FRANKREICH SCHIESST SICH SCHON WARM

Islands Märchen ist vorbei

Giroud, Pogba, Griezmann und Payet schießen die wackeren Nordmänner aus dem Turnier und treffen jetzt im Halbfinale auf Deutschland

Paris. Frankreich hat das isländische Fußball-Märchen mit einem Schützenfest beendet und sich für das EM-Halbfinale gegen Weltmeister Deutschland warmgeschossen. Die „Equipe tricolore“ war den etwas müden Helden aus dem hohen Norden in allen Belangen überlegen, der tapfere Außenseiter wurde beim 5:2 (4:0) zeitweise vorgeführt. Gastgeber Frankreich fährt nun mit gewachsenem Selbstvertrauen zum Duell mit der angeschlagenen DFB-Auswahl am Donnerstag in Marseille.

Vor 76.833 Zuschauern im Stade de France in St. Denis wurden die bisher so unbeugsamen Isländer geradezu überrollt. Olivier Giroud erzielte den schnellsten Treffer der Franzosen bei dieser EM (12.), Paul Pogba seinen ersten nach zuletzt 16 Länderspielen ohne Torerfolg (19.). Noch vor der Pause klappten Dimitri Payet (43.) mit seinem dritten sowie Antoine Griezmann (45.) mit seinem vierten Turniertreffer das letzte Kapitel der isländischen Heldensaga zu, den Treffer von Kolbeinn Sigthorsson (56.) beantwortete Giroud mit seinem zweiten Treffer (59.). Birkir Bjarnason traf zum Endstand (84.).

Dem Außenseiter fehlen diesmal Mut und Kraft

Der EM-Debütant war erstmals bei dieser Endrunde überfordert. Alles ging ein wenig zu schnell, nach dem schnellen 0:2-Rückstand fehlten die Mittel und wohl auch die Kraft, sich noch einmal aufzubäumen. Die Anhänger der Isländer verziehen es ihren Helden: Das „Huh, Huh, Huh“ schallte fast unentwegt durch das Stade de France, bereits in der Halbzeit gab es beim Gang in die Kabine trotz des Rückstands donnernden Applaus für die Mannschaft.

Wäre es nach den gängigen Statistiken gegangen, Island hätte es nie ins Viertelfinale schaffen dürfen. Keine Mannschaft ließ mehr Flanken und Torschüsse des Gegners zu, keine spielte mehr Fehlpässe, keine hatte weniger Ballbesitz. Im fünften Spiel der EM, das sie zum fünften Mal mit der identischen Aufstellung begannen, wurden den Isländern ihre Defizite grausam vor Augen geführt. Frankreich versuchte vom Anpfiff weg, seine deutlich höhere spielerische Klasse auf den Platz zu bringen. Das führte schon sehr früh zum Erfolg. Auf Vorlage von Blaise Matuidi stürmte Giroud von links auf den isländischen Torhüter Hannes Halldorsson zu und traf durch dessen Beine hindurch ins Tor. Sollten noch Zweifel bei den Franzosen bestanden haben, sie waren weg.

Frankreich machte alles richtig, um nicht wie England am Ende als blamierter Favorit dazustehen. Die Blauen spielten druckvoll weiter, ließen Island kaum Luft zum Atmen, erspielten sich zunehmend Sicherheit und nutzten ihre Chancen eiskalt aus. „Die Spieler verdienen ein großes Bravo“, freute sich Trainer Didier Deschamps, „ich bin sehr zufrieden mit der Leistung.“

Die Isländer sahen dagegen überhaupt nicht mehr aus wie jene wackeren Wikinger, die Ungarn und Portugal ein Unentschieden abgetrotzt, Österreich besiegt und England sogar bis auf die Knochen blamiert hatten. „Es war ein schreckliches Spiel von uns“, sagte bäriger Kapitän Aron Gunnarsson mit Tränen in den Augen, „vor allem in der ersten Halbzeit. Wir sind enttäuscht, aber auch stolz. Und wir haben viel gelernt.“ Den Anhängern war es egal. Sie feierten.

Frankreich wird sich bewusst sein, dass nach Spielen gegen Rumänien, Albanien, die Schweiz und eben Island jetzt die vielleicht erste richtige Herausforderung bevorsteht: die deutschen Weltmeister. Das sieht auch Deschamps so. „Deutschland ist ohne Zweifel das beste Team hier“, sagte der Weltmeister von 1998 nach dem Torfestival gegen die Isländer, „auch wenn sie gegen Italien ein wenig ins Stolpern geraten sind.“ Er fügte selbstbewusst hinzu: „Aber wir spielen jetzt natürlich um unsere Chance, in das Finale einzuziehen. Auch wenn es gegen das beste Team der Welt geht.“ Er wird es mitbekommen haben: Bei den vielen Verletzungsproblemen ist der Weltmeister vielleicht nicht mehr ganz so stark, wie er noch vor dem Viertelfinale erschienen war. Der zweifache Torschütze Giroud meinte: „Sie sind die Weltmeister und der Favorit. Aber wir wollen ein neues Kapitel in der französischen Fußball-Geschichte schreiben.“

Frankreich - Island 5:2 (4:0)

Frankreich: Lloris - Sagna, Umtiti, Koscielny (72. Mangala), Evra - Pogba, Matuidi - Sissoko, Griezmann, Payet (80. Coman) - Giroud (60. Gignac).

Island: Halldorsson - Saevarsson, Arnason (46. Ingason), R. Sigurdsson, Skúlason - Gudmundsson, Gunnarsson, G. Sigurdsson, Bjarnason - Sigthorsson (83. Gudjohnsen), Bödvarsson (46. Finnbogason).

Tore: 1:0 Giroud (12.), 2:0 Pogba (19.), 3:0 Payet (43.), 4:0 Griezmann (45), 4:1 Sigthorsson (56.), 5:1 Giroud (59.), 5:2 Bjarnason (84.). - Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande). - Zuschauer: 75.000. - Gelbe Karten: Umtiti - Bjarnason.