Fußball-Europameisterschaft

In Italien ist Pellè ein Sexsymbol

Früher war er Landesmeister in Latein und Standard, mittlerweile wandelt der italienische Topstürmer auf den Spuren von Riva und Rivera

Italiens Torjäger Graziano Pellè erzielte zwei späte Tore bei der EM

Italiens Torjäger Graziano Pellè erzielte zwei späte Tore bei der EM

Foto: CHARLES PLATIAU / REUTERS

Montpellier.  In der Casa Azzurri wurde aus aktuellem Anlass das Programm umgestellt. Auf den Bildschirmen der traditionellen italienischen Begegnungsstätte bei großen Turnieren läuft nun in der Endlosschleife das WM-Halbfinale von 1970. Im „Spiel des Jahrhunderts“ hatte Italien bekanntlich Deutschland mit 4:3 nach Verlängerung gewonnen. Es war der Beginn der bis heute andauernden Siegesserie. Boninsegna, Riva, Rivera – Italiens Torschützen trugen klangvolle Namen.

Ganz so berühmt ist Graziano Pellè (30) nicht. Gut genug aussehen, um auch in Jahrzehnten noch bewundert zu werden, tut der Mittelstürmer vom Premier-League-Klub Southampton aber allemal. Die italienische Nachrichtenagentur Ansa kam nach einer Analyse des Frauenzeitschriften-Marktes zu dem Schluss, dass am Sonnabend die zwei größten Sexsymbole der EM aufeinandertreffen: Verteidiger Mats Hummels und eben Pellè. 1,94 Meter groß, makelloses Gesicht, 50er-Jahre-Tolle – in Italien vergleichen sie ihn mit Clark Gable und saugen Zitate wie jenes von Vater Roberto auf: „Schon früher mussten seine Freunde ­stundenlang auf ihn warten, bis er alles Gel im Haar hatte“.

Der Mann der späten Tore

Noch mehr schätzt das jeden Tag mehr in seine Fußballer verliebte Land – Rekordeinschaltquote beim Sieg gegen Spanien von 78 Prozent – allerdings Pellès Arbeit. Gegen den Titelverteidiger brachte der robuste Angreifer die Weltklasseverteidiger Ramos und Piqué zur Verzweiflung, schuf Räume für das nachrückende Mittelfeld, legte immer wieder den „zweiten Ball“ auf.

Das Wissen um geleistetes Teamwork scheint ihn auch vor dem Tor zu befreien. Seine Abschlüsse waren hochkarätig, allein Spaniens Keeper David De Gea sorgte dafür, dass Pellè erst in der Nachspielzeit traf – per Volleyschuss, wie schon gegen Belgien, als er ebenfalls nach der 90. Minute das 2:0besorgte. „Pellè ist Contes gewonnene Wette“, lobt „La Repubblica“.

Wutausbruch samt Tritt gegen TV-Kamera

Als ihn der Trainer vor zwei Jahren für die Nazionale entdeckte, kannten ihn viele Italiener nicht. Wie Antonio Conte kommt Pellè aus der Provinz Lecce in Apulien. Wie der Coach hat er Temperament. „Meine italienischen zehn Minuten“ nennt er Ausbrüche wie jenen als Profi von Feyenoord Rotterdam, als er gegen eine TV-Kamera trat und dem Inter­viewer ein „Ajax-Gesicht“ beschied.

Ganz am Anfang kickte er auf der Straße mit Äpfeln und Birnen. Während sein Vater, ehemaliger Drittligaspieler, als Kaffee-Vertreter von Bar zu Bar fuhr, brachte ihn der Großvater zum Fußballtraining. Abends ging die Familie zum Tanzen. Als Graziano elf war, gewann er zusammen mit Schwester Fabianna die italienische Jugend-Meisterschaft seiner Altersklasse in den Disziplinen Standard und Latein. Woher trotz bulliger Figur die Eleganz seiner Bewegungen kommt, ist also unschwer zu erraten. „Für einen großen Stürmer bewege ich mich sehr leicht“, sagt Pellè. „Aber die ganzen Wechsel zwischen Fußball und Tanzen, die verschiedenen Schuhe, das machte mich fertig, vom Training ganz zu schweigen“. Er entschied sich für den Fußball.

Vorbild Marco van Basten

Pellès großes Vorbild war Marco van Basten, insofern passt es natürlich, dass seine Karriere ohne die Niederlande nicht denkbar ist. Als er schon ein paar Einsätze für Lecce sowie diverse Ausleihen in die Zweite Liga hinter sich hatte, wurde er 2007 bei der U21-EM von Louis van Gaal entdeckt. Bei AZ Alkmaar wurde Pellè zum Bestandteil von dessen Sensationsmeisterelf, doch während die dem Trainer einen Job bei Bayern München eintrug, fiel der Stürmer bei dessen Nach-Nachfolger Gertjan Verbeek in Ungnade. Er wechselte nach Parma, das ihn schon nach einem halben Jahr zu Sampdoria Genua weiterverlieh. Die Geschichte vom Scheitern in Italien wiederholte sich – die von der Erlösung in Holland aber auch.

Pellè kam zu Feyenoord, schoss 50 Tore in 57 Spielen. Als Trainer Ronald Koeman 2014 zum FC Southampton wechselte, nahm der Coach seinen Torjäger gleich mit.

Seine Freundin fand er bei Facebook

In England überraschte er dann nicht nur durch seine Tore, sondern auch durch das Selbstbekenntnis als Vertreter der alten Schule. Dem „Guardian“ sagte er in einem Interview: „Besonders Italiener waren mal bekannt als Menschen mit Charme, Stil und Klasse.“ Früher habe ein Mann bei einem Date in die Augen der Frau geschaut, und nicht aufs Smartphone.

„Ich wünschte, diese Tage kämen zurück. Heutzutage gucken alle stumpfe Reality-Soaps oder leben in den sozialen Netzwerken“. Ironischerweise lernte er seine Model-Freundin Viktoria selbst über eine Facebook-Recherche kennen, nachdem sie ihm in einem ­Modeheft aufgefallen war.

Werbung für Italien

Nach seinen starken EM-Auftritten wird Pellès Biographie jetzt als Vorbild für junge Italiener in der Wirtschaftskrise gefeiert, die ihr Glück jenseits der Grenzen suchen müssen. „Aber Italien bleibt ein wunderbares Land“, wandte der Stürmer nach dem Sieg gegen Spanien ein. Eines, das er gegen Deutschland glücklich machen will wie einst Riva und Rivera. Kann Italien das Turnier gewinnen? „Alles ist möglich“, antwortete Pellè. Sein Leben ist dafür ein schlagender Beweis.