EM 2016

Portugal stolpert nach Elfmeterschießen ins Halbfinale

Portugal ist als erste Mannschaft ins Halbfinale der EM eingezogen. Das Team bezwang Polen mit 5:3 im Elfmeterschießen.

Ricardo Quaresma und Cristiano Ronaldo of Portugal feiern den Einzug ins Halbfinale

Ricardo Quaresma und Cristiano Ronaldo of Portugal feiern den Einzug ins Halbfinale

Foto: Oliver Weiken / dpa

Marseille.  Ein Shootout war angekündigt für das erste Viertelfinale dieser Fußball-EM. Polen gegen Portugal, das hieß: Robert Lewandowski gegen Cristiano Ronaldo. Doch nur einer der beiden Sturmhelden zündete, der Pole erzielte gleich zu Beginn das Führungstor. Den Ausgleich für Portugal übernahm derweil der erste 18-Jährige Bayern-Zugang Renato Sanches, der im Vélodrome von Marseille zum jüngsten Torschützen eines EM-K.o.-Spiels aufstieg. Es gab Momente in diesem Spiel, da dürften sie in München aus dem Jubeln gar nicht mehr rausgekommen sein.

Für den Rest der Welt war das friedliche 1:1 zwischen zwei künftigen Kollegen allerdings keine Lösung, es musste ja einen Sieger geben. Nachdem beide Mannschaften schon im Achtelfinale über 120 bzw. 117 Minuten gegangen waren, kam es zum Elfmeterschießen. Also doch ein Shootout. In dem traf Ronaldo den ersten Strafstoß, Lewandowski den zweiten, Sanches den dritten. Die Nebendarsteller mussten entscheiden, und es erwischte Jakub Blaszczykowski. Der ehemalige Dortmunder scheiterte mit dem vierten Versuch an Rui Patricio, danach verwandelte Ricardo Quaresma. Portugal steht wie vor vier Jahren im Halbfinale.

Blaszczykowski verschießt den entscheidenden Elftmeter

Wie nach seinem starken Auftritt als Einwechselspieler im Achtelfinale gegen Kroatien durchaus zu erwarten, feierte Sanches bei Portugal sein Startelfdebüt. Der Teenager kam für den verletzten André Gomes in die Mannschaft. Den künftigen Dortmunder Raphaël Guerreiro gab es hingegen nicht zu bestaunen, der Linksverteidiger fehlte wie schon im dritten Gruppenspiel gegen Ungarn angeschlagen. Angesichts seiner überzeugenden Leistungen im bisherigen Turnier eine Schwächung.

Innenverteidiger, Mittelfeldspieler, Stürmer: alles hat Portugal, aber die hinteren Flanken sind ein Problem. Bis auf Guerreiro genügt dort kein Spieler höchsten Ansprüchen, wie schon in der zweiten Minute folgenreich zu sehen war. Cédric, seit der K.o.-Runde für den auch nicht überzeugenden Wolfsburger Vierinha im Team, unterlief nach zwei Minuten einen Diagonalpass von Blaszczykowski, wodurch Kamil Grosicki auf links allein durchstarten konnte. Seine Hereingabe verwandelte Lewandowski so formvollendet per Direktabnahme, als hätte er während diesem Turnier nichts anderes gemacht als ein Tor nach dem anderen zu schießen. Auf der Tribüne sprang auch Zbigniew Boniek auf, der Verbandspräsident und Star der letzten polnischen Mannschaft, die 1982 bei der WM in Spanien das Halbfinale eines großen Turniers erreicht hatte. „Seitdem waren wir nur Touristen“, blickte er dieser Tage zurück. „Nach zwei Spielen waren wir immer schon ausgeschieden“. Nun winkte die Einstellung der historischen Leistung – aber es sollte den Polen nicht vergönnt sein.

Denn ein Portugiese trieb seine Mannschaft nach dem frühen Schock sofort wieder an den Mittelkreis zum Anstoß: Renato Sanches. Der 18-Jähriger traut sich tatsächlich schon eine Chefrolle zu – solche Qualitäten werden in München gern gesehen. Und sie sind auch genau das, was Portugal braucht, um aus seiner ewigen Ronaldo-Abhängigkeit herauszufinden. Ein neuer Held mit eigenen Starallüren – und ohne die Ergebenheit, den Ball ständig nur schnellstmöglich bei Ronaldo abliefern zu wollen.

Nach einer halben Stunde rief ihn Portugals Trainer Fernando Santos zu sich. Allzu begeistert wirkte seine Gestik nicht, aber er bedeutete ihm wohl auch, verstärkt über rechts zu kommen. Was Sanches gleich in der nächsten Szene tat. Vor dem Strafraum legte er auf Nani ab, der ihm den Ball mit der Hacke zurück in den Lauf spielte. Mitnahme mit rechts, Schuss mit links – krachend und leicht abgefälscht von Grzegorz Krychowiak schlug der Ball im rechten Eck ein (33.).

Das Spiel blieb, zumindest, interessant. In der 56. Minute vergab Ronaldo aus spitzem Winkel nach Nani-Vorarbeit, vielleicht hätte er lieber abgelegt. Die polnischen Fans quittierten die Szene jedenfalls mit höhnischen „Messi, Messi“-Rufen, woraufhin die Portugiesen ihr Idol umso lauter feierten. Doch dieses trat in der 60. Minute nach erneutem Nani-Pass in exzellenter Einschussposition über den Ball. Wo sein argentinischer Rivale bei der Copa América erneut den Titelgewinn verpasste und danach frustriert aus der Nationalelf zurücktrat, bleibt Ronaldo immerhin die Chance auf Besserung in den nächsten Spielen.

Zunehmend verzweifelte er an der unzureichenden Vorarbeit seiner Mitspieler oder der harten Gangart der polnischen Innenverteidigung. Fernando Santos brachte nacheinander den etatmäßigen Spielmacher João Moutinho und den Matchwinner vom Kroatien-Spiel, Ricardo Quaresma. Abwehrchef Pepe schaltete sich immer energischer ins Angriffsspiel der Portugiesen ein und provozierte beinahe ein Eigentor von Artur Jedrzejczyk (81). Fünf Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit schlug Ronaldo nach herrlichem Lupferpass von Moutinho erneut allein vor dem Tor am Ball vorbei.

Es ging in die Verlängerung, mit immer müderen Polen, die nach und nach ihre Auswechslungen vornahmen, und doch ihr Spiel nur noch sporadisch vitalisiert bekamen. Portugal näherte sich seinerseits der Schläfrigkeit des Kroatien-Spiels, und so bot das Elfmeterschießen letztlich den einzigen Ausweg.

Polen - Portugal 1:1 (1:1, 1:1,) 3:5 i.E.

Polen: Fabianski - Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk - Krychowiak, Maczynski (98. Jodlowiec) - Blaszczykowski, Grosicki (82. Kapustka) - Milik, Lewandowski.

Portugal: Patricio - Cedric, Pepe, Fonte, Eliseu - W. Carvalho (96. Danilo) - Mario (80. Quaresma), Sanches, Silva (74. Moutinho) - Nani, Ronaldo.

Tore: 1:0 Lewandowski (2.), 1:1 Sanches (33.). - Schiedsrichter: Brych (München). - Zuschauer: 60.000. - Gelbe Karten: Jedrzejczyk (2) Glik, Kapustka (3) - Silva, W. Carvalho (2).