EM-Viertelfinale

Pepe feiert Portugals Weiterkommen mit den Töchtern

Früher stand Portugal für Luis Figo und Spektakel. Aktuell kämpft sich das Team um Cristiano Ronaldo mit Minimalisten-Fußball durch die EM

Der Abwehrchef als Daddy: Pepe mit seinen Töchtern in Marseille

Der Abwehrchef als Daddy: Pepe mit seinen Töchtern in Marseille

Foto: Laurence Griffiths / Getty Images

Marseille.  Wann gibt es das schon, dass die Verlierer länger bleiben als die Sieger? Mit glasigen Augen verabschiedeten sich die polnischen Spieler von ihren Anhängern, während die Portugiesen nach dem Viertelfinalsieg routiniert in der Kabine verschwanden. Nur Verteidiger Pepe tollte mit seinen beiden Kindern noch über den Rasen des Stade Vélodrome, aber diese familiäre Normalität verstärkte letztlich auch nur den Eindruck, dass nichts Heroisches passiert war. Sondern einfach ein weiterer Ausflug erfolgreich gemanagt wurde.

Portugal steht im Halbfinale, zum fünften Mal bei sieben EM-Teilnahmen. Diesmal verwandelte Ricardo Quaresma den entscheidenden Strafstoß im Elfmeterschießen, nachdem er im Achtelfinale gegen Kroatien in der 117. Minute das Siegtor geschossen hatte. Während 90 Minuten hat seine Auswahl bei diesem Turnier keine Partie gewonnen, und wo sie in den Gruppenspielen beherzt angriff, hat sie zur K.-o.-Runde in den Verwaltungsmodus umgeschaltet. „Manchmal geht die Defensive vor, wir wollen einfach gewinnen“, erklärt Angreifer Nani. Und so mancher Romantiker mag sich verwundert die Augen reiben: Portugal – war da nicht mal was anderes?

Junioren-Weltmeister 1991

Auf den Tag genau 25 Jahre vor dem Sieg gegen Polen feierte der portugiesische Fußball seinen bis heute legendärsten Erfolg. Vor 127.000 Zuschauern im alten Lissabonner Estádio da Luz gewann eine U20-Auswahl um Luís Figo, Rui Costa und Joao Pinto das Finale der Junioren-WM gegen Brasilien. Diese Nacht begründete nicht nur ein Versprechen auf künftige Triumphe, sondern auch einen Mythos. Inmitten der Epoche des Kraftfußballs wurden die feinen, passsicheren Fußballer aus dem vergessenen Land am Rand Europas zum Lieblingsteam der Ästheten. Tragisches Scheitern in der Regel inbegriffen. In Deutschland mag man sich noch entfernt erinnern, wie die Portugiesen in der WM-Qualifikation 1998 die Elf von Berti Vogts schwindelig kreiselten. Aber am Ende irgendwie nur 1:1 spielten.

Die Mutter aller Niederlagen war dann, natürlich, das verlorene Endspiel der EM 2004 daheim gegen die Maurermeister aus Griechenland. Das daraus resultierende Trauma verstärkte einen Effizienztrend, der schon zuvor eingesetzt hatte – einerseits durch den damaligen Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari aus Brasilien, vor allem aber durch das Beispiel des FC Porto. Mit taktisch und physisch geprägtem Fußball gewann José Mourinho mit dem Außenseiter ebenfalls 2004 sensationell die Champions League. Rui Costa trat ab, Figo bald auch, an ihre Stelle trat der Konterfußballer Cristiano Ronaldo, und mit der Bestellung von Fernando Santos zum Nationaltrainer wurde die Entwicklung quasi vollendet: Der 61-Jährige kommt nicht nur aus der Trainerschule des FC Porto, er hatte bei den letzten Turnieren auch, genau, Griechenland trainiert.

Kühler Kopf in der Viertelfinale-Lotterie

„Wir sind immer noch da“, lachte Santos jetzt nach dem Sieg gegen Polen. Ja, irgendwie ist Portugal immer noch da. Seine Mannschaft drohte während dieses Turniers öfter mal die Nerven zu verlieren, so wie Ronaldo als er das Mikrofon eines unliebsamen Reporters im Teich versenkte. Aber letztlich hat sie gelernt, sich nicht verrückt machen zu lassen. Nicht von garstigen Isländern (1:1), nicht von 23 vergebenen Torchancen gegen Österreich (0:0), nicht von abgefälschten Glückstreffern der Ungarn (3:3), nicht von nur zwei Tagen Pause vor dem Spiel gegen Kroatien (1:0 n.V.) und auch nicht durch einen Rückstand nach 100 Sekunden gegen Polen. Die Selecao ist so professionell und robust geworden, dass sogar der Sieg im Elfmeterschießen zwangsläufig wirkte. „Eine Lotterie, aber Portugal hatte den kühleren Kopf“, sagte Ronaldo.

Den technokratischen Vortrag unterbrachen nur die Antritte des erneut überragenden Renato Sanches. Bei seinem Startelfdebüt glich der 18-Jährige den Rückstand durch Robert Lewandowski aus und avancierte so zum jüngsten Torschützen in der Geschichte von EM-K.o.-Runden. Keiner habe ihn bei diesem Turnier so beeindruckt, frohlockt sein künftiger Trainer Carlo Ancelotti. „Er erinnert mich an Coluna“, sagte Fernando Santos, und Mário Coluna war immerhin der Motor der großen Benfica-Elf um Eusébio.

Ronaldo und Sanches sollen schaffen, was Figo misslang

Womit man dann doch wieder bei der Geschichte wäre. Was Eusébio und Coluna nicht schafften, was Figo und Rui Costa verwehrt blieb, das sollen nun Ronaldo und Sanches nachholen. „Die EM zu gewinnen, ist ein Traum“, sagt Ronaldo. „Wir werden kritisiert, aber das ist uns egal, wir kommen unserem Ziel immer näher“, sagt Sanches. Vielleicht darf man es mit dem Mythos vom schönen Spiel wirklich nicht übertreiben. Vor 25 Jahren gewannen Portugals Junioren das Finale gegen Brasilien auch nach Elfmeterschießen. Nach 120 Minuten hatte es 0:0 gestanden.