Starkes EM-Debüt

Wie Joshua Kimmich der neue Lahm werden will

Der Neuling sorgt auf der rechten Seite für Offensivdrang wie der WM-Kapitän. Um das zu lernen, hat er Lahms Technik "studiert".

Joshua Kimmich während des Spiels gegen Nordirland

Joshua Kimmich während des Spiels gegen Nordirland

Foto: Darren Staples / REUTERS

Paris.  Neulich musste Joshua Kimmich vortanzen. Solo. Und die gesamte Mannschaft schaute zu. Es war der Initiationsritus für den 21-Jährigen, der kurz vor dieser EM sein allererstes Länderspiel gemacht hatte. Normalerweise müssen Debütanten eine Rede halten, Kimmich aber bewegte stattdessen die Hüften, als die deutsche Nationalelf vor zwei Wochen den Tanz-Club Ludwigsburg ins EM-Quartier nach Evian eingeladen hatte. Er soll sich recht gut dabei angestellt haben.

Am Dienstagabend im Pariser Prinzenpark musste Joshua Kimmich erneut vortanzen. Nicht solo, sondern unter Führung von ein paar erfahrenen Partnern. Aber die ganze Welt schaute zu. Es war zudem ein Tanz, den der Münchner zuvor noch nicht allzu oft einstudiert hatte. Dass er sich auch hier mächtig gut anstellte, ist die Entdeckung des letzten EM-Gruppenspiels der deutschen Mannschaft gegen Nordirland.

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Kimmich, eigentlich defensiver Mittelfeldspieler, lief rechts in der Viererkette auf und war der auffälligste Spieler auf dem Platz. Seine Flanken und Angriffseinleitungen hätten zwei, drei Tore zur Folge haben dürfen. Aber weder der unglückliche Thomas Müller (8., 23. und 27. Minute), noch zweimal Mario Götze (52.) nutzten die Vorlagen. „Ich habe Jo sehr gut gesehen. Er hat gute Wege gemacht und für sehr gute Flanken gesorgt, hat nach vorn viel Bewegung gebracht und hinten viele Bälle gewonnen“, lobte Joachim Löw.

Raffinesse und Genauigkeit

Der Bundestrainer hatte sich diesmal gegen den Schalker Benedikt Höwedes entschieden, der zwar defensivstark ist, aber offensiv ziemlich hüftsteif agiert. Gegen die tief stehenden Nordiren wollte Löw nun Außenverteidiger aufbieten, die wie Außenstürmer denken – und Kimmich zeigte Raffinesse und Genauigkeit bei Flanken. „Er hat das super gemacht“, schwärmte Mesut Özil, der die etwas gewöhnungsbedürftige Man-of-the-Match-Trophäe, die ihm nach dem Spiel überreicht wurde, auch an Kimmich hätte übergeben können. Sogar Höwedes sagte: „Jo hat ein Klassespiel gemacht. Es war die richtige Entscheidung vom Trainer.“

Löw hat seit dem WM-Triumph manches Mal an Philipp Lahm gedacht. Aber dass der ehemalige Kapitän seinen Rücktritt nicht revidieren würde, wusste er auch. Seine Suche nach einem Nachfolger, sie blieb erfolglos. Sebastian Rudy, Emre Can, Antonio Rüdiger und Matthias Ginter durften sich probieren. Keiner war wie Lahm.

Video auf Youtube angeschaut

Kimmich hat kürzlich verraten, dass er sich ein paar Videos von diesem Lahm auf Youtube angesehen habe, um zu verstehen, wie der das macht – vorn ebenso stark zu sein wie hinten. Nun war sein Auftritt gegen Nordirland der lahmmäßigste seit langem in Löws Elf, was auch deshalb erstaunlich ist, weil Kimmich in 35 Pflichtspielen für den FC Bayern kaum rechts zum Einsatz kam. Was den U19-Europameister von 2014 auszeichnet, beschrieb Löw so: „Im Vorfeld des Spiels konnte ich keine Nervosität bei ihm feststellen. Er ist sehr clever und selbstbewusst. “

Sein Debüt im Nationalteam verlief für Kimmich nicht besonders berauschend: Beim EM-Test gegen die Slowakei (1:3) war er an zwei Gegentoren mitschuldig. Löw nahm ihn trotzdem mit nach Frankreich. Nun geht es im Achtelfinale sehr wahrscheinlich wieder gegen die Slowakei, und Kimmich wird wohl eine weitere Chance bekommen. „Die Slowakei spielt sehr defensiv, da brauchen wir Spieler, die in die Tiefe gehen“, sagte Löw. Spieler wie Kimmich.