Tennis

Wenn Roger Federer in Wimbledon zum Fighter wird

Mit einem epischen Wimbledon-Match gibt Roger Federer einer bitteren Saison eine fast unverhoffte Wendung.

Hatte drei Matchbälle gegen sich: Roger Federer

Hatte drei Matchbälle gegen sich: Roger Federer

Foto: PAUL CHILDS / REUTERS

London.  Seit 18 Jahren kommt Roger Federer immer wieder in den Tennisgarten von Wimbledon. Er hat hier alles erlebt, die ersten bitteren Enttäuschungen als hoffnungsfroher Teenager, den Aufstieg zu majestätischer Grand-Slam-Größe, den schleichenden Verlust der Macht an jüngere Rivalen. Er hat hier so viele Matches gewonnen wie inzwischen nur noch Jimmy Connors, genau 84 an der Zahl. Er hat in Endspielen gesiegt, sieben Mal, er hat in Endspielen verloren.

Doch es gibt Matches, die unvergesslich bleiben, egal, in welcher Runde sie gespielt werden. Matches wie das am Mittwoch, das vielleicht größte Match der späten Karrierejahre Federers. „Ein Mann, der die Zeit besiegt“, titelte die „Daily Mail“ über das so wunderbare Comeback des 34-jährigen Schweizers, der sich trotz eines 0:2-Satzrückstands und drei Matchbällen seines Gegners Marin Cilic (Kroatien) ins elfte Halbfinale durchkämpfte.

Tief verbeugte sich auch der „Telegraph“ vor dem vierfachen Familienvater, nannte ihn einen „alterslosen Aristokraten Wimbledons“. Und ein ehemaliger Weggefährte wie Großbritanniens Tim Henman brachte die Vorstellung des Meisterspielers ganz trocken auf den Punkt: „Brillanz in Aktion.“

„Es wird oft vergessen, was für ein riesiger Fighter er ist“

Diese Houdini-Nummer auf dem Centre Court hatte genau jene Magie, jene Anziehungskraft und jenen Thrill, den Federer auf der Zielgeraden seiner unvergleichlichen Laufbahn noch immer sucht. „Die Atmosphäre war unbeschreiblich“, sagte er später, „und der Sieg bedeutet einen Riesenschub. Für dieses Turnier, für die nächsten Monate, für den Rest meiner Karriere sogar.“

Wie der Eidgenosse sich aus frustrierendem Ergebnis-Notstand entfesselte, dabei immer wieder den Turnier-Rausschmiss vor Augen, illustrierte vor allem auch seine Qualitäten als stahlharter Kämpfer. „Alle reden vom Künstler Federer, von seiner Eleganz, seiner Artistik“, sagte der ehemalige Weltranglisten-Erste Jim Courier, „aber es wird oft vergessen, was für ein riesiger Fighter er ist.“

Inspiriert von der mitreißenden Stimmung in seiner Centre-Court-Wohlfühlzone ließ Federer auch die Ängste und Zweifel zurück, mit denen er doch zu diesem Grand Slam angereist war: „Ich hatte schon Bedenken nach dieser Saison, nach den ganzen Verletzungen, den vielen Pausen.“ Doch auch dies gilt noch immer, auch im mittlerweile 18. Federer-Jahr an der Church Road: Die Ausscheidungsspiele im All England Lawn Tennis Club holen das Beste aus dem besten Grand Slam-Akteur aller Zeiten heraus.

Gegner im Halbfinale ist nun der Kanadier Milos Raonic

Und wo soll das alles noch enden für die prägendste, charismatischste Wimbledon-Persönlichkeit der letzten anderthalb Jahrzehnte? Als Federer am Mittwochabend in seinem angemieteten Wimbledon-Haus mit Familie und Freunden vor dem Fernseher saß, hätte er wahrscheinlich nicht viel dagegen gehabt, wenn Lokalmatador Andy Murray im anderen Centre-Court-Krimi gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga ausgeschieden wäre – der Brite aber, Federers ernsthaftester Rivale um den Titel nun, blieb im Rennen, gewann in fünf Sätzen gegen den Franzosen.

Laut Setzliste hätten sich im Halbfinale wieder einmal die Wege Federers mit denen von Novak Djokovic gekreuzt, doch der Mann, der Wimbledon 2014 und 2015 gewann, machte bekanntlich schon in der dritten Runde den verblüffenden Abflug.

So gibt es ein Wiedersehen für den Schweizer mit dem Kanadier Milos Raonic, der neuerdings auch den Einflüsterungen eines Beraters namens John McEnroe vertraut. Vor zwei Jahren gewann Federer das Halbfinale hier glatt 6:4, 6:4 und 6:4 gegen den Aufschlag-Kanonier, jetzt aber ist deutlich mehr Widerstand zu erwarten.

„Man muss die paar Chancen, die man gegen ihn kriegt, entschlossen ausnutzen“, sagt Federer, der gleichwohl die Chance wittert, zum vierten Mal in den letzten fünf Jahren ins Finale einzuziehen – in einer Saison, die er noch vor dem Start in die Tennis-Rasenwochen als „katastrophal und bitter“ bezeichnet hatte. Und die nun einen verrückten Dreh erhielt, mit einer Traumreise, die in die Verlängerung geht.