Tennis

Roger Federer ist ein Realist auf Rasen

Der siebenmalige Wimbledon-Sieger Roger Federer sieht sich bei seinem Lieblingsturnier nicht als Favorit. Andere sehen das anders.

Fokussiert: In diesem Jahr hat der Schweizer Roger Federer noch kein Turnier gewonnen, auch weil er viele Verletzungen hatte

Fokussiert: In diesem Jahr hat der Schweizer Roger Federer noch kein Turnier gewonnen, auch weil er viele Verletzungen hatte

Foto: Friso Gentsch / dpa

London.  Vor Wimbledon ist es immer am schlimmsten. Die Spekulationen, das Geraune, die Gerüchte. Roger Federer (34) weiß schon lange vorher, „dass dann wieder die ganze Palette an Fragen kommt“: Ist er zu alt geworden für die Weltspitze, ist er noch voll motiviert, nimmt das Familienleben mit vier Kindern ihn zu sehr in Beschlag?

Federer saß vor ein paar Tagen im Spielerhotel der Gerry Weber Open in Halle, er hatte spielfrei, und als er vorausblickte zu den Offenen Englischen Meisterschaften im Südwesten Londons, sagte er kopfschüttelnd, er müsse vorher die „silly season“ überstehen, also die Saure-Gurken-Zeit vor dem ersten Ballwechsel und die Blicke in die Glaskugel von selbsternannten Federer-Astrologen – und das, was dann in Presse, Funk und Fernsehen daraus gemacht wird. „Ich bin froh, wenn ich mein erstes Spiel habe, auf den Platz marschieren kann“, sagt Federer.

Federer hat natürlich selbst dafür gesorgt, dass rund um die Rasen-Festivitäten im All England Club stets alle möglichen und unmöglichen Meinungen über ihn verbreitet werden – auch seit Jahren immer wieder die These, genau dies sei sein letztes Wimbledon-Turnier.

„Wimbledon ist nun einmal das Maß der Dinge“

Federer hat eine ganze Ära in Wimbledon geprägt, einer auch, den die Briten wie kaum einen zweiten ausländischen Spieler vor ihm ins Herz geschlossen haben. Fakt ist: Alles, was Federer tut, ist Meldung und Schlagzeile wert, heiße Nachrichtenware.

„Ich wundere mich nicht darüber. Wimbledon ist nun einmal das Maß der Dinge“, sagt Federer, „und Wimbledon ist auch für mich der Gradmesser für die Saison. Wenn ich in früheren Jahren dort gewonnen habe, war die Saison immer in Ordnung für mich.“

Und nun, im Hier und Jetzt? Wäre Federer nicht Federer, der siebenmalige Champion und Publikumsliebling, dann wäre ein Auftritt abseits des großen Rampenlichts und auch der ganz großen Erwartung gar nicht so abwegig.

Zwei Niederlagen gegen die nächste Generation

Federer hat ein Jahr der vielen Verletzungspausen hinter sich, große Teile von 2016 hat er nach seiner Finalteilnahme in Brisbane und dem Halbfinale der Australian Open im Januar als unfreiwilliger Zuschauer erlebt.

Erst in der Rasensaison hat er sich wieder so richtig im Tourbetrieb zurückgemeldet, mit zwei Halbfinalteilnahmen bei den Wimbledon-Vorbereitungsturnieren in Stuttgart und Halle.

Bei beiden Wettbewerben unterlag er gegen Stars der nächsten und übernächsten Generation, den Österreicher Dominic Thiem und den Deutschen Alexander Zverev. Bevor er Halle verließ, sagte Federer, ganz Realist, ganz Pragmatiker.

„Es ist ein Jahr, wie ich es bisher noch nicht kannte. Holprig, kompliziert, mit den Verletzungs-Enttäuschungen. Vieles ist neu für mich, auch die Tatsache, dass ich nach Wimbledon gehe, ohne einen Titel gewonnen zu haben in der Saison.“

Pat Cash glaubt an Federer

Federer fühlt sich für Wimbledon „natürlich nicht in einer Favoritenrolle: Ich glaube, da sind Novak Djokovic und Andy Murray in einer anderen Situation. Auch, weil sie regelmäßig im Spielbetrieb drin waren.“

Was er nicht sagte: Wimbledon kann dieser Saison einen neuen Dreh geben, kann zur Geschichte eines Umschwungs werden – und auch helfen, die weiteren Herausforderungen im Jahr mit mehr Selbstvertrauen und größerer Zuversicht anzugehen.

„Wimbledon ist immer eine Inspiration für Roger, eine Art Kraftquelle. Eine Gelegenheit, das eigene Ego aufzuladen“, sagt Australiens Ex-Wimbledon-Champion und heutiger TV-Experte Pat Cash, „man sollte nicht vergessen, dass Roger der Mann war, der Djokovic zuletzt am meisten bei den Titelläufen im Wege stand.“

Vor vier Jahren war er noch Spielverderber

Es hat auch mit der besonderen Wimbledon-Magie Federers zu tun, dass ihm in seinem einstigen Tennis-Paradies noch am ehesten ein weiterer Coup zugetraut wird – der 18. Major-Titel dann, ein Krönungsakt vier Jahre nach dem letzten Pokalgewinn im All England Club.

Damals trat Federer noch einmal in seiner Paraderolle auf, nämlich als Spielverderber für ganze Heere von Kollegen aller Gewichtsklassen – und 2012 ganz konkret im Finale für Lokalmatador Andy Murray. Die Siegesmisson damals, sie war durchaus eine kleine Überraschung.

Aber der Verblüffungseffekt wäre nun natürlich noch viel größer, in einem Jahr, das Federer als „teilweise eine Katastrophe für mich“ bezeichnet hat. Aber bei einem wie ihm weiß man nie.