Tennis

Wiedersehen in Wimbledon: Kerbers Freude auf Serena Williams

Genau wie in Melbourne: Angelique Kerber trifft im Finale auf Rekordjägerin Serena Williams. Vorher eliminierte sie Schwester Venus.

 Angelique Kerber hat sich gegen Venus Williams durchgesetzt

Angelique Kerber hat sich gegen Venus Williams durchgesetzt

Foto: ANDY COULDRIDGE / REUTERS

London. Als Angelique Kerber um 15.41 Uhr Ortszeit zu ihrem letzten Aufschlagspiel auf den heiligen Centre-Court-Rasen schritt, im Wimbledon-Halbfinale gegen Venus Williams, da war von Verkrampfung oder Nervosität nichts zu spüren. Tennisprofis fürchten diese Momente auch, nah am großen Ziel zu sein und jähe Angst vorm Siegen zu bekommen, die berüchtigte Zitterhand. Doch Kerber, gereift in vielen turbulenten Profijahren, gestählt auch durch ihre erfolgreiche Australian-Open-Mission zu Saisonbeginn, wirkte in der Hitze des Augenblicks wie eine eiskalte Vollstreckerin.

Ohne Zaudern servierte die 28-jährige Kielerin zu Spiel, Satz und triumphalem Finaleinzug, 6:4 und 6:3 lautete die verdiente Endabrechnung in einem erst zum Schluss prickelnden Duell. „Das ist ein Wahnsinnsgefühl. Ich bin einfach nur überglücklich“, sagte die Weltranglisten-Vierte.

Statt eines eher lähmenden „Sister Acts“ im Titelkampf gibt es nun ein zweites Grand-Slam-Endspiel-Rrendevous der Deutschen in dieser Saison mit Serena Williams (6:2, 6:0 gegen Jelena Wesnina/Russland), der überragenden Tennisfigur dieser Epoche . Und wie vor einem halben Jahr in Melbourne kann Kerber aufs Neue verhindern, dass die Nummer 1 der Welt nach Grand-Slam-Titeln mit Legende Steffi Graf gleichzieht. Noch steht es 22:21 pro Graf.

Bislang hat die Kielerin nicht einen Satz abgegeben

Vor 20 Jahren hatte jene Steffi Graf letztmals in einer unwahrscheinlichen Grand-Slam-Mission, voller Schmerzen und Sorgen, den bedeutendsten Titel der Tenniswelt gewonnen. Nun konnte Kerber ihren großen Spuren folgen – nach einem bisher makellosen Auftritt bei diesen Wimbledon-Festivitäten des Jahres 2016.

Auch nach dem Kräftemessen mit Venus Williams, der fünfmaligen Titel-Heldin, blieb das Nordlicht ohne Satzverlust. „Es ist unglaublich, wie sie das hier durchzieht“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner, „ich bin einfach nur stolz, dabei sein zu dürfen.“

Der Marsch ins allerletzte Duell am Sonnabend, das Wiedersehen mit Frontfrau Serena – es war auch der ultimative Beweis für Kerbers Gewöhnung an die ganz dünne Höhenluft oben am Gipfel der Weltspitze. Nach den sportlichen und mentalen Achterbahnfahrten, die dem Pokalcoup in Australien folgten, erschien die 28-jährige auf den Tennis-Grüns wieder wie eine souveräne Spitzenkraft.

Mit der „Statur eines Champions“ (Rittner) bestritt sie die zweite Turnierwoche, jene Phase, in der alle Profis noch einmal zulegen müssen. „Sie ist so eine harte Wettkämpferin“, lobte denn auch Finalgegnerin Serena, „es wird ein schönes Finale. Gegen sie zu spielen, macht immer Freude.“

Als fünfte Deutsche im Endspiel von Wimbledon

Als erst fünfte Deutsche nach Cilly Aussem, Hilde Krahwinkel, Steffi Graf und Sabine Lisicki steht Kerber im größten Endspiel, das die Tennisszene kennt – im Theater der Träume von Wimbledon. Lisicki, die Generationskollegin, scheiterte vor drei Jahren nach einem grandiosen Siegeslauf auf der letzten Etappe grandios, als Favoritin unterlag sie der Französin Marion Bartoli.

Kerber geht jetzt als Außenseiterin ins Rennen, trotz des Melbourne-Sieges gegen Serena, aber als Außenseiterin mit Überraschungspotenzial. „Serena fürchtet Kerber. Auch in Melbourne spielte sie blockiert und unsicher gegen sie“, sagte die ehemalige Weltranglisten-Erste Tracy Austin.

Sechs Mal hat die 34-jährige Dominatorin ihres Sports bisher im All England Club gewonnen, zuletzt vor Jahresfrist gegen die Spanierin Garbine Muguruza. 14 Jahre schon liegt der erste Pokalerfolg zurück, damals im Schwesternfight gegen Venus.

"Es war ein sehr hektisches Spiel"

Eine Neuauflage dieses selten begeisternden Familienduells verhinderte Kerber mit Nervenstärke bei den Big Points und ihren typischen Qualitäten als Konterspielerin. Wenn es zählte in diesem Halbfinale, war die Deutsche hellwach da und nutzte die Chancen, die ihr Big Sister Venus auch reichlich anbot.

„Es war ein sehr hektisches Spiel, in dem man schwer in den Rhythmus kam“, sagte Kerber später. Wie im Viertelfinale gegen die Rumänin Halep erlebten die Zuschauer ein wahres Breakfestival, sieben der ersten acht Servicesspiele endeten für die Rückschlägerin.

Und doch: Kerber behielt in der Hektik irgendwie den Kopf oben, gewann dann auch im Finish souverän den ersten Satz 6:4. Was viele Experten als mögliche Schwachstelle ausgemacht hatten, Kerbers Aufschlag gegen die Powerfrau Venus, war am Ende die Quelle des Triumphs.

Als die Kielerin in ihren beiden letzten Aufschlagspielen unter Druck stand, den Vorsprung zu verteidigen, gab sie sich nicht die geringste Blöße, servierte Asse und unretournierbare Schläge nach Belieben. „Ich habe mir gedacht: Das musst du jetzt nach Hause bringen, mit aller Macht“, sagte Kerber, „und so mutig habe ich dann auch gespielt.“ So wie eine Frau, die nun auch Wimbledon gewinnen kann.