Leichtathletik

Whistleblowerin Julia Stepanowa ist einzige Russin bei EM

Bei der EM in Amsterdam steht die Frau, die die Doping-Affäre ins Rollen brachte, im Blickpunkt. Aber sie bringt das IOC in Bedrängnis.

Brachte mit ihrem Mann den Doping-Skandal in der russischen Leichtathletik ins Rollen: Julia Stepanowa

Brachte mit ihrem Mann den Doping-Skandal in der russischen Leichtathletik ins Rollen: Julia Stepanowa

Foto: Paul Zinken / dpa

Amsterdam/Berlin.  – Das Zeichen ist wichtiger als die Zeit: Wenn Julia Stepanowa am Mittwoch im Olympiastadion von Amsterdam ihren EM-Vorlauf über 800 Meter absolviert, ist das sportliche Abschneiden zweitrangig. Der Start der berühmtesten Whistleblowerin der Leichtathletik alleine ist schon ein Symbol.

„Es ist ein wichtiges Zeichen des internationalen Sports, dass Julia Stepanowa für ihr Risiko, Missstände in ihrem Land aufgezeigt zu haben, nicht weiter abgestraft, sondern ihr Mut honoriert wird“, sagte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV): „Egal wie schnell sie in Amsterdam laufen wird, Hauptsache ist, dass sie dabei ist.“

Die Augen der Sportwelt werden auf Stepanowa, die am Sonntag ihren 30. Geburtstag feierte, gerichtet sein. Sie, die zusammen mit ihrem Mann Witali das umfangreiche Dopingsystem in ihrem Heimatland enthüllte, darf als einzige Russin in Amsterdam an den Start gehen. Unter Flagge des europäischen Leichtathletik-Verbandes EAA.

Pressekonferenz wurde abgesagt

Und wohl selten ist der Rummel um eine Athletin größer gewesen, die eigentlich keine Chance auf eine vordere Platzierung haben wird. Eine zunächst wegen des großen Medieninteresses angesetzte Pressekonferenz wurde wegen „logistischer Probleme“ abgesagt.

Dennoch: Es ist der erste Schritt zurück in ihr normales Leben als Sportlerin, auch wenn während der EM in Amsterdam wahrscheinlich nicht viel für sie normal sein wird.

Ohnehin ist in ihrem Leben seit ihren Enthüllungen nichts mehr so, wie es einmal war. Das Ehepaar floh mit dem Kind aus Russland. Zuerst nach Deutschland, mittlerweile in die USA. Stepanowa startete ab und an bei kleineren Meisterschaften. Dann im vergangenen Jahr auch beim traditionsreichen Istaf in Berlin.

Ausnahme vom Veranstalter

„Julia hat uns gebeten, hier starten zu dürfen. Wir sind dem Wunsch nachgekommen, weil sie sich aktiv um die Doping-Aufklärung verdient gemacht hat“, hatte Meeting-Direktor Martin Seeber damals gesagt. Normalerweise laden die Veranstalter keine Dopingsünder ein. Für Stepanowa, von 2011 bis 2013 selbst gesperrt, machten sie eine Ausnahme.

Und waren damit ihrer Zeit voraus. Denn inzwischen geht es nicht mehr nur um das Istaf oder die EM - sondern um Olympia. Der „Fall Stepanowa“ bringt selbst den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach in arge Bedrängnis.

Denn das IOC besteht darauf, dass sämtliche russische Athleten unter dem russischen NOK und damit der russischen Flagge antreten müssen. Stepanowa, die in ihrer Heimatland als Verräterin gilt, als Mitglied der russischen Delegation? Eigentlich unvorstellbar.

Sammelklage vor dem CAS

Unterdessen kämpfen Russlands Leichtathleten, vor zwei Jahren bei der EM in Zürich auf Platz vier des Medaillenspiegels (3/6/13), mit allen Mitteln um ihr Startrecht in Rio. Das russische olympische Komitee (ROC) bestätigte am Sonntag eine Sammelklage von 68 Sportlern vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS.

Ohne einen Erfolg vor dem CAS, der sein Urteil bis zum 21. Juli fällen will, könnte die einstige Leichtathletik-Großmacht höchstens mit einem winzigen Aufgebot in Rio antreten. Eigentlich kommen dann höchstens zwei russische Aktive in Betracht. Eine davon ist Stepanowa.