Verletzungen und Kritik trüben Siegesfreude

Löw muss wieder umbauen

Für Gomez ist das Turnier vorbei, Schweinsteiger und Khedira sind ebenfalls schwer angeschlagen

Bordeaux. Schon am Abend des dramatischen Sieges gegen Italien in Bordeaux und des Einzugs ins Halbfinale war der Bundestrainer nicht in Bestlaune. Es hatte alles funktioniert, trotzdem wirkte Joachim Löw wie ein Mann, der sich zu verteidigen hatte. Ihm war zu Ohren gekommen, dass seine Taktik, auf eine Dreierkette in der Verteidigung umzustellen, vom Fernseh-Experten Mehmet Scholl kritisiert worden war. Es sei ja schon „viel diskutiert“ worden, sagte Löw schmallippig. Doch am Sonntag kam es für ihn viel schlimmer, und daran hatte der einstige Fußballprofi Scholl keine Schuld: Deutschland gehen zur Unzeit die Spieler aus. Mario Gomez kann gar nicht mehr auflaufen in Frankreich, bei Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger sind weitere Einsätze fraglich. Hummels ist im Halbfinale wegen zweier Gelber Karten gesperrt.

Es sei „sehr bitter, wenn in der entscheidenden Phase des Turniers wichtige Spieler ausfallen“, sagte Löw, „besonders für Mario tut es mir leid. Er hat starke Leistungen gezeigt.“ Gomez, Khedira und Schweinsteiger wurden im Krankenhaus in Annecy untersucht. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Für Khedira, der gegen Italien in der 15. Minute ausgewechselt werden musste, sowie Schweinsteiger, der dafür aufs Feld kam, besteht wenigstens etwas Hoffnung.

Scholl nimmt vor allem Urs Siegenthaler ins Visier

Die Untersuchungen bei Gomez ergaben einen Muskelfaserriss am rechten Oberschenkel. „Ein weiterer Einsatz im Rahmen der EM kommt nicht infrage“, teilte der DFB mit. „Derzeit offen“ sei, ob Khedira und Schweinsteiger im Halbfinale am Donnerstag oder in einem möglichen Finale am Sonntag in St. Denis einsatzbereit wären. Khedira erlitt eine Adduktorenverletzung im Bereich des linken Oberschenkels. Schweinsteiger bekam einen Schlag auf die Innenseite des rechten Knies, bei ihm wurde eine Außenbandzerrung diagnostiziert. Bei beiden sei der Heilungsverlauf „nicht exakt zu definieren, die Situation muss von Tag zu Tag neu bewertet werden“, teilte der DFB mit. Keine guten Nachrichten. Der Bundestrainer gab sich aber kämpferisch: „Die Qualität des Kaders ist hoch, ich habe volles Vertrauen in alle Spieler.“

Zur Kritik an seiner Taktik nun Verletzungspech: Das hat Löw gerade noch gefehlt. Scholls Einwürfe hatten ihn geärgert. Dessen Standpunkt ist eindeutig. Live marodierte er in der ARD durch die schöne deutsche EM-Kulisse. In seinem Visier: Löw, aber noch mehr der deutsche Chefscout Urs Siegenthaler, der die Gegner stets studiert und seine Expertise an den Bundestrainer weitergibt. „Joachim Löw wacht doch nicht nachts auf und denkt: Dreierkette, Dreierkette, Dreierkette. 2008 haben wir uns Spanien angepasst – und sind rausgeflogen. 2010 haben wir uns Spanien angepasst – auch rausgeflogen. 2012 haben wir uns Italien angepasst – wieder raus. Urs Siegenthaler soll seinen Job machen – und morgens liegen bleiben“, grantelte der meinungsfreudige Scholl. Und brach einen erstaunlichen Streit vom Jägerzaun. „Es hat 30, 40 Minuten gedauert, bis wir Vertrauen und das Spiel begriffen haben. Danach war es okay, aber eben kein Offensivfeuerwerk.“ Mit der bislang im Turnier bewährten Aufstellung hätte man die Italiener auch bezwungen, befand Scholl, der mal als Drittliga-Trainer bei Bayern München II gearbeitet hat.

Wie das Spiel nun ausgegangen wäre, lässt sich schwerlich nachvollziehen. Löw hatte jedenfalls seine Gründe für die Rochade – und sie stand früh fest. „Für mich war das nach dem Spiel Spanien gegen Italien im Achtelfinale klar. Das war mein erster Gedanke.“ Italiens Besonderheit: das Spiel mit zwei Spitzen. Die Dreierkette, die defensiv zur Fünferkette wird, sorgte dafür, dass Deutschland ausreichend Verteidiger zur Stelle hatte. „Die Italiener sind gefährlich, wenn sie durch die Mitte in die Tiefe spielen“, sagte Löw, „das machen sie gut, aber es ist leicht berechenbar.“

Es geht jetzt weniger um Dreierkette oder Viererkette

Er fühlte sich nicht fair beurteilt. Hatte er es doch allen gezeigt, hatte nicht nur endlich Italien geschlagen und 2012 wieder gutgemacht, sondern auch noch seine eigenen Ansprüche erfüllt: die Entwicklung der Mannschaft. „Nach der WM war klar, dass wir unser Repertoire erweitern müssen, weil wir sonst zu ausrechenbar sind.“ Er hatte die Dreierkette seitdem proben lassen, mit dem Masterplan, sie in Frankreich anwenden zu können. Entschieden wurde das Duell letztlich im Glücksspiel Elfmeterschießen mit 6:5, aber die Dreierkette hatte 120 Minuten lang die Kontrolle. Anders als 2012, als Löws Idee eines Sonderbewachers für Andrea Pirlo wie aus dem Nichts kam und krachend scheiterte.

„Das war eine gute Umstellung“, lobte Benedikt Höwedes die Dreierkette, in der er ein gut funktionierendes Mitglied war. Löw scheint in der Bewertung der Mannschaft ohnehin über jeden Zweifel erhaben zu sein. Er entscheidet, aber er hört auch auf seine wichtigsten Spieler. „Löw ist ein extremer Taktikfuchs. Er weiß, worauf es ankommt“, sagt Khedira, „aber auch wir Spieler sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Im Endeffekt hatten wir die gleichen Gedanken.“ Ob die Dreierkette auch wieder das geeignete Mittel sein wird, wenn am Donnerstag das Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich ansteht, der Island förmlich überrannte? „Das werden wir sehen“, sagt Löw. Es klingt wie ein Nein.

Er wird jetzt ohnehin Lösungen finden müssen, aber da geht es weniger um Ketten oder die Reaktionen darauf. Er muss jetzt wichtige Spieler ersetzen. Bislang hat er solche Aufgaben immer recht gut gemeistert. Zum sechsten Mal in Folge – fünf Mal unter dem Bundestrainer Löw – steht die DFB-Auswahl mindestens im Halbfinale eines großen Turniers. Das spricht für sich.