Erstes Turnier als Fan

Miroslav Klose über Italien: „Dann bist du wie einbetoniert“

DFB-Rekordtorjäger Miroslav Klose über die unerlaubten Tricks italienischer Verteidiger und Unterschiede zwischen Neuer und Buffon.

Miroslav Klose machte im Mai sein letztes Spiel für Lazio Rom, posierte im Olympiastadion mit seinen Söhnen. Aus der Nationalmannschaft war der Stürmer nach dem WM-Titel zurückgetreten, nach 137 Spielen und 71 Toren

Miroslav Klose machte im Mai sein letztes Spiel für Lazio Rom, posierte im Olympiastadion mit seinen Söhnen. Aus der Nationalmannschaft war der Stürmer nach dem WM-Titel zurückgetreten, nach 137 Spielen und 71 Toren

Foto: Claudio Pasquazi / picture alliance / AA

Berlin.  Miroslav Klose ist mit 71 Toren in 137 Länderspielen der Rekordschütze der deutschen Nationalelf. Nach sieben Turnierteilnahmen in Folge ist der 38-Jährige, der zuletzt fünf Jahre für Lazio Rom spielte, nun erstmals nur Zuschauer.

Herr Klose, wie erleben Sie Ihrerstes großes Turnier als Fan seit der EM 2000? Auf der Fanmeile?

Miroslav Klose: Dafür war das Wetter nicht gut genug. Ich habe es mir vorm Fernseher gemütlich gemacht und habe es wirklich genossen. Ich habe alle deutschen und italienischen Spiele gesehen – und ich freue mich riesig auf Samstag.

Hat es Ihnen nicht in den Füßen gejuckt?

Überhaupt nicht. Es ist für mich faszinierend, dieses Turnier einfach wieder als Fan zu verfolgen. So wie früher in Kaiserslautern am Zaun, als ich der Bundesliga-Mannschaft zugeschaut habe. Irgendwann durfte ich dabei sein, jetzt stehe ich wieder auf der anderen Seite.

Hat Joachim Löw je versucht, Sie zu einem Comeback zu überreden?

Nein. Wir sind befreundet und haben oft Kontakt. Aber er hat mich nie danach gefragt.

Haben Sie während des Turniers Kontakt mit ihm oder den Spielern gehabt?

Ich habe mit einigen deutschen und auch italienischen Spielern telefoniert. Mit dem Trainer noch nicht, weil ich weiß, was bei solch einem Turnier los ist. Danach ist ja noch genug Zeit.

Sind die deutschen Spieler aufgeregter vor dem Viertelfinale - oder die italienischen?

Der Respekt ist auf beiden Seiten sehr groß. Ich denke, dass sich die vermeintliche deutsche Angst schnell in eine Diesmal-muss-es-klappen-Motivation umwandelt. Aber falls wir in Rückstand geraten, darf niemand denken: ‘Das wird schon wieder nix.’ Wir haben die Qualität, Italien zu bespielen. Was uns noch ein bisschen fehlt, ist, gegen echte Bollwerke die wenigen Chancen konsequent in Tore umzumünzen.

Löw wurde vorgeworfen, er habe das Spiel 2012 vercoacht. War das so?

Das wurde aufgebauscht. Wenn zwei, drei Spieler nicht in Form sind oder sich verstecken, wird es immer schwer.

Wer ist Ihr Favorit am Samstag?

Ich sehe keinen. Ich habe das Länderspiel im März (4:1, d. Red.) mit meiner Familie in München im Stadion verfolgt. Damals fand ich Deutschland richtig, richtig gut und Italien hat mich ein bisschen enttäuscht. Aber bei der EM bin ich bisher von beiden begeistert.

Wird derjenige, der dieses Spiel gewinnt, auch Europameister?

So stark wie Deutschland und Italien war keine andere Mannschaft bei dieser EM. Und wenn Deutschland Italien schlägt, hat es wirklich große Chancen, auch den Titel zu holen. Aber auch danach muss man von Spiel zu Spiel schauen. Frankreich im möglichen Halbfinale wird sicher auch nicht einfach, obwohl sie bisher einige Schwächen in der Defensive offenbart haben.

Wer ist in Ihren Augen denn der bessere Torhüter? Manuel Neuer oder Gianluigi Buffon?

Gigi fasziniert mich. Wie er sich in seinem Alter immer noch strecken kann, welche Ruhe er hat, da kann man nur den Hut ziehen. Aber ich kenne keinen besseren als Manu. Er hat alles: Athletik, Beidfüßigkeit, Übersicht. Er ist der Beste der Welt. Und Gigi die Nummer zwei.

Haben Sie einen Tipp für Ihren Stürmerkollegen Mario Gomez gegen die italienischen Abwehrspieler?

Sie klammern sehr gerne und sehr gut. Dann darfst Du nicht im Strafraum stehen, sondern musst einlaufen, dann sieht auch der Schiedsrichter das Halten. Wenn du im Strafraum stehst und Chiellini zieht ein bisschen links und ein bisschen rechts an Dir, dann bist Du wie einbetoniert.

Wer hat Sie allgemein bei Deutschland bisher überzeugt oder enttäuscht?“

Wirklich enttäuscht hat mich keiner. Ich hoffe aber, dass bei Mesut und Thomas (Özil und Müller, d. Red.) bald der Knoten platzt. Beide spielen nicht schlecht, leisten große Laufarbeit, aber ihnen fehlt das Quäntchen Glück. Ein Erfolgserlebnis würde die Beine sicher leichter machen.

Sehen Sie die Aufstockung der EM auf 24 Mannschaften positiv?

Absolut. Außenseiter wie Wales oder Island haben mich bisher absolut begeistert. Weil sie gezeigt haben, wie weit man mit Wille und als Mannschaft kommen kann. sid