EM 2016

Deutschland schießt sich mit 3:0 ins Viertelfinale

Deutschland hat der Slowakei beim Achtelfinale in Lille keine Chance gelassen. Und so ganz nebenbei einen Rekord aufgestellt.

Was ein Spiel - finden auch Julian Draxler und Mats Hummels

Was ein Spiel - finden auch Julian Draxler und Mats Hummels

Foto: Matthias Hangst / Getty Images

Lille. Glücksbringer und Joachim Löw sind so eine Geschichte für sich. In der Theorie glaubt der Bundestrainer nur bedingt an die Wirkung eines Talismans. In der Praxis bedient sich der Fußballlehrer aber immer wieder gern bei kosmischen Kräften.

Mal ist es ein Glückspullover (WM 2010), mal eine kleine Statue eines mystischen Ungeheuers (WM 2014) und ab und an bei dieser Europameisterschaft auch ein schwarz-rot-goldenes Glücksbändchen ums Handgelenk.

Mittlerweile scheint es, als würde Löw das Glück auch ohne Hilfsmittel ganz gut steuern. Im Achtelfinale gegen die Slowakei in Lille etwa nahm er eine Umstellung vor, die stark dazu beitrug, dass Deutschland mit 3:0 (2:0) gegen die Slowakei gewann.

"Die Slowakei ist natürlich nicht der Maßstab"

Damit stellte die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes einen Rekord ein, erst zum dritten Mal bei einer EM siegte sie in dieser Höhe. Wobei Löw dies nicht als besonders erwähnenswert betrachtete: „Bei allem Respekt vor dem Gegner, aber die Slowakei ist natürlich nicht der Maßstab. Wir müssen uns weiter steigern, wenn wir das Turnier gewinnen wollen.“

Am Sonnabend trifft sein Team nun auf den Sieger des Südeuropaduells Spanien gegen Italien (18 Uhr/ARD). „Jetzt kommt ein anderes Kaliber auf uns zu. Spanien ist sicher leichter Favorit, aber die Italiener sind zu allem fähig und werden den Spaniern sicher heftige Gegenwehr leisten“, so Löw. Erstmals in diesem Turnier hatte die Nationalelf allerdings im Achtelfinale mit einer Leistung aufgewartet, die erkennen ließ, dass für sie nichts anderes als der Titel in Frankreich das Ziel ist.

Bei Boatengs Führungstor hilft der Slowake Skriniar mit

Ein entscheidender Punkt für die Steigerung war, dass der Trainer wieder auf Julian Draxler zurückgriff und dafür erstmals Mario Götze nicht in die Startelf berief. Draxler lief viel, spielte mutig im Duell Eins gegen Eins. Damit öffnete er Laufwege und trieb das Spiel nach vorn. Seine Impulse taten dem Auftreten des Teams enorm gut.

„Wir hatten in den ersten Spielen ein paar Probleme, wie andere Mannschaften auch. Das lag allerdings auch daran, dass man in der Gruppenphase noch taktieren kann. Heute hatten wir immer die Kontrolle über das Spiel und haben den Ball gut laufen lassen. Es war ein ungefährdeter Sieg“, lobte der Bundestrainer nach der bislang besten Leistung bei dieser EM.

Zunächst aber benötigte der Weltmeister ein klitzekleines bisschen Glück, damit das erhoffte frühe Führungstor fallen konnte. Eine sehenswerte Direktabnahme Jerome Boatengs touchierte Slowakeis Pechvogel Milan Skriniar noch leicht, ehe es nach nur acht Minuten 1:0 stand. Ausgerechnet Boateng, dessen Einsatz aufgrund von Wadenproblemen noch bis zum Vortag fraglich war. Kein Wunder also, dass sich der Münchner nach seinem Tor direkt bei Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt bedankte.

Löw: "Bin froh, dass Boateng heute spielen konnte"

Für den gebürtigen Berliner war es eine Premiere im Nationaltrikot. „Ich bin froh, dass er reingegangen ist. Ich habe gesagt, ich hebe mir das erste Tor für das Turnier auf. Ich freue mich aber besonders für die Mannschaft, die sehr gut gespielt hat“, so Boateng, der endlich mal nicht nur seine defensiven Qualitäten gewinnbringend einsetzen konnte oder als Vorbereiter in Erscheinung trat, sondern als Vollstrecker. „Ich bin froh, dass er heute spielen konnte, weil die Mannschaft weiß, dass auf ihn Verlass ist“, so Löw.

Es dauerte gerade mal bis zur 13. Minute, ehe es den nächsten Glück-und-Pechmoment zu bestaunen gab. Slowaken-Kapitän Martin Skretel schaffte zunächst das Kunststück, Gegenspieler Mario Gomez gleichzeitig zu schubsen und am Trikot zu ziehen, was insofern mehr als nur Pech war, als dass sich die beiden in der Mitte des Strafraums aufhielten.

Als Mesut Özil zum fälligen Strafstoß antrat, scheiterte er allerdings an Matus Kozacik. Das rächte sich jedoch nicht, Deutschland erarbeitete sich viele Torchancen. Dennoch war auch Torhüter Manuel Neuer gefragt. Er faustete einen Kopfball Juraj Kuckas gerade noch über die Querlatte (41.).

DFB-Elf zum fünften Mal hintereinander ohne Gegentor

Es war die erste und einzige Torchance der Slowaken, was am Ende dazu führte, dass auch Neuer einen Rekord aufstellte. Die DFB-Elf blieb zum fünften Mal hintereinander ohne Gegentor – und immer stand dabei der Bayern-Profi zwischen den Pfosten. Das gab es in der 108-jährigen Länderspielgeschichte (915 Partien) noch nie.

Wie gesagt, auch vorn lief es bei einer EM nie besser. Die schönste Kombination des Spiels über Jonas Hector und Draxler vollendete Gomez aus drei Metern zum vorentscheidenden 2:0 (43.). Nach dem Torschussfestival der ersten Halbzeit ließ es der Weltmeister im zweiten Durchgang zunächst ruhiger angehen.

Seine herausragende Leistung krönte Draxler dennoch mit einem herausragenden Tor zum 3:0 (63.). Wie ein Champion spulte das Team sein Programm ab. Es hatte Spaß daran, seine Fortschritte zu zelebrieren. „Wir sind auf jeden Fall eher eine Turniermannschaft als eine Testspielmannschaft“, sagte Mittelfeldregisseur Toni Kroos. Dies so konstant zu bestätigen, hat wohl kaum etwas mit Glück zu tun.