Doping

Kritik aus der Politik, Lob aus Russland nach IOC-Beschluss

Dass „saubere“ russische Leichtathleten in Rio unter ihrer Flagge starten dürfen, sorgt für Zwiespalt. Es gibt eine große Verliererin.

IOC-Chef Thomas Bach verkündete am Dienstag in Lausanne die Ergebnisse des IOC-Summit. Beim Thema Olympia-Sperre für die Leichtathleten kam das IOC Russland entgegen

IOC-Chef Thomas Bach verkündete am Dienstag in Lausanne die Ergebnisse des IOC-Summit. Beim Thema Olympia-Sperre für die Leichtathleten kam das IOC Russland entgegen

Foto: Laurent Gillieron / dpa

Lausanne.  – Dagmar Freitag, Sportausschussvorsitzende des Deutschen Bundestages, hat die Beschlüsse des Olympia-Gipfels zum Startrecht russischer Leichtathleten bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro zum Teil scharf kritisiert. „Sie weichen deutlich von den wichtigen und richtigen Beschlüssen des internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF von Freitag ab“, sagte Freitag.

„Dass nach derzeitigem Stand russische Leichtathleten, wohlgemerkt Athleten eines suspendierten Verbandes, unter russischer Flagge starten dürfen sollen, ist aus meiner Sicht ein falsches Signal“, erklärte die SPD-Politikerin.

Auch die Kriterien, nach denen laut Internationalem Olympischen Komitee (IOC) vermeintlich saubere russische Sportler Chancen auf eine Olympia-Teilnahme bekommen sollen, seien laut Freitag „unscharf definiert“.

Report zum Doping in Sotschi nicht abgewartet

Es dürfe nicht sein, dass „wenige negative Tests kurze Zeit vor Wettkampfbeginn möglicherweise hierfür ausreichen sollen. Um Chancengleichheit mit Athleten aus Staaten mit einem funktionierenden Kontrollsystem herzustellen, muss ein wesentlich längerer Zeitraum herangezogen werden, der ins Jahr 2015 zurück reicht“, sagte Freitag.

Dass durch den IOC-Entscheid ein Start der Whistleblowerin Julija Stepanowa bei den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen ist, weil das russische NOK für die Athleten-Nominierung für zuständig erklärt worden war, kritisiert Freitag besonders: „Das widerspricht eindeutig dem Willen der IAAF und ist ein Schlag ins Gesicht derer, die dazu beitragen wollen, dem Sport wieder ein bisschen Glaubwürdigkeit zurückzugeben.“

Zudem hält sie es für „problematisch“, dass das IOC eine Entscheidung getroffen hat, ohne die Erkenntnisse des McLaren-Reports abzuwarten. Der Bericht soll am 15. Juli vorgelegt werden und neue Erkenntnisse über das Ausmaß des russischen Dopingskandals und die Vorwürfe der Manipulation von Dopingproben während der Winterspiele 2014 in Sotschi bringen.

„Die Einbeziehung des Reports ist aus meiner Sicht unverzichtbar, denn er wird weiter Licht ins Dunkel bringen, was die Kernfrage angeht: Wie vernetzt ist das Dopingsystem in Russland und wie groß ist der staatliche Einfluss darauf?“

Nada äußert sich zurückhaltend

Die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) hat die Beschlüsse des Olympia-Gipfels mit Zurückhaltung kommentiert. Vor allem die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), den internationalen Sportverbänden bei der Berurteilung einer Startberechtigung für vermutlich saubere Athleten für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro die Verantwortung zu übertragen, sieht die NADA kritisch.

"Ob und in wie weit diese Aufgabe von internationalen Verbänden übernommen werden kann, muss eingehend geprüft werden. Denn die internationalen Verbände sind zwar für den Ausschluss einzelner Mitgliedsverbände verantwortlich", schrieb die Nada in einem Statement: "Die Zulassungsvoraussetzungen für Olympische Spiele liegen in der Verantwortung des IOC. Es müssen aus Sicht der Nada daher klare Vorgaben erarbeitet und eingehalten werden, die diese Aufgabenübernahme regelt, damit die Chancengleichheit und das Fair Play gewährleistet ist."

Die Nada empfiehlt daher "dringend" die Expertise der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und der etablierten nationalen Anti-Doping-Organisationen einzubeziehen. Darüber hinaus empfiehlt die Nada, vor weiteren Schritten den für den 15. Juli vorgesehene Veröffentlichung des McLaren-Reports abzuwarten. Der Bericht soll neue Erkenntnisse über das Ausmaß des russischen Dopingskandals und die Vorwürfe der Manipulation von Dopingproben während der Winterspiele 2014 in Sotschi bringen.

Lob vom Tischtennis-Weltverband

Tischtennis-Weltverbandspräsident Thomas Weikert (Limburg) begrüßt dagegen die neue Zuständigkeit der internationalen Fachverbände für die Doping-Überprüfung russischer und kenianischer Olympia-Kandidaten vor den nationalen Nominierungen für die Sommerspiele in Rio.

„Bei uns kommen nur drei russische Aktive in Betracht. Bei anderen Verbänden dürfte die Aufgabe erheblich mehr Aufwand bedeuten, aber grundsätzlich finde ich gut, dass wir als internationaler Dachverband mehr Verantwortung tragen sollen“, sagte Weikert zur Entscheidung des Olympia-Gipfels von Lausanne: „Die internationalen Verbände hatten ja auch grundsätzlich schon dafür zu sorgen, dass sauber getestet wird.“

Weikerts ITTF befindet sich seit Dienstagnachmittag in Kontakt wegen der zunächst unklar gebliebenen Vorgaben für die in Lausanne beschlossene „Sonderbewachung“ von Aktiven aus Russland und Kenia.

Sonderbewachung für Kenia und Russland

„Bei uns läuft außerdem schon die Zusammenstellung, wann, wie und unter welchen Umständen die drei russischen Aktiven in der Vergangenheit getestet wurden. Wenn wir wissen, was benötigt wird, werden wir alles Notwendige in die Wege leiten“, sagte der Limburger Rechtsanwalt.

Sein Kollege Klaus Schormann vom Weltverband der Modernen Fünfkämpfer hingegen vermochte noch keine Einschätzung der neuen Situation und Schilderung der notwendigen Schritte in seinem Verband vornehmen.

Durch die Entscheidung des Olympia-Gipfels müssen in allen olympischen Sportarten Aktive aus Russland und Kenia von den internationalen Fachverbänden auf Doping überprüft werden. Damit zog die Konferenz die Konsequenz aus nachgewiesenen Mängeln bei der Doping-Bekämpfung in beiden Ländern und darüber hinaus gehende Vorwürfe gegen Russen und Kenianer.

Ohne ein „Doping-Führungszeugnis“ der internationalen Verbände können russische und kenianische Aktive von ihren nationalen Olympischen Komitees nicht für die Sommerspiele in Rio nominiert werden.

Zweifel an der Unschuldsvermutung gegen Russland und Kenia

45 Tage vor dem Start der Olympischen Sommerspiele in Rio (5. bis 21. August) waren Russland und Kenia am Dienstag wegen latenter Dopingvorwürfe vom Olympischen Gipfel in Lausanne unter Sonderbewachung gestellt worden.

In sämtlichen olympischen Sportarten ist die Aufsicht über Rio-Kandidaten aus beiden Ländern bei der Konferenz am Sitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) unter Leitung von IOC-Chef Thomas Bach an die internationalen Fachverbände delegiert worden.

„Es bestehen ernsthafte Zweifel an der Unschuldsvermutung zugunsten russischer und kenianischer Athleten“, begründete Bach die einstimmige Entscheidung der insgesamt 18 Gipfelteilnehmer aus der IOC-Exekutive und weiteren verschiedenen internationalen Institutionen.

Nach dem beispiellosen Beschluss sind Dopingtests durch anerkannte und bestätigte Institutionen außerhalb beider Staaten bei russischen und kenianischen Aktiven vor einem Rio-Start nunmehr obligatorisch.

„Saubere“ Athleten dürfen unter russischer Flagge starten

In Bezug auf die spektakuläre Olympia-Sperre für russische Leichtathleten durch den Weltverband IAAF kamen Bach und seine Gesprächspartner Russlands Staatschef und Bach-Freund Wladimir Putin allerdings weit entgegen:

Mutmaßlich saubere Leichtathleten aus dem Riesenreich, die „ohne Verbindung zum System“ sind, können in Rio nach erfolgter Zustimmung der IAAF unter ihrer eigenen Flagge starten und müssen nicht wie bislang geplant unter einem neutralen Banner antreten.

Spekulationen über einen vorherigen Deal mit Putin in dieser Frage wies der IOC-Chef allerdings zurück. „Was ich da immer lese, zaubert mir nur ein Lächeln aufs Gesicht“, sagte der Fecht-Olympiasieger von 1976.

Putins Sportminister Witali Mutko wich jedoch prompt vom jüngsten Konfrontationskurs zum internationalen Sport ab und begrüßte die Gipfel-Maßnahmen ausdrücklich: „Bei Olympia sollen gewissenhafte Sportler teilnehmen. Wir müssen jetzt alles unternehmen, dass es so bleibt.“

IOC will Start von Whistleblowerin Stepanowa prüfen

Insbesondere Bachs durchgesetzte Forderung nach einer Nominierung von Leichtathleten durch Russlands Olympia-Komitee dürfte bei Whistleblowerin Julia Stepanowa für Ernüchterung gesorgt haben.

Die russische Mittelstrecklerin, durch deren Enthüllungen der Doping-Skandal in ihrem Heimatland ins Rollen gekommen war, hatte sich zuletzt Chancen auf einen Rio-Start durch die Ausnahmeregel erhofft. Doch das russische NOK dürfte die mittlerweile in den USA lebende Sportlerin für die Spiele kaum nominieren.

Etwas Hoffnung macht aber das IOC. Das Internationale Olympische Komitee will sich mit einem Startrecht der russischen Whistleblowerin Julia Stepanowa bei den Rio-Spielen befassen, wenn der Leichtathletik-Weltverband IAAF den Fall vor das IOC bringen sollte.

Kein Einfluss von Russland

„Die Frage der Stepanows und hier Julia Stepanowa im Besonderen, um die es ja geht, ist eine Frage, die sich im Moment noch nicht stellt“, erklärte IOC-Präsident Thomas Bach am Mittwoch in einem Hintergrund-Interview mit ARD und ZDF in Lausanne. „Nicht stellt, weil wir ein entsprechendes Anliegen der IAAF, die hier zuvorderst zuständig ist, noch nicht haben.“ Bach weiter: „Falls dieses kommen sollte, werden wir es sorgfältig prüfen müssen, wie und ob es mit den Bestimmungen in Einklang zu bringen ist.“

Das IOC werde unabhängig von Interessen Russlands entscheiden. „Die russische Regierung wird auf diese Entscheidung wie auch auf die ganzen anderen Entscheidungen, die wir getroffen haben, keinen Einfluss haben – und andere Regierungen auch nicht“, sagte Bach. Die 800-Meter-Läuferin Stepanowa hatte zusammen mit ihrem Mann wesentlich zur Aufdeckung des flächendeckenden Dopingsystems in ihrer Heimat beigetragen. Sie lebt inzwischen in den USA.

Erwartungsgemäß positiv kam die Entscheidung des IOC bei Russlands Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa an. Die Hoffnung auf den Olympiastart sei „noch nicht gestorben“, sagte die zweimalige Olympiasiegerin und lobte Bach für dessen „Besonnenheit“.

Vesper: „Nächster Schritt im weltweiten Anti-Doping-Kampf“

Wie die Maßnahmen gegen Russland und Kenia mit vermutlich zahlreichen Verfahren in der Kürze der Zeit bis Rio koordiniert werden sollen, ließ Bach offen. Dennoch lobte Vorstandschef Michasel Vesper vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) die „tiefgreifenden“ Maßnahmen. „Das ist der nächste Schritt im weltweiten Anti-Doping-Kampf“, sagte Vesper: „Es ist gut, dass der Blick geweitet wurde und nicht alleine auf Russland gerichtet wird.“

Auch Präsident Clemens Prokop vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) begrüßte das Gipfel-Ergebnis: „Es ist konsequent, dass diese beiden Länder nicht mehr direkt zu Olympia zugelassen sind.“

Generell beschloss der Gipfel auch eine Ausweitung der Sanktionen auf weitere Personenkreise. So sollen nicht nur gedopte Athleten, sondern auch in Dopingfälle verwickelte Funktionäre, Ärzte und Trainer bestraft werden und für Rio keine Akkreditierung erhalten.

Russland will gegen IAAF-Beschluss klagen

Russlands Olympisches Komitee (ROC) kündigte unterdessen in Lausanne an, dass es gegen den Rio-Ausschluss seiner Leichtathleten beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne klagen werde. Der Einspruch erfolge zum Schutz der Interessen und Rechte aller russischen Aktiven, die nie eines Dopingvergehens überführt worden seien, teilte Russlands NOK-Chef Alexander Schukow den Gipfelteilnehmern mit.

Allerdings sind Russlands Erfolgsaussichten gering. Der CAS hatte erst kürzlich eine Entscheidung des Gewichtheber-Weltverbandes bestätigt, wonach keine bulgarische Athleten wegen Doping-Verstößen in Rio starten dürfen.

Ungeachtet der Gipfels-Beschlüsse dürfte allerdings die seit dem Wochenende laufende Debatte über Russlands Generalausschluss von Olympia spätestens am 15. Juli an Gewicht gewinnen. Dann wird der Wada-Report zu möglichen Manipulationen von Doping-Proben bei den Winterspielen im russischen Sotschi 2014 veröffentlicht.

Sollten sich die Aussagen von Whistleblower Gregori Rodtschenkow, dem früheren Leiter des Doping-Labors in Moskau und Sotschi, bewahrheiteten, wird der „Fall Russland“ neu verhandelt. Wada-Präsident Craig Reedie kündigte schon an, dass bei weiteren Belegen die Grundlagen für einen Präzedenzfall wie den Ausschluss Russlands geschaffen sein könnten.

Heftige Kritik an der Wada

Derweil sieht sich die Wada selbst heftiger Kritik seitens des US-Senats ausgesetzt. Der sieht nämlich die Glaubwürdigkeit der Welt-Anti-Doping-Agentur wegen verschleppter Ermittlungen und auch mangelnder Unabhängigkeit gefährdet.

Senator John Tune (South Dakota) von den Republikanern forderte als Vorsitzendes des für Sport zuständigens Parlaments-Ausschusses per Brief von Wada-Präsident Craig Reedie (Schottland) konsequentere Verfolgung von Dopinghinweisen, Vermeidung von Interessenkonflikten und eine Aufarbeitung der Vergangenheit des systematischen Dopings in Russland über die Ermittlungen zu Vorgängen bei den Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi hinaus.

Thune legte seinem Schreiben Angaben der New York Times zufolge einen Katalog mit elf Fragen bei und setzte Reedie zur Beantwortung eine Frist bis zum 5. Juli.

Es geht um den Doping-Fall Pischtschalnikowa

"Stärke und Glaubwürdigkeit der Wada sind mittlerweile infrage gestellt. Die Aufgabe der Wada ist nicht sichergestellt, so lange ihre Führung Verbindungen zu Nationalen Olympischen Komitees oder Sportministerien hat, deren Ziel die Steigerung nationaler Wettbewerbsfähigkeit und von Medaillenzahlen ist. Eine wirklich unabhängige Wada ist für das Internationale Olympische Komitee elementar, um auf Weltebene Glaubwürdigkeit genießen zu können", schrieb Thune an Reedie. Er nannte die Doppelfunktion des Briten, der auch IOC-Vizepräsident ist, als besonderes Beispiel für seine Kritik.

Thunes Vorhaltungen wegen verschleppter Untersuchungen beziehen sich ausdrücklich auf den Fall der russische Diskuswerferin Daria Pischtschalnikowa. Die Athletin hatte der Wada 2012 umfangreiche Hinweise auf organisierte Doping-Praktiken in ihrem Heimatland zukommen lasse, doch die Wada leitete die Unterlagen lediglich an die russische Anti-Doping-Agentur Rusada zur Klärung weiter.

Pischtschalnikowa wurde kurz darauf von ihrem Heimatverband wegen Anabolikadopings für zehn Jahre gesperrt. Hinweise auf ein staatlich gestütztes Dopingsystem in Russland gab erst eine ARD-Dokumentation im Jahr 2014.