Leichtathletik

Robert Harting ist wieder Herr im Ring

Auf beeindruckende Art sichert sich Robert Harting den nationalen Meistertitel und damit das Rio-Ticket. Er gewinnt im letzten Versuch.

Jaaaa, und jetzt kommt Rio: Robert Harting freut sich nach seinem gelungenen Wettbewerb bei den Deutschen Meisterschaften in Kassel

Jaaaa, und jetzt kommt Rio: Robert Harting freut sich nach seinem gelungenen Wettbewerb bei den Deutschen Meisterschaften in Kassel

Foto: Bernd Thissen / dpa

Kassel. Das Trikot blieb heil, aber der spontane Freudenausbruch des Robert Harting war schon wieder filmreif. Der Mann, der sich nach seinen großen Triumphen bei Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen 2012 das National-Hemdchen zerriss, staunte bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Kassel ein wenig über sich selbst.

Im letzten Versuch schickte Harting im Auestadion den Diskus auf die Siegesbahn. Nach 68,04 Metern schlug die zwei Kilogramm schwere Scheibe im Rasen ein. Erster Platz, der neunte Meistertitel für den Berliner und das sichere Ticket zu den Olympischen Spielen.

Aber es war alles andere als Routine, es war ein ganz besonderer Tag, ein ganz spezieller Titel für Harting. Weil der 31-Jährige zuvor so lange verletzt aussetzen musste. Weil er so sehr von der nationalen Konkurrenz gefordert wurde wie noch nie. Und weil er diesen ersten Platz dringend brauchte, um jetzt in aller Konzentration die nächste, die noch viel größere Mission anzugehen: Im August will Robert Harting am liebsten wieder Gold bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro holen.

Seine Emotionen zeigen nur, wie sehr er unter Druck stand

Als seine Siegerweite in gelben Ziffern auf schwarzem Hintergrund aufleuchtete, fasste sich Harting an den Kopf, ging in die Knie, haute mit seinen riesigen Händen euphorisch auf den Rasen und führte den 15.000 Zuschauern eine kurze, aber umso intensivere Kostprobe des Schattenboxens vor.

Nicht so schnell, wie es der verstorbene Muhammad Ali früher seinen Fans vorführte. Ali bleibt immer der Größte, aber Harting bewies an diesem Sonntagnachmittag, dass er ein Großer ist. Sein Ausbruch der Emotionen zeigte auch, wie sehr dieser Modellathlet unter Druck stand. Nachdem er seinen Rivalen wieder einmal gezeigt hatte, wer der Herr im Ring ist, spürte er nur noch grenzenlose Erleichterung.

Vor seinem letzten Versuch hatte Robert Harting mit 65,60 Metern nur auf dem dritten Rang hinter seinem jüngeren Bruder Christoph (66,41) und dem Wattenscheider Daniel Jasinski (65,18) gelegen. Nicht schlecht, aber hätte er nicht gekontert, hätte Harting vor einem Problem gestanden. Da sich nur der Deutsche Meister direkt für Rio qualifiziert, hätte er sich in den nächsten Wochen noch gegen die nationale Konkurrenz im Kampf um die zwei weiteren Fahrkarten streiten müssen.

"Mir hat der Hintern geglüht"

„Vor dem sechsten Versuch waren die Bedingungen gut“, erzählte später Harting, „ich habe bemerkt, dass der Wind kommt. Ich wollte unbedingt in den Ring und das Ding machen.“ Gesagt, getan. Der Harting, wie er sich selbst nennt, ist zurück. Und wie hat er es wieder einmal hinbekommen, wie hat er es erneut geschafft, im richtigen Moment zu kontern?

Harting schmunzelt und sagt dann: „Mir hat der Hintern geglüht. Ich brauche diese Bedrohung. Ich kann sie gut in Energie umformen. Das ist positives Adrenalin, das ist das beste Doping.“ Und ausdrücklich erlaubt.

Harting hat eine lange Leidenszeit hinter sich. Im September 2014 riss sein Kreuzband und er musste die komplette Saison 2015 zuschauen. „Ich habe das Karriereende schon gespürt“, erzählte er am Sonntag. „Ich bin froh, dass ich diese zweite Chance erhalten habe.“

Verzicht auf EM in Amsterdam

Der Olympiasieger von 2012 wird nach den Titelkämpfen in Kassel nun in die konkrete Vorbereitung auf die Sommerspiele in Rio einsteigen. Für ihn war es wichtig, sich das Ticket direkt zu sichern. So kann er auf die Europameisterschaften im Juli in Amsterdam verzichten. Wäre er nur Zweiter in Kassel geworden, hätte er sich im internen Duell mit seinen nationalen Rivalen (außer Robert Harting haben auch Bruder Christoph, Daniel Jasinski, Markus Münch und Martin Wierig die Olympianoem erfüllt) weiter empfehlen müssen.

So verzichtet er auf einen möglichen EM-Titel. „Ich brauche die Zeit jetzt, um weiter an meiner Form zu arbeiten. Ich bin noch wie ein Geländewagen“, sagte er, „zur Formel 1 fehlt mir noch ein wenig.“ Neben Robert Harting haben die Zweiten und Dritten von Kassel, Christoph Harting und Jasinski, die besten Chancen auf die Olympia-Fahrkarten. „Wir haben ein Luxusproblem bei der Nominierung“, sagte DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska.

Und dann verließ Robert Harting mit strahlendem Gesicht das Kasseler Auestadion. „Wenn ich es melodramatisch ausdrücken will, dafür hat es sich gelohnt zurückzukommen. Dieser Wettkampf hat mir eine ganz andere Selbstbewusstseins-Dimension verschafft.“