Aus im Halbfinale

Selbst aus der Hand gegeben

Ein von Schweinsteiger verursachter Elfmeterfür Frankreich leitet die Niederlage ein

Marseille. Verzweifelt gingen die Blicke hinter dem Ball her. Hinter diesem Ball, der so aufreizend langsam an den verschiedenen deutschen Abwehrbeinen vorbei Richtung Tor kullerte. Irgendwas musste doch zu machen sein, irgendwie musste er doch aufzuhalten sein, und sei es mit einem Blick der deutschen Nationalspieler. Das war er nicht. Der Ball, von Stürmer Antoine Griezmann geschossen, nahm seinen Weg und das deutsche Unglück seinen Lauf. Es war der zweite Treffer des französischen Nationalspielers in dieser Partie. Er machte aus einer Ahnung Gewissheit: Der deutsche Traum, nach dem WM-Titel von 2014 auch den Thron Europas besteigen zu können bei dieser EM, platzte in diesem Augenblick in Marseille jäh. Im Finale am Sonntag stehen sich der Gastgeber und Portugal gegenüber. Deutschland fährt nach einem 0:2 (0:1) als die höher veranlagte Mannschaft nach Hause.

„Ich glaube, dass wir heute unser bestes Spiel bei der EM gemacht haben, so blöd das auch klingt. Wir hatten einige Riesenchancen, aber es fehlte ein wenig die Durchschlagskraft“, sagte Toni Kroos. Torwart Manuel Neuer sagte: „0:2 ist kein faires Ergebnis. Man hat nicht viel gesehen von Frankreich, aber mit dem 0:1 kurz vor der Pause spielt es sich für sie natürlich einfacher.“

Can ersetzt Khedira im defensiven Mittelfeld

Joachim Löw hatte sich für diese Partie erneut etwas Neues ausdenken müssen. Nach der Verletzung von Sami Khedira tauchte an der Seite von Kapitän Bastian Schweinsteiger überraschend Emre Can auf. Der Profi des FC Liverpool gab sein Debüt. In Frankreich. Gegen Frankreich. Eine echte Aufgabe. Und sie funktionierte. „Wir waren klar feldüberlegen, haben kaum Chancen zugelassen“, sagte Löw: „Wir haben ein paar Chancen vergeben, aber man kann die Tore nicht erzwingen. Heute hatten wir das Glück nicht auf unserer Seite. Ich kann keinem einen Vorwurf machen.“

Als die „Marseillaise“ aus dem Stadion gewichen war, starteten die Gastgeber wie erwartet. Wuchtig. Nach nur 20 Sekunden landete der Ball das erste Mal bei Torwart Manuel Neuer, Jerome Boateng war so sehr unter Druck geraten, dass sein Rückspiel bestenfalls als suboptimal zu bezeichnen war. Neuer löste die Sache, aber die Deutschen – das war zu merken – waren beeindruckt. Es sollte ein großer Abend werden, nicht nur die Nachbarschaft sollten unter dem Adrenalin des Abends zittern, sondern das ganze Land. So hatte es die führende französische Sporttageszeitung „L’Equipe“ auf ihrer Titelseite gefordert: „Jour de Gloire“ – der Tag des Ruhms. Und beinahe hätte es schon früh genau danach ausgesehen. Nach sechs Minuten kombinierten die Blauen die Weißen erschreckend leicht auseinander, Antoine Griezmann aber scheiterte am gestreckten Neuer.

Doch der Weltmeister wachte schnell auf. Seine Außenverteidiger Jonas Hector und Joshua Kimmich schickte Löw so weit nach vorn, dass sie zeitweise auf einer Linie mit dem einzigen Stürmer Thomas Müller agierten. Cans Hereingabe auf Müller schoss dieser aber vorbei (13.). Eine Minute später zog Can von der Strafraumgrenze ab, Hugo Lloris lenkte den Ball um den Pfosten.

Die blaue Wand erwies sich als höchst widerspenstig. Lloris wischte einen Schuss von Schweinsteiger über die Latte (26.), Julian Draxler und Müller stocherten kurz später nach einer Hereingabe ohne Erfolg nach dem Ball. Die Menschen auf den Tribünen raunten über die Missverständnisse ihrer Heim-Mannschaft. Und selbst Vielversprechendes in der Offensive vermochten die Deutschen zu zerstören. Olivier Giroud bot sich eine Kontergelegenheit, er strebte mit Ball auf das Tor zu, als ihn Benedikt Höwedes mit einer epischen Grätsche stoppte. Ein Moment voller Energie. Ein Zeichen. Eines, das leider schnell erlosch.

Eine Ecke der Franzosen, ohne Not von Jonas Hector verursacht, flog in den Strafraum und das deutsche Unglück nahm seinen Lauf. Den Kopfball von Patrice Evra stoppte Schweinsteiger mit dem Arm. Der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli entschied auf Elfmeter – hart, aber vertretbar. Griezmann lief an, schoss nach links und löste die nationale Verkrampfung (45.+2). Es war der fünfte EM-Treffer des Toptorjägers und mit Sicherheit der lauteste.

Deutschland lag erstmals in Rückstand. Und das Team stand vor der immensen Aufgabe, gegen die Heimnation zurück zu kommen. Doch der Schreck war tief in die Trikots gefahren, das war selbst nach der Pause noch zu spüren. Frankreich war der Vorentscheidung näher. Einen Schuss von Giroud blockte Boateng im letzten Moment ab, einen Versuch von Giroud klärte der Abwehrchef zur Ecke (47.). Die Selbstverständlichkeit, mit der die deutsche Mannschaft große Teile der ersten Halbzeit dominiert hatte, schien fort. Spätestens als Boateng nach einer Stunde nur noch über das Feld humpelte. Auch er stand in der entscheidenden Phase des Spiels nicht mehr zur Verfügung. Statt Hummels und Boateng verteidigten nun Shkodran Mustafi und Höwedes.

Ersterer erlebte einen unschönen Abend. Gute zehn Minuten war er auf dem Feld, als ihn ein Fehlpass Kimmichs in die missliche Lage brachte, die Flanke von Paul Pogba nicht unterbinden zu können. Neuer hantierte am Ball herum, er sprang vor die Füße von Griezmann und von dort kullerte er hinein in die deutsche Enttäuschung. Kimmichs Pfostenschuss (74.) und Draxlers Freistoßchance änderten nichts mehr. Und als Lloris in der Nachspielzeit noch einen Mustafi-Kopfball in Weltklassemanier parierte, war der Weltmeister geschlagen.