Tennis

Angelique Kerber befindet sich auf Steffi Grafs Spuren

Die Australian-Open-Siegerin stürmt nach ihrem Sieg über Simona Halep ins Halbfinale von Wimbledon. Auf der Tribüne saß ein Ehrengast.

Lässt vor Freude ihren Schläger fallen: Angelique Kerber

Lässt vor Freude ihren Schläger fallen: Angelique Kerber

Foto: TOBY MELVILLE / REUTERS

London. Michael Stich hatte an diesem Dienstag in einem exklusiven Centre-Court-Bereich Platz genommen. Seit seinem Sieg vor 25 Jahren gegen Boris Becker ist der Elmshorner auf Lebenszeit Mitglied im All England Lawn Tennis Club, und genau dort, in der „Members Loge“, thronte Stich in der ersten Reihe.

Und hatte damit einen exklusiven Blick auf eine Landsfrau, die vielleicht schon bald der goldenen deutschen Tennis-Generation folgen kann: Mit Kampfeswillen und Nervenstärke zog Angelique Kerber zum zweiten Mal ins Halbfinale der Offenen Englischen Meisterschaften ein, 7:5, 7:6 (7:2) lautete die Schlussabrechnung einer Achterbahnfahrt gegen die Rumänin Simona Halep.

„Die Reise hier ist noch nicht zu Ende“, sagte Kerber nach einer Partie, die sie trotz serienweise ausgelassener Großchancen noch mit einem Happy End beschloss. Und Stich brachte trocken auf den Punkt, was wichtig war und zählte: „Wie du so ein Ding gewonnen hast, interessiert am nächsten Tag keinen mehr, jetzt ist alles möglich für Angie“, sagte er.

Nimmt es mit der ganzen Williams-Familie auf

Womöglich muss es die deutsche Frontfrau nun zum Schlag in die Wimbledon-Unsterblichkeit mit der ganzen Williams-Familie aufnehmen. Das Halbfinal-Rendezvous mit Venus Williams ist bereits perfekt für Donnerstag, bestenfalls könnte es dann im Finale auch noch zum reizenden Wiedersehen mit Dominatorin Serena kommen, der Titelverteidigerin.

„Ich fühle mich gerüstet für das, was kommt“, sagte Kerber, die vier der bisherigen sechs Partien gegen die 36-jährige Venus Williams gewonnen hat. Einmal begegneten sie sich sogar schon auf Rasen, das war 2012 in Wimbledon, aber bei den Olympischen Spielen, Kerber siegte in zwei Tiebreak-Sätzen im Achtelfinale.

„Kerber ist eine der härtesten Wettkämpferinnen da draußen. Sie hat eine starke Entwicklung als Spielerin hinter sich“, sagte die fünfmalige Wimbledon-Gewinnerin, „ich will das aber jetzt ins Finale durchziehen.“ Die Amerikanerin hatte zuletzt 2008 im Schwesternduell mit Serena die Rasenmeisterschaft gewonnen.

Bereits 2012 im Halbfinale

Auch Kerber ist kein Neuling in den letzten Runden im All England Club. 2012 hatte sich die Weltranglistenvierte schon einmal in die Runde der letzten Vier vorgespielt, war dann aber gegen die Polin Agnieszka Radwanska in jeder Beziehung überfordert gewesen – von der Größe des Moments und von der Stärke ihrer Rivalin.

Vier Jahre später wirkt die gereifte, spielerisch und mental gewachsene Kerber bereit, auch die letzten Schritte zum ultimativen Grand-Slam-Glück zu gehen: An jedem Standort, der gerade für Tennis-Deutschland mehr als jeder andere zählt, der die Karrieren von Boris Becker, Steffi Graf und Michael Stich definierte.

„Angie hat das klasse gemacht heute. Es war ein Nervenspiel“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner, „als es zählte, hat sie die nötigen Treffer gesetzt.“ Und damit war auch schon ein wichtiger Fortschritt bei der deutschen Nummer eins beschrieben, die sich anders als in früheren Jahren das Beste bei ihren Tennismissionen für den aufreibenden Zielspurt auch bei Grand-Slam-Turnieren aufhebt.

Keinen Satz hat Kerber in den fünf Matches in Wimbledon nun verloren, sie ist endgültig in die Rolle der hoffnungsvollsten Titelanwärterin neben Serena Williams geschlüpft. Sie könnte die Erbin von Steffi Graf auch in Wimbledon werden, genau 20 Jahre nach dem letzten Erfolg der deutschen Tennis-Überfrau.