Nervöser Superstar

Der Retter lässt Taten sprechen

Zwei Treffer und eine Vorlage Ronaldos sichern Portugal 3:3 gegen Ungarn und mühevollen Einzug ins Achtelfinale

Lyon. Cristiano Ronaldo zeigte die Faust, als er zum Mittelkreis lief. Einmal, zweimal, dreimal. Es gab viel Grund zum Jubeln und Verzweifeln, zum Hoffen und Bangen in einem der denkwürdigsten Gruppenspiele, die es bei Europameisterschaften je gegeben haben dürfte. 3:3 (1:1) trennten sich Portugal und Ungarn in Lyon. Die Portugiesen waren dreimal ausgeschieden, kamen dreimal zurück, schienen dann Englands nächster Gegner zu werden, ehe sie durch Islands Siegtor in der Nachspielzeit noch auf Platz drei und damit zu den Kroaten fielen. Ungarn erreicht das Achtelfinale als Gruppensieger, wer hätte das gedacht. „Riesenkompliment an meine Mannschaft“, sagte Trainer Bernd Storck: „Wir haben noch mal eine Schippe draufgelegt.“

Das Mikrofon des Reporters landet im nächsten See

Begonnen hatte der Tag mit einer grotesken Szene im Trainingslager der Portugiesen. Beim Morgenspaziergang des Teams wurde Ronaldo von einem Reporter des Boulevardblatts „Correio da Manha“ mit der harmlosen Frage konfrontiert, ob er zuversichtlich für das Spiel sei. Ronaldo, der im Clinch mit der Zeitung liegt, nahm das Mikrofon des Journalisten und schmiss es in den nächsten See. Damit richteten sich die Blicke noch mehr auf ihn, als es nach allen Debatten über 20 EM-Torschüsse ohne Tor und spottende Isländer sowieso der Fall gewesen wäre. Wer aber hätte gedacht, dass das Spiel dann noch grotesker werden würde? So dramatisch, brillant und komplett irrational, dass es sogar Ronaldos Eskapade in den Hintergrund drängen würde?

Für 90 Minuten, danach ging das Theater weiter. Ronaldo, der seine Blockade mit zwei Toren und einer Torvorlage löste, wurde als „Mann des Spiels“ ausgezeichnet. Üblicherweise muss der so Geehrte den Journalisten ein paar Fragen beantworten. Ronaldo jedoch wurde nur kurz von einem Uefa-Sprecher interviewt und dann vom portugiesischen Pressesprecher weggezogen. „Das Spiel war ein bisschen wahnsinnig, unser Ziel war die Gruppe zu gewinnen, das Mindestziel, sich zu qualifizieren, und zumindest das haben wir erreicht“, sagte er.

„Die Spieler sind keine Roboter, sie haben Gefühle“, begründete Trainer Fernando Santos, warum die Nerven so blank lagen. Angesichts von drei Comebacks könne er seiner Mannschaft nur „zu ihrer Mentalität gratulieren“. Dass sich nach Island und Österreich auch die Ungarn nicht zu Statisten der CR7-Saga degradieren ließen und Portugal kein einziges seiner Spiele gewann – es ist wohl die größte Überraschung bislang in dieser EM. Storcks Team bespielte den Favoriten in der ersten Halbzeit sogar auf Augenhöhe. Als Portugal in der 19. Minute einen Eckball nicht richtig geklärt bekam, sorgte Routinier Zoltan Gera (37) mit einem wunderbaren Schuss für die Führung.

Älter ist bei den Magyaren nur der 40-jährige Torwart Gabor Kiraly, der trotz 32 Grad in Lyon in seiner ikonischen Jogginghose spielte. Nur ganz allmählich gelang es den Portugiesen, das Geschehen vor sein Tor zu verlagern. Zwischen der 23. und der 35. Minute zeigte Ronaldo seine Freistöße 37 bis 39 ohne Torerfolg bei internationalen Turnieren. Schwer zu sagen, welcher Versuch absurder war? Der von seitlich halblinks? Der aus fast 40 Metern? Oder der von seitlich halbrechts?

So ziemlich alles andere kann er jedenfalls besser. Seine Erlösung begann als Vorbereiter. In der 42. Minute sah er einen Antritt von Nani und spielte den Ball durch die Verteidigung perfekt in dessen Lauf. Nanis Direktabnahme ins kurze Eck war nicht minder sehenswert. Der Ausgleich, Halbzeit – Durchatmen, bevor im Stade des Lumières der Irrsinn ausbrechen sollte.

Im Schnelldurchlauf: Balazs Dzsudzsák setzte einen Freistoß über den Umweg der Schulter von André Gomes ins Tor und wurde danach vom Jubel seiner Teamkollegen beinahe erwürgt (47.). Drei Minuten später glich Ronaldo durch einen fantastischen Hackenaufsetzer mit dem Rücken zum Tor aus. Dzsudzsák hielt wieder drauf, nun prallte der Ball vom Schienbein Nanis in unmöglicher Flugkurve ins Tor, der Schütze tauchte in die ungarischen Fanmassen ein (55.). Doch erneut war Ronaldo da, diesmal per Kopf (62.). Wieder unentschieden, wieder wollten beide Teams nichts davon wissen. Ungarn traf durch Akos Elek den Pfosten (64.). Portugal drängte fast besinnungslos, ehe sich die Partie in den letzten Minuten etwas beruhigte.

„Am Schluss mussten wir pragmatisch sein“, sagte Santos. Die Zuschauer konnten nur dankbar dafür sein, dass vorher niemand auf diese Idee gekommen war.