Italiens Erfolgscoach

Warum Antonio Conte eine Bedrohung ist

Italiens Trainer Antonio Conte hat ein anfangs belächeltes Team in einen Titelanwärter verwandelt. Wie hat er das nur geschafft?

Foto: CHARLES PLATIAU / REUTERS

Montpellier.  Sollten diese Italiener nicht längst an heimischen Stränden liegen? Ein Kurztrip nach Frankreich und dann wären sie schneller wieder zu Hause als ihre Postkarten, so prophezeiten es die Skeptiker dem „schlechtesten Italien seit 60 Jahren“, ach was, seit Menschengedenken.

Belgien zu talentiert, Spanien übermenschlich, hieß es – und doch stehen die Azzurri nun im Viertelfinale gegen Deutschland (21 Uhr, ARD). „Das gleicht der Besteigung des Mount Everest“, befand Mittelfeldmann Alessandro Florenzi. Nationalcoach Antonio Conte spricht von einer „titanischen Aufgabe“.

Doch Conte ist vom Erfolg besessen, ihm wird wohl ein neuer taktischer Coup einfallen. Schließlich umschlich der 46-Jährige schon strikte Regularien des Weltfußballverbandes Fifa und agierte gegen Spanien mit zwölf Mann. Er rannte, sprang, schrie und fuchtelte, drosch vor Wut den Ball auf die Tribüne und hangelte sich jubelnd auf die Trainerbank. „Egal wo der italienische Weg endet, Conte ist schon jetzt Trainer des Turniers“, urteilten viele Reporter nach der Show des Commissario tecnico, die der seiner Spieler in nichts nachstand.

Als Profi trietzte er Weltfußballer Maradona

„Mourinho Italiens“ wurde er in seinem Heimatland einst genannt, nun ist er „il Commandante, unser Leader und Napoleon“. Wenn er eine Mannschaft übernehme, seien ihre Spieler für ihn die besten der Welt, sagte Conte vor einigen Wochen. Eine Sicht, die ihm die Parolos und Giaccherinis offensichtlich abnehmen. Einige wie Mattia De Sciglio, Stefano Sturaro, Eder, Graziano Pellè oder Simone Zaza zählen in ihren Klubs nicht einmal zum Stammpersonal. Nun glänzen sie bei der EM.

Hinfallen und stärker wieder aufstehen, das ist eines von Contes Leitmotiven. Aufgewachsen im apulischen Lecce, prügelte er sich jeden Tag und musste die Kaugummis stückeln, weil das Geld knapp war. In der Jugend reichte es zu einem einzigen Kinobesuch mit der Tante: „King Kong – ein unglaubliches Erlebnis.“ Es prägte ihn womöglich tiefer, als er dachte.

Mit 16 debütierte Conte für Lecce in der ersten Liga. In der Folgesaison brach er sich das Schienbein, eine Verletzung, die die Karriere gefährdete. Später, beim ersehnten Comeback, biss er sich an Diego Maradona fest und schoss sein erstes Serie-A-Tor. „Heutzutage machen es sich viele Jugendliche zu einfach, sie wollen sich gemütlich an den gedeckten Tisch setzen“, sagt er. Spielern wie Mario Balotelli verwehrt er gänzlich den Status eines Profis.

Schon Trapattoni schwärmte von „Naturgewalt Antonio“

Im Trikot von Juventus Turin lernte Conte 13 Jahre lang die Bedeutung der famosen Juve-DNA. Trainer Giovanni Trapattoni schwärmte von seiner „Naturgewalt Antonio“. Seither vertraut Conte dem Pathos der kategorischen Imperative Aufopferung, Demut, Stolz: „Hast du den Erfolg einmal genossen, macht er süchtig nach mehr“, sagt er.

2011 kehrte Conte als Trainer zu Juventus zurück, heftete böse Zeitungsartikel an die Kabinenwand und sagte zum Einstand: „Ihr wurdet zweimal in Folge Siebter. Wollt ihr weiter wie Gurken herumeiern?“ Anschließend gewann Turin drei Meistertitel hintereinander.

Dem Nationalteam rieb der Trainer-Psychologe-Motivator zum Arbeitsbeginn 2014 das Vorrunden-Aus bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 unter die Nase und fabrizierte danach Erstaunliches mit seiner belächelten Truppe. Contes Team als Auswahlmannschaft zu bezeichnen, wäre allerdings übertrieben, schließlich hielt sich die Auswahl für ihn arg in Grenzen.

Contes Drohung: „Ich bringe euch um!“

Eher ähnelt es einer um jeden Millimeter kämpfende Klub-Elf, in die sich ganz Italien als „Team der Arbeiter“ verliebte. Die manischen Taktik- und Videositzungen fruchteten, und während der Trainingseinheiten in Montpellier bestraft Conte den marginalsten Fehler mit entschlossenen Drohungen: „Ich bringe euch um!“

Damit ist nach der EM Schluss, die überschüssige Energie benötigt ein adäquateres Ventil. „Ich stand die meiste Zeit in der Garage und wollte endlich wieder auf die Rennstrecke“, knurrte Conte. Künftig rast er über den Hof des FC Chelsea. Zuvor soll ihm „Tikitalia“ endlich den ersten internationalen Coup bescheren.

Dass er dort bislang mäßige Bilanzen aufweist, nagt am Perfektionisten. 2013 scheiterte er mit Juve im Viertelfinale der Champions League am FC Bayern, im Jahr darauf schon in der Gruppenphase. „Man kann nicht mit zehn Euro ein Sternerestaurant betreten“, klagte er und verließ Turin.

Schlechte Bilanz gegen deutsche Mannschaften

Contes Erinnerungen an Deutschland sind indes seit 20 Jahren lästig. Der letzte Sieg gegen ein deutsches Team liegt 21 Jahre zurück. Danach musste er verletzt zusehen, als Juventus 1997 das Königsklassen-Finale gegen Dortmund verlor, kassierte später bittere Pleiten gegen den HSV und Leverkusen. Auf der Trainerbank schäumte er in den Duellen mit den Münchnern und zuletzt beim 1:4 gegen die Löw-Elf im März.

„Mit all dem Talent muss sich Deutschland um seine Zukunft nicht sorgen“, befand Conte, doch für einen Abend in Bordeaux darf sich die rosige Prognose gern eine Auszeit nehmen. Sollte der Halbfinaleinzug gelingen, wird er wohl erneut den Marco-Tardelli-Schrei auspacken, so wie nach dem Sieg gegen Spanien.

Als die „Squadra Azzurra“ 1982 gegen Deutschland Weltmeister wurde, hatte der zwölfjährige Antonio Conte Tardellis Jubel schließlich in den Straßen von Lecce tagelang nachgeahmt. Womöglich mit einem Viertel Kaugummi im Mund.