Leichtathleten

Die Deutschen sind bereit für höhere Ziele

Deutsche Leichtathleten überraschen bei der EM in Amsterdam mit dem Gewinn von 16 Medaillen und wecken enorme Hoffnungen für Rio.

Junger Hüpfer: Max Heß ist noch keine 20 Jahre alt, aber schon Europameister im Dreisprung und deutscher Hoffnungsträger für Rio

Junger Hüpfer: Max Heß ist noch keine 20 Jahre alt, aber schon Europameister im Dreisprung und deutscher Hoffnungsträger für Rio

Foto: Michael Kappeler / dpa

Amsterdam.  Als Nobody ist Max Heß zu den 23. Leichtathletik-Europameisterschaften nach Amsterdam gereist, als Medaillenhoffnung für die Olympischen Spiele in vier Wochen in Rio de Janeiro kehrt der 19-Jährige am Montag in seine Heimatstadt Chemnitz zurück. Der Rucksack, den Heß mit nach Hause bringt, ist schwerer geworden.

Nicht nur, weil dort sicher verpackt eine goldene Medaille zu finden ist. Max Heß muss als neuer Europameister im Dreisprung ab sofort immens gestiegene Erwartungen der Öffentlichkeit schultern. Mit 17,20 Metern schockte der Abiturient die Konkurrenz und berauschte die deutschen Leichtathletik-Fans.

Der Titel für Heß brachte nur eine von 16 Medaillen (5-4-7) des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) in Amsterdam, aber sie war diejenige, die am hellsten glänzte, weil sie so unerwartet kam und weil sie von einem so jungen wie coolen Athleten erkämpft worden ist.

Gold für Gesa Felicitas Krause und David Storl

Schon ein wenig erfahrener, aber mit 23 Jahren immer noch jung für eine Läuferin ist Gesa Felicitas Krause. Über 3000 Meter Hindernis hängte sie alle Rivalinnen in 9:18,85 Minuten locker ab. Krause verfehlte den sieben Jahre alten deutschen Rekord von Antje Möldner-Schmidt um 31 Hundertstelsekunden. „Alles lief wie geplant“, sagte sie. Wie bei ihrem dritten Platz bei der WM 2015 wird mit der Frankfurterin in Rio zu rechnen sein.

Dies gilt auch für die Europameisterinnen Christina Schwanitz im Kugelstoßen und Cindy Roleder über 100 Meter Hürden. Auch die Diskuswerferinnen um die Berlinerin Julia Fischer und Kugelstoßer David Storl werden in Rio mit Medaillenchancen antreten.

Storl klagt zwar über Wehwehchen, aber er zeigte, dass er ein Wettkampftyp ist. Mit 21,31 Metern gewann Storl Gold und verteidigte seinen Titel aus Zürich vor zwei Jahren erfolgreich. Als Joker kommt in Rio noch Robert Har­ting (Berlin) hinzu. Der Diskus-Olympiasieger verzichtete auf den EM-Start. Sein Bruder Christoph wurde Vierter, auch er hat sich noch einiges für das große Ziel Olympia vorgenommen.

Als Max Heß sich noch mitten im Wettkampf seines Lebens befand, lief Linda Stahl bereits eine Ehrenrunde. Obwohl die Dortmunderin Gina Lückenkemper schon in der finalen Vorbereitung auf ihren Vorlauf-Einsatz mit der deutschen Sprintstaffel auf der roten Tartanbahn stand, eilte sie zur Leverkusener Speerwerferin, die gerade mit 65,25 Metern die Silbermedaille gewonnen hatte. Beide umarmten sich sekundenlang.

Das Klima im DLV-Team könnte kaum besser sein

Die 30-jährige Stahl, eine angehende Urologin, die sich fünf Monate unbezahlten Urlaub in ihrer Klinik genommen hat, um ein letztes Mal das Erlebnis Olympia auskosten zu können, und die 19-jährige Lückenkemper, die gerade ihr Abitur mit 2,6 gebaut hat und in Amsterdam ihre sportliche Reifeprüfung als Dritte über 200 Meter sowie als Bronzemedaillengewinnerin mit der Staffel mit einer Eins mit Sternchen gemeistert hat.

Stahl hört nach Rio auf, für Lückenkemper fängt die Karriere erst an. Die Szene zwischen der Speerwerferin und der Sprinterin ist typisch, weil sie das gute Klima in der Mannschaft widerspiegelt. „Wir junge Sportler können von den erfahreneren unheimlich lernen. Sie nehmen uns an die Hand und helfen uns“, sagt Lückenkemper.

Heß ist 19, Lückenkemper ist 19. Das Talent der beiden Hochbegabten ist enorm, sie haben das Zeug, Großes zu leisten. Was ihm wohl am meisten bei seiner goldenen Stunde geholfen habe, wurde Heß in den Katakomben des Olympiastadions von 1928 gefragt.

„Wir sind gut gewappnet für Rio“

Der angehende Wirtschafts-Ingenieur-Student antwortete mit derselben Schnelligkeit, die ihn auch beim Dreisprung auszeichnet: „Jugendliche Unbekümmertheit. Ich hoffe, die bleibt auch noch lange erhalten.“ Dann zögerte er kurz und fügte mit einem Schmunzeln hinzu: „Also die Unbekümmertheit, nicht die Jugendlichkeit. Und ich kann weiter jeden Wettkampf locker angehen, egal, um was es geht.“

So wird er es auch im August bei den Olympischen Spielen tun. Ergebnis noch ungewiss, aber der Senkrechtstarter mit der großen Begabung für horizontale Sprünge ist auch schon eine Hoffnung für die EM 2018 in Berlin und die Sommerspiele 2020 in Tokio.

„Wir sind gut gewappnet für Rio und können hoffnungsfroh sein“, sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska ging sogar noch weiter. Er ist der festen Überzeugung, dass das mit einem Durchschnittsalter von 25,2 Jahren jüngste deutsche Team der EM-Geschichte in Amsterdam noch gar nicht alles gezeigt hat, wozu es fähig ist. „Ich denke, dass wir 100 Prozent Leistung noch nicht gesehen haben. Die EM ist eine Zwischenstation gewesen.“ Rio kann kommen.