Tennis

Angelique Kerber ist bereit für den Wimbledon-Triumph

Die Kielerin ist wieder so selbstbewusst wie bei den Australian Open. Im Halbfinale wartet Venus Williams – und dann ihre Schwester.

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Foto: TOBY MELVILLE / REUTERS

London.  Acht Tage lang war Angelique Kerber eher weggetaucht im Trubel eines verrückten, auch ärgerlichen Wimbledon-Jahrgangs 2016. Es gab andere Schlagzeilen, andere Affären und Geschichten.

Die hollywoodreife Begegnung des britischen Nobodys Marcus Willis mit Roger Federer, wilde Profiattacken auf Schiedsrichter und Turniermanagement – schließlich das gruselige Herbstwetter mitten im Sommer, das selbst Spielbetrieb am heiligen, sonst tennisfreien „Middle Sunday“ heraufbeschwor.

Doch seit über dem grünen Tennis-Paradies wieder die Sonne scheint, pünktlich zum Endspurt des Grand-Slam-Klassikers, ist auch Kerber als prägende Erscheinung zurück im großen Spiel. Mit dem imponierenden Viertelfinalsieg über die hochgehandelte Rumänin Simona Halep auf dem Centrecourt hat sich das tüchtige Nordlicht nicht nur als potenzielle Wimbledon-Königin ins Gespräch gebracht, sondern auch als letzte Frau, die ein Finale der beiden Williams-Schwestern an der Church Road verhindern könnte.

Fast anderthalb Stunden dauerte Kerbers medialer Stafettenlauf durch das Pressezentrum und die Fernsehstudios aller TV-Sender von Rang, also etwa so lang wie das Match zuvor gegen Halep. Auf der Terrasse des Medien-Hauptquartiers verabschiedete sich die 28-jährige Kielerin zuletzt erschöpft, aber glücklich in den freien Tag: „Geschafft. Jetzt will ich erst einmal meine Ruhe haben.“

Der 7. Juli ist hier ein gutes Datum für Deutsche

In der Abgeschiedenheit des angemieteten Hauses, nicht weit entfernt vom All England Club, sammelte Kerber am Mittwoch noch einmal alle Kräfte und Sinne für die Herkulesaufgabe, die ihr im spannungsgeladenenTurnierfinish bevorsteht – gemeinsam mit Trainer Torben Beltz und Physiotherapeutin Cathrin Junker, dem engeren Team.

Wenn nicht alles täuscht, muss Kerber zur Thronbesteigung gleich einen Doppelschlag gegen das Haus Williams setzen, erst gegen Venus, dann noch in einem erhofften Endspiel gegen Schwesterherz Serena. Nicht weniger als elf der letzten 16 Wimbledontitel strich die Familiendynastie aus den USA ein, fünf Mal siegte Venus, sechs Mal Serena. Doch nachdem Kerber die Ängste eines frühen Scheiterns hinter sich gelassen hat, trauen ihr Experten alles zu. „Nur Kerber kann hier den Durchmarsch der Williamses verhindern“, sagt die ehemalige US-Starspielerin Tracy Austin, „und vor ihr haben beide auch großen Respekt.“

Spielt der 7. Juli mal wieder Schicksal für Deutschland in Wimbledon – beim Turnier der Turniere? An diesem Tag gewann Boris Becker 1985 den ersten seiner drei Titel, es war der Auslösungsimpuls für die goldenen Tennis-Jahre. Am 7. Juli 1991 endete auch ein Grand Slam-Traumwochende für Deutschland, mit Michael Stichs Sieg über Boris Becker, 24 Stunden nach dem dritten Titel für Steffi Graf. Und nun Angelique Kerber, die Graf-Erbin, wieder in Schlagdistanz zum Wimbledon-Glück, auf einer Bühne, die immer noch die größten Sehnsüchte in diesem Sport weckt. „Wimbledon, das ist das Turnier, wo du dich als Spieler beweisen willst“, sagt Kerber, „von diesem Sieg träumst du als Kind.“

Nicht immer ihr Lieblingsturnier

Dabei war Kerbers Verhältnis zum jährlichen Saisonhöhepunkt anfangs alles andere als eine Liebesbeziehung. Bei den ersten vier Starts gewann sie gerade mal ein einziges Spiel, 2011, nach der Auftaktniederlage gegen die Britin Laura Robson, wollte die Deutsche sogar verbittert und niedergeschlagen ihre Karriere beenden.

Noch heute erinnert sich Mutter Beata Kerber an den Moment, an dem ihre Tochter nach Hause kam: „Sie sagte: Mutti, es hat alles keinen Sinn mehr.“ Doch nach dem Aufstieg in die Weltspitze, als konstant starke Kraft im Elitezirkel, wurde auch Wimbledon zum Erfolgsterrain für Kerber: 2012 scheiterte sie erst im Halbfinale, zwei Jahre später rückte sie noch einmal in die Runde der letzten Acht vor. „Ich habe jetzt einfach die Ruhe und die Routine, um hier gut zu spielen“, sagt sie.

Und fast idealtypisch verlief das laufende Turnier auch, um die letzten, entscheidenden Schritte zum großen Coup gehen zu können. Kerber verschwendete keine unnötigen Kräfte in der Startphase, musste sich gleichwohl hart bewähren in den Duellen, etwa im deutschen Drittrunden-Fight gegen Carina Witthöft.

Gebetsmühlenhaft verkündete Kerber dabei immer wieder, sie denke „nur von Spiel zu Spiel“, erlaube sich nicht den Blick „weit voraus.“ Auch heute (1 4Uhr, Sky) gilt die Konzentration erst einmal der älteren Williams-Schwester, in Wimbledon einst „Alleinherrscherin auf dem Planeten Venus“ („The Times“). „Es liegt ein hartes Stück Arbeit vor mir. Aber ich freue mich. Das sind die Matches, für die man Tennis spielt“, sagt Kerber.