lothar matthäus in Ungarn

„Hier quatscht mich keiner schräg an“

Der Rekordnationalspieler erklärt, warum er heutein Budapest lebt und Löw selbst bei EM-Misserfolg Trainer bleiben sollte

Budapest. Mit wahren Hymnen auf den deutschen Trainer Bernd Storck haben die Ungarn den Achtelfinal-Einzug ihrer Nationalelf als EM-Gruppensieger gefeiert. „In unglaublich kurzer Zeit ist es um die ungarische Auswahl herum zu einer richtigen Revolution gekommen, in der die aus der deutschen Sphäre stammenden (Trainer) Pal Dardai und Bernd Storck die Schlüsselrolle gespielt haben“, schrieb die konservative Tageszeitung „Magyar Nemzet“. Der deutsche Rekordnationalspieler Lothar Matthäus (55) lebt inzwischen sogar seit einigen Jahren in Ungarns Hauptstadt Budapest. Die Morgenpost besuchte ihn dort.

Herr Matthäus, Sie machen einen entspannten Eindruck. Nach einer Fußball-Weltreise: Sind Sie als Mensch in Budapest angekommen?

Lothar Matthäus: Budapest ist eine tolle Stadt, es ist eine Wohlfühloase für mich. Ich kann mich nicht erinnern, in Ungarn schräg angequatscht worden zu sein, wie es in Deutschland tagtäglich vorkommt. Hier ist unser Zuhause, hier fühlen wir uns wohl.

Kommt das Ihrer Vorstellung von vollkommenem Lebensglück nahe?

Mich zwingt ja niemand, hier zu leben. Das könnte ich auch in München, in Italien, in Dubai oder in Moskau. Aber hier stimmt das Gesamtpaket am besten. Wir haben einen zweijährigen Sohn, da ist es besonders schön, über die Straße gehen zu können, ohne von Paparazzi verfolgt zu werden.

Und beruflich lässt sich von Budapest ja auch alles managen.

Man hat ja gute Verbindungen nach München, um von dort aus in die ganze Welt zu kommen. Ich reise durch meine Tätigkeiten für Sky sehr viel, sitze quasi immer noch auf gepackten Koffern. Andererseits fühlen wir uns an den Tagen, an denen wir hier sind, so privat, wie ich es in meinem Leben zuvor noch nie empfunden habe.

Ihre letzte Trainerstation war 2011 in Bulgarien, heute sieht man Sie nur noch als TV-Experte im Stadion.

Ich denke ja auch gar nicht mehr daran, ins Tagesgeschäft des Trainers einzusteigen. Mir liegt die Lebensqualität, die mir gerade beschert wird: Zeit für die Familie und mich zu haben, nicht mehr dem Druck ausgesetzt zu sein und von morgens bis abends an Fußball zu denken. Ich bin trotzdem nah an allem dabei. Ich verfolge das allein schon, weil es mich interessiert.

Was halten Sie von Joachim Löws Arbeit? Der war als Spieler nicht Weltmeister wie Sie, aber als Trainer.

Dass Joachim Löw ein sehr guter Trainer ist, hat er auch schon mit dem WM-Sieg 2014 gezeigt. Er hat mit seinen Klubs Meisterschaften geholt, auch wenn es in Österreich und der Türkei war. Er war dann halt zum richtigen Zeitpunkt da, als Jürgen Klinsmann einen Trainer gesucht hat für die Nationalmannschaft. Aber ohne Klinsmann wäre vielleicht auch niemand beim DFB darauf gekommen, Löw als Bundestrainer einzustellen. Er hat sich für eine andere Schiene als die entschieden, die damals befahren wurde. Ich kenne Jogi seit 35 Jahren, er war ein technisch guter Spieler, und diesen Fußball lässt er auch spielen. Er hat natürlich auch das nötige Glück, dass sich die Arbeit der in den letzten zehn, fünfzehn Jahren angestoßenen Nachwuchsprojekte jetzt auszahlt.

Es heißt aber, wenn es am schönsten ist, soll man aufhören…

Aber wenn ein Trainer mit 35 das erste Mal Weltmeister wird, hört der ja auch nicht auf. Davon halte ich nichts, man steckt sich halt neue Ziele. Man sollte aufhören, wenn man bereit ist loszulassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jogi Löw noch wie Giovanni Trapattoni mit 75 Jahren auf der Trainerbank sitzt. Aber ich glaube, Löw hat noch einiges vor, hat Spaß mit dieser Mannschaft und kann die Spieler auch immer weiter entwickeln. Solange er Lust hat, gibt’s in Deutschland, gerade weil das Vertrauen der Mannschaft in ihn sehr groß ist, keinen Besseren. Man kann nicht erwarten, dass er die nächsten Turniere alle gewinnt, aber deswegen ist es noch lange kein Rückschritt. Die Konkurrenz anderer Nationalmannschaften ist groß.

Kann Bastian Schweinsteiger die Mannschaft noch einmal wie vor zwei Jahren in Brasilien zum Titel führen?

Löw hat sich das genau überlegt, weil er eben diese Hoffnung hat, dass Schweinsteiger während des Turniers in eine Form kommt, in der er der Mannschaft helfen kann. Als Persönlichkeit tut er das ohnehin schon. Wenn dann noch einmal die gleiche Geschichte dabei herauskommt wie in Brasilien, kann man Löw und Schweinsteiger nur gratulieren.

Wer im deutschen Team hat das Zeug zur großen Überraschung?

Löw vertraut auf seine Leute, die ihn seit Jahren unterstützen. Das hat man bei der EM-Nominierung wieder gesehen.

Aber?

Wenn ich sehe, was ein Julian Brandt gezeigt hat in den letzten drei, vier Monaten und dann auf der gleichen Position andere Nominierte…

Mario Götze?

Nein, gar nicht mal Mario, den sehe ich sowieso eher in der Mitte als auf den Außen, denn dafür bringt er gar nicht die Geschwindigkeit mit. Ich meine bezüglich Brandt eher Schürrle und Draxler und Podolski. Sie sind mir in den letzten Monaten nicht so sehr aufgefallen. Löw hat eben einen gewissen Hang zu Spielern, die ihm schon lange Folge leisten. Deswegen wird es für Julian Weigl auch wahrscheinlich schwierig, an Toni Kroos, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira vorbeizukommen.

Was halten Sie von Leroy Sané?

Ihm gehört genauso wie Brandt die Zukunft auf der Außenposition. Sané ist einzigartig in der Geschwindigkeit, hat Gefühl für den Ball und arbeitet auch jetzt schon relativ gut mit nach hinten. Sollte der Bundestrainer Thomas Müller nicht rechts spielen lassen, könnte Sané die Lücke schließen, denn alle anderen Konkurrenten sind entweder nicht dabei oder spielen links. Wenn er das Vertrauen bekommt, kann er eine gute Rolle spielen.

Glauben Sie an den EM-Titel für Löws Team?

Ja, denn es ist mit die beste Mannschaft.

Wer sind die Konkurrenten?

Auf jeden Fall Frankreich. Und die Belgier schätze ist stark an.

Sie haben Spanien vergessen.

Nein, ich glaube nicht, dass Spanien Europameister werden kann. Dafür ist die Mannschaft mittlerweile zu alt.