Sport

Spanien als warnendes Beispiel

Berti Vogts über das deutsche Spielsystem und einem Star, dem er viele Titel gönnt

Die deutsche Mannschaft hatte im Halbfinale gegen Frankreich nicht die Willenskraft und darf sich über das Ausscheiden nicht wundern. Leider, ich hätte es ihr gegönnt, nach unserem Titel 1996 mal wieder eine EM zu gewinnen! Die Franzosen hatten in den entscheidenden Situationen eine ganz andere Durchsetzungskraft; bei Deutschland hat diese Gier, die uns bei der WM vor zwei Jahren ausgezeichnet hat, gefehlt. 643 Pässe hat Deutschland in 90 Minuten gespielt (von denen 568 sogar angekommen sind), Frankreich hat insgesamt nur 302 Mal gepasst. Doch was nützen die besten Ballbesitz- und Passstatistiken, wenn der letzte konsequente Zug nach vorn fehlt?

Die deutschen Scouts sollten sich in Südamerika umschauen, bei Chile oder Argentinien: Mit welcher Aggressivität, Durchschlagskraft und welch schnellem Umschaltspiel diese Mannschaften agieren. Wir müssen aufpassen, dass es uns nicht ergeht wie den Spaniern, die ein Jahrzehnt lang eine eigene Spielweise geprägt haben, die ausschließlich auf Passspiel und Ballbesitz ausgerichtet war. Wir müssen einen eigenen Weg finden, weg vom reinen Ballbesitzfußball.

Wir hatten genug Möglichkeiten, und dennoch war uns Frankreich überlegen. Jetzt sollen alle schön in den Urlaub fahren – und sich dann in vier, fünf Wochen an einen Tisch setzen und ernsthaft diskutieren: Was war gut? Vieles war sehr gut. Und noch wichtiger: Was war schlecht?

Im Finale habe ich Portugal die Daumen gedrückt, und ich verrate Ihnen auch, warum. Ich war früher mal vier, fünf Wochen zu Gast bei Manchester United und seinem Trainer Sir Alex Ferguson. Da gab es einen 17-Jährigen, der mich unheimlich beeindruckt hat. Er wollte nie aufhören zu trainieren, mit einem Sack voller Bälle stand er noch lange nach dem Trainingsende auf dem Platz – und hat Freistöße und Torschüsse geübt. Der 17-Jährige war Cristiano Ronaldo. Ich finde bedauerlich, dass er vielerorts so falsch dargestellt wird. Ronaldo ist ein Topfußballer, vielleicht der härteste an sich arbeitende Fußballer der Welt. Ich gönne ihm jedes Tor und jeden Titel.

Berti Vogts wurde als Spieler 1972 und als Trainer 1996 Europameister