmerz, genährt vom lädierten Knie und von aufkommender Erkenntnis, dass dieses Finale, welches doch seines werden sollte, für ihn frühzeitig beendet ist, ließ er seinen Tränen freien Lauf.

Doch aufgeben? Nicht in seinem zweiten Europameisterschaftsendspiel. Nicht in seinem 21. EM-Spiel, mit dem er seinen Rekord ausbaute. Nicht an diesem Abend, an dem er dem portugiesischen Fußball den Titel zurückholen wollte, den er vor zwölf Jahren verloren hatte. Ronaldo tat das, was er so oft getan hat. Er kämpfte, verbissen, verzweifelt – und doch vergebens,

Noch einmal kehrte er auf den Rasen zurück, nachdem sein Knie außerhalb des Spielfeldes behandelt worden war. Dick bandagiert, aber entschlossener denn je, den Fluch von 2004 zu besiegen. Und seine Schmerzen. Es war ein Zeichen für das Team von Trainer Fernando Santos: Alle für den einen, der uns erst in dieses Finale gebracht hat.

Die Hoffnung blieb nur sieben Minuten am Leben. Dann sackte Ronaldo erneut zusammen. Augenblicke vorher hatte er seinem Coach bereits signalisiert: Es geht nicht mehr. Auf einer Trage ging es für Ronaldo aus dem Stadion, nach acht Ballkontakten und 25 Spielminuten. Wo doch er derjenige sein sollte, den man auf Schultern durch das Rund trägt, wegen eines grandiosen Finales, wegen des entscheidenden Tores.

Vor der Verlängerung humpelte Ronaldo noch mal ins Rund, um sein Team aufzumuntern, ihm wenigstens auf diese Weise zu helfen. Er zitterte auf der Bank mit. Feuerte an. Am Ende gab es wieder Tränen. Freudentränen. Dank Eder. Die Geister sind besiegt.